Die Prognosen sagen, Deutschland nehme bis zu 800.000 Flüchtlinge auf in diesem Jahr. Brennende Flüchtlingsheime beweisen: Es sind nicht genug. Erst wenn 100 Flüchtlinge auf jeden Nazi kommen, der frei herumläuft, fühle ich mich langsam wieder wohl in diesem Land.

Die Aktion #BloggerfuerFluechtlinge will vor allen Dingen Zeichen setzen für die Solidarität mit Flüchtlingen. Jochen hat auf lustauflesen.de die Sache auf den Punkt gebracht.

Eigentlich müsste man das ganze in die politische Großwetterlage einbetten. Fluchtursachen bekämpfen statt Flüchtlinge. Waffenexporte hinterfragen. Die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993. Das können aber andere besser als ich, wie zum Beispiel Günter Grass.

Daher dachte ich, ich kann einmal ein paar Lieder heraussuchen. Denn manchmal brauchen Menschen so etwas wie eine eine Empathiebrücke, um sich einfühlen zu können. Manchmal ist es auch ganz gut, eine Argumentationshilfe zu haben. Und manchmal braucht man einfach ein Stück vorformulierten Text, um ihn anderen um die Ohren zu hauen. Genau diese Dinge kann man in Liedern finden. Ich habe daher einmal zehn Lieder herausgesucht, die sich mit dem Thema Flucht, Vertreibung und Flüchtlinge beschäftigen.

#1 Rise Against: Prayer of the Refugee

But we’ve been sweating while you slept so calm,
In the safety of your home.
We’ve been pulling out the nails that hold up
Everything you’ve known.

Flüchtlinge sind nicht nur Objekte unseres Helfersyndroms, sondern Menschen mit einer Biographie, einer Geschichte, mit Träumen und Wünschen. Sie können liebenswürdig sein oder gemein. Oder sie haben Wut und Angst im Bauch, die sie vorantreiben. Wie das eben so ist.

#2 Grönemeyer: Feuerlicht

Ich hab nichts mehr zu verlieren
Wenn ich nicht schaff werd ich zur Last
Such einen Platz in deinem Quartier
Und nicht was du gespart hast
Nur etwas Halt in dem Dickicht
Etwas Halt und sonst nichts

Grönemeyer ist von den hier vorgestellten Musikern vermutlich einer der Bekanntesten bei den Mainstreaminteressierten. Das kann helfen, wenn man einen Zugang zu Menschen braucht, die man mit den anderen Liedern nicht erreichen kann.

#3 Boysetsfire: After the Eulogy

How many starving millions have to die on our front doorsteps
How many dying millions have to crawl to our front doorsteps
Written signed off in the obituary what happened to us
Where’s your anger? Where’s your fucking rage?

Manchmal genügt es nicht, einfach nur nett zu sein. Manchmal muss man sich an die eigene Nase fassen und zugeben: Irgendwie ist man Teil des Problems. Wenn man sich einmal die Ohren durchpusten lässt, wie etwa hier, dann sieht man vielleicht auch einmal klarer (man sollte sich vielleicht den Songtext zur Hand nehmen). Es gibt Fluchtursachen, und die haben auch etwas mit uns zu tun, wie wir leben und wie wir mit anderen Menschen in anderen Teilen der Welt umgehen.

#4 Pur: Neue Brücken

Ich find auf meinem Globus so viel Flächen ohne Brot,
und ehemals bunte Teile färbt ein Blutstrom tödlich rot,
die Gier, Hass, Neid und Rachsucht sind die Seuchen dieser Welt,
das Immunsystem verlässt sich auf den wahren Gott, das Geld.

Die Tür wird schnell verriegelt. Ist das kein Asylbetrug?
Die paar gut gemeinten Lichterketten waren noch lange nicht genug.

Dieser Text stammt aus den 1990er Jahren, als schon einmal die Flüchtlingsheime brannten in diesem Land. Anders wie damals gibt es aber heute eine breitere Solidarität in der Bevölkerung, viele können sich noch an die Pogromstimmung damals erinnern und sind peinlich berührt. Auch die Medien haben einen anderen Unterton als damals, man hat gelernt. Pur waren in den 1990ern eine größere Nummer als heute und erreichten viele Menschen. Hier kann man sich den Song anhören.

