Egon Bahr war bis fast in die unmittelbare Gegenwart stets ein politischer Kommentator und gestaltete mit seinen Einwänden bis tief in die 1990er hinein die politische Landschaft der Bundesrepublik. Es ist mehr als zweifelhaft, ob er tatsächlich ein derartiger Patriot und Nationalist war, wie ihn Sigmar Gabriel darstellte, um ihn in Einklang mit seiner aktuellen Parteilinie zu bringen. Der Verdacht besteht, dass der Tod zum Anlass genommen wurde, um eine tagesaktuelle Message in die Medien zu bringen. Leben und Sterben in der heutigen Mediendemokratie.

Egon Bahr gehörte auch zu einer Riege von Persönlichkeiten der alten Bundesrepublik, die nun langsam aber sicher wegstirbt. Es kommt mir so vor, als gäbe es ein krasses Gefälle zwischen diesen damaligen Persönlichkeiten und den heutigen Mediendarstellern.

Die nächsten dieser Riege sind Kohl, Genscher, Enzensberger, Walser, Kluge, Habermas. Mir ist, als seien keine vergleichbaren Persönlichkeiten nachgekommen in der Berliner Republik. Oder?

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Bild: Le penseur de la Porte de l’Enfer (Bild: Wolfgang Schnier)

Die Frage kommt auf, ob vielleicht in der Rückschau diese Persönlichkeiten derart schrill hervortreten. Helmut Kohl war in jungen Jahren ein Reformer unter den Konservativen — heute ist das Bild von ihm etwas anders. Habermas begleitete die Bonner Republik seit den 1950er Jahren — in der Berliner Republik ist er nicht mehr in gleicher Weise in Erscheinung getreten.

Ist es wirklich nur ein nostalgisch verbrämter Blick? Wir leben in einer postdemokratischen, medienfixierten Zeit, in der die Aufmerksamkeiten schlicht anders verteilt sind als zu Zeiten, in denen viele von uns noch sozialisiert wurden. Günter Grass oder Enzensberger hatten in den öffentlichen Debatten ein starkes Gewicht und viel Einfluss. Man konnte mit ihnen streiten, sich an ihren Positionen reiben. Ein Habermas konnte Nolte die Leviten lesen bis in der Republik die Wände wackelten. Und heute? Anfang des Jahres gab es eine Feuilletondiskussion darüber, ob die Gegenwartsliteratur langweilig sei. Hat diese Debatte überhaupt irgendjemanden interessiert — vielen kam diese Diskussion ebenso langweilig vor wie ihr eigener Befund. Die Büchnerpreisträger hießen einmal Enzensberger, Celan, Golo Mann, Heinrich Böll, Martin Walser. Und heute? Reinhard Jirgl, Jürgen Becker, Wilhelm Genazino. Ich möchte damit nicht sagen, dass es ein Gefälle in der literarischen Qualität gäbe, sondern vielmehr, dass diese Herren (ja es sind fast ausschließlich Männer) einen anderen Grad an Öffentlichkeit einnehmen als die Herrschaften der alten Bundesrepublik. Kaum noch mischt sich eine/r ein, und falls doch, wird er oder sie kaum gehört. Das Ergebnis: Die Intellektuellen ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück und überlassen das Feld den Mediendarstellern, die sowieso viel besser im Fernsehen herumhampeln können.

Das Ganze ist eingebettet in eine generelle Boulevardisierung der Gesellschaft. Denn zu dieser Entwicklung gehört eben auch die Tatsache, dass es eine immer kleiner werdende Öffentlichkeit überhaupt interessiert, wenn ein Habermas oder Enzensberger etwas zu sagen haben. Übrigens, Enzensberger äußerte sich zu den Snowden-Enthüllungen. Weiß das noch jemand? Eben: In einer sich immer schneller drehenden Welt fliegen solche Debatten auch immer schneller aus dem Bereich der öffentlichen Aufmerksamkeit heraus; den Zentrifugalkräften widersteht, wer permantent in den Medien, das heißt heute immernoch: Fernsehen, präsent ist. Allerdings braucht eine öffentliche Debatte auch Rezipienten, die in der Lage sind, der Diskussion zu folgen. Aber das scheint immer problematischer zu werden. Zwei Schlaglichter: In Schulen werden mittlerweile Film-AGs angeboten, in denen die Kinder ganz normale Spielfilme schauen. Lernziel hier: Sich 90 Minuten lang auf eine Sache konzentrieren. Das können viele schon gar nicht mehr. Oder: Die OECD jammerte jahrelang, dass Deutschland schlecht in den Pisa-Studien abschnitt, weil sie das duale Ausbildungssystem in Deutschland nicht verstanden hatten. Die neoliberalen Controller wollten eine höhere Akademikerrate. Die Menschen werden aber nicht einfach schlauer nur weil ein paar Controller das wollen. Daher bekommt man nur dann möglichst schnell möglichst viele Leute an die Universitäten, wenn man das Eintrittsniveau senkt, also das Niveau des Abiturs dramatisch senkt (1, 2). Sind diese Leute, die vor zehn oder zwanzig Jahren noch kein Abitur bekommen hätten, schließlich an der Universität, muss man logischerweise hier auch das Niveau senken (1,2), um sie zu einem Abschluß zu überreden. Da kommt die Frage auf, ob überhaupt noch auf einem Niveau wie in der alten Bundesrepulik in der Öffentlichkeit debattiert werden kann.

Und Egon Bahr? Er hatte ein völlig anderes politisches Koordinatensystem, das in seiner Generation durch den Rückfall in die Barbarei und die „drastische Schuld der Verschonten“ genordet war. Er dachte in größeren Zusammenhängen, nicht so kleinteilig und kleingeistig wie ich es hier getan habe. Was heißt das? Nun, Egon Bahr:  „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ Und: „Hitler bedeutet Krieg, hat mein Vater 1933 zu mir gesagt. Als Heranwachsender habe ich das nicht geglaubt. Und so ist es jetzt wieder. Ich, ein alter Mann, sage euch, dass wir in einer Vorkriegszeit leben.“

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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