Lieber Hans Bender,

ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 15.Mai und Ihre freundliche Aufforderung, an Ihrer Antohlogie „Mein Gedicht ist mein Messer“ mitzuarbeiten.

Ich erinnere mich, daß ich Ihnen seinerzeit sagte, der Dichter werde, sobald das Gedicht wirklich da sei, aus seiner ursprünglichen Mitwisserschaft wieder entlassen. Ich würde diese Ansicht heute wohl anders formulieren bzw. sie zu differenzieren versuchen; aber grundsätzlich bin ich noch immer dieser — alten — Ansicht. Gewiß, es gibt auch das, was man heute so gern und so unbekümmert als Handwerk bezeichnet. Aber — erlauben Sie mir diese Raffung des Gedachten  und Erfahrenen — Handwerk ist, wie Sauberkeit überhaupt, Voraussetzung aller Dichtung. Dieses Handwerk hat ganz bestimmt keinen goldenen Boden — wer weiß, ob es überhaupt einen Boden hat. Es hat seine Abgründe und Tiefen — manche (ach, ich gehöre nicht dazu) haben sogar einen Namen dafür.

Handwerk — das ist Sache der Hände. Und diese Hände wiederum gehören einem Menschen, d.h. einem einmaligen und sterblichen Seelenwesen, das mit seiner Stimme und seiner Stummheit einen Weg sucht.

Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied  zwischen Händedruck und Gedicht. Man komme uns hier nicht mit „poiein“ und dergleichen. Das bedeutete, mitsamt seinen Nähen und Fernen, wohl etwas anderes als in seinem heutigen Kontext.

Gewiß, es gibt Exerzitien — im geistigen Sinne, lieber Hans Bender! Und daneben gibt es eben, an jeder lyrischen Straßenecke, das Herumexperimentieren mit dem sogenannten Wortmaterial. Gedichte, das sind auch Geschenke — Geschenke an die Aufmerksamen. Schicksal mitführende Geschenke.

„Wie macht man Gedichte?“
Ich habe es vor Jahren eine Zeitlang mit ansehen und später aus einiger Entfernung genau beobachten können, wie das „Machen“ über die Mache allmählich zur Machenschaft wird. Ja, es gibt auch das, Sie wissen es vielleicht. — Es kommt nicht von ungefähr.

Wir leben unter finsteren Himmeln, und — es gibt wenig Menschen. Darum gibt es wohl auch so wenig Gedichte. Die Hoffnungen, die ich noch habe, sind nicht groß; ich versuche, mir das mir Verbliebene zu erhalten.

Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Arbeit

Ihr Paul Celan

Paris, den 18.Mai 1960

Paul Celan: Ein Brief. In: Hans Bender (Hg.): Mein Gedicht ist mein Messer.  Lyriker zu ihren Gedichten. München 1964.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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