#5 Adam Angst: Splitter von Granaten

So lange hier keine Sirenen erklingen,
keine Soldaten durch unsere Fenster springen,
keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen,
ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land.
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Adam Angst haben dieses Jahr ihr Debütalbum herausgebracht und sind noch so etwas wie ein Geheimtipp in der (Post-)Punk-Szene. Leider haben sie gerade zu diesem Lied kein offizielles Video produziert, aber die Liveauftritte sind fast noch besser als das Studioalbum (wenn auch die Aufnahmequalität der Handykameras natürlich nicht besser ist als die Studioversionen der Songs).

#6 Bob Dylan: Chimes of Freedom

Flashing for the warriors whose strength is not to fight
Flashing for the refugees on the unarmed road of flight
And for each and every underdog soldier in the night
And we gazed upon the chimes of freedom flashing

Inspiriert vom Rimbauds Symbolismus, formuliert Dylan Gedanken während eines Gewitters, dessen Donner und Blitz für diejenigen den Nachthimmel erhellen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Es ist, wie oft bei Dylan, eine ganze Geschichte, die erzählt wird, und man sollte sich die Zeit nehmen und der Geschichte zuhören.

#7 Pascow: Zeit des Erwachens

In Tunesien ins Wasser.
Übers Mittelmeer geht’s schnell.
Das Boot so alt wie überfüllt
und in zwei Stunden wird’s schon hell.
Doch ganz egal, wer’s heute schafft,
weil auch der „Stern“ schon nicht mehr zuckt,
wenn sie zu Hause erst die Welt
oder hier die See, die warme See verschluckt.

Pascow hatte ich bereits hier kurz vorgestellt und wenn man ernsthaft an Deutschpunk interessiert ist kommt man an dieser Kapelle nicht vorbei. Das interessante an ihren Texten ist, dass sie oftmals nicht einfachcodiert, sondern auslegungsbedürftig sind. Das kommt schon hin und wieder im Punk vor (wie etwa auch bei diesem vergessenen Lied hier), aber ist letztlich doch die Ausnahme.

#8 Tocotronic: Solidarität

Die, ihr jede Hilfe braucht
unter Spießbürgern Spießruten lauft
Von der Herde angestielt
Mit ihren Fratzen konfrontiert
Die ihr nicht mehr weiter wisst
Und jede Zuneigung vermisst
Die ihr vor dem Abriss steht
Ihr habt meine Solidarität

Ja, um nichts anderes geht es: Solidarität. Wer bringt es auf den Punkt? Tocotronic.

#9 Toto: Africa

The wild dogs cry out in the night
As they grow restless, longing for some solitary company
I know that I must do what’s right
As sure as Kilimanjaro rises like Olympus above the Serengeti
I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become

Dave Paich sagte über die Entstehung des Songs: „At the beginning of the ’80s I watched a late night documentary on TV about all the terrible death and suffering of the people in Africa. It both moved and appalled me and the pictures just wouldn’t leave my head. I tried to imagine how I’d feel about if I was there and what I’d do.“

Es grenzt schon fast ans Folkloristische, was Toto da singen. Aber es ist eben an der Grenze. Trotzdem bekommt man mit dieser Perspektive nicht in den Blick, wieso seit den 1990er Jahren Äthiopien immer wieder Getreide auf dem Weltmarkt verkauft, während die Menschen im Land hungern. Aber vielleicht wird dieses Lied ja der Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit diesen Zusammenhängen?

#10 John Lennon: Imagine

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace…

Manchmal sind Zusammenhänge auch einfach, wenn ich auch meistens etwas skeptisch gegenüber einfachen Welterklärungen bin und das momentane Elend in Deutschland eben auch durch eine Simplifizierung und Kurzschlüsse in den Gedankengängen herrührt. Aber John Lennon kann man hier recht geben. Geschrieben wurde das Lied zu einer Zeit, als sich Nationalstaaten noch nicht in supranationale Institutionen auflösten und noch ein eindeutiges Identifikationspotential boten. Das ist heute nicht mehr so ohne weiteres möglich und, leider, viele Menschen haben damit ein Problem.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Bin ganz zufällig auf diesen Beitrag gestoßen, finde ihn Großartig. Wenn nichts dagegen spricht würde ich ihn gerne auf meinem Blog im nächsten Beitrag zu dem Thema erwähnen und ggf. zitieren.

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