Nachdem ich die  Angelegenheit in — natürlich all ihren Aspekten betrachtet habe, bin ich zu der Ansicht gekommen, daß es keine Entschuldigung für Lyrik gibt. Lyrik zahlt sich in Geld nicht angemessen aus, ist wegen der durch ihre Form bedingten Platzverschwendung teuer im Druck und verkündet fast immer illusorische Lebenskonzepte. Aber ein noch besseres Argument für ein Verbot aller Lyrik ist die simple Tatsache, daß die meiste Lyrik schlecht ist. Niemand wird tausend Tonnen Marmelade herstellen, weil er erwartet, daß vielleicht fünf Tonnen davon eßbar sind. Außerdem hat Lyrik auf die unerhebliche Handvoll ihrer Leser den Effekt, sie ihrerseits zum Schreiben von Lyrik zu stimulieren. Ein Gedicht, weit genug verbreitet, wird vielleicht eintausend mindere Exemplare hervorbringen. Der gleiche Einwand kann nicht auf dem Gebiet der Malerei oder Bildhauerei geltend gemacht werden, da diese Beschäftigungen Arbeitsplätze für Handwerker schaffen, welche die Materialien herstellen. Darüber hinaus sind Dichter gewöhnlich unangenehme Menschen, die arm sind und ständig darauf bestehen, jenes unglaublich langweilige Thema, ‚Bücher‘, zu erörtern. Sie werden weiter oben bemerken, daß ich die Redewendung ‚illusorische Lebenskonzepte‘ verwendet habe. Wenn Sie sie sorgfältig untersuchen, werden Sie bemerken, daß sie ohne jede Bedeutung ist, aber so was ist ja völlig unwichtig. Dichter sind unwichtig, und ein bißchen sinnloses Gerede hier und da ist ebenfalls unwichtig. Wichtig sind Essen, Geld und Gelegenheit, seine Feinde zur Sau zu machen. Man gebe einem Mann diese drei Dinge, und schon wird man nicht mehr viel Geplärre von ihm zu hören kriegen.

Flann O‘ Brien: Trost und Rat. Deutsch von Harry Rowohlt. Zürich 2003, S. 51. 

Aus dem Klappentext: Ab 1940 schrieb Flann O’Brien unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen (Myles von den Pferdchen) in der Irish Times 26 Jahre lang die Kolumne Cruiskeen Lawn (Gefüllter Krug). Mit satirischer Brillanz kommentierte er alle Aspekte irischen Wesens und Unwesens — die Kolumne war jahrelang ’so etwas wie eine heilige Schrift für intellektuelle Dubliner‘. Trost und Rat spendet O’Brien insgesondere ‚dem einfachen irischen Volk‘, das in den Kolumnen immer wieder als Gesprächspartner auftrit tund dabei die selbstbewusste Stimme der unerschütterlichen Mediokrität verkörpert. Mit besonderer  Vorliebe nimmt sich O’Brien außerdem neureichen und bildungsbeflissenen Emporkömmlingen an.  

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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