Di schwarze Wassern

in schwarze wassern
schpiglsstu kil dajn ponem,
zejchnsst tunkele ssimonim
in schwarze wassern.

wen dajn more-schchojre
gejt ojf schwer zu di schtern
faln malochimss schwarze trern
in dajn more-schchojre.

dajne ojgn kiln
tajchn fun lewoness;
wen di nachtleche ssakoness
dajne ojgn kiln.

noch aschikt dajn tfile
baj farloschene kwaln
wu alz otemt mit zefaln
aschikt noch dajn tfile.

Die schwarzen Wasser

In schwarzen Wassern
Spiegelst du kühl dein Gesicht
Schreibst dunkle Zeichen
In schwarze Wasser.

Steigt deine Schwermut
Schwer zu den Sternen auf,
Fallen schwarze Tränen der Engel
In deine Schwermut.

Deine Augen kühlen
Mondenflüsse;
Wenn die Gefahren der Nacht
Deine Augen kühlen.

Noch ascht dein Gebet
An versiegten Quellen,
Wo alles Untergang atmet,
Ascht noch dein Gebet.

(Übertragung: Hubert Witt)

Lajser Ajchenrand ist einer der jiddischen Dichter, die oft im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung standen, jedoch mit Abraham Sutzkever und Rajzel Zychlinski zu den bedeutendsten jiddischen Dichtern des 20. Jahrhunderts gehört. Geboren am 23.September 1911 in Dęblin in Polen, einem typischen Schtetl vor der Shoah, überlebte er den Zweiten Weltkrieg in Frankreich und der Schweiz und starb am 12. September 1985 in seiner späteren Wahlheimat Schweiz.

Ajchenrand schrieb in seiner Muttersprache, dem Jiddischen. Dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in einem deutschsprachigen Verlag in der Schweiz und damit auch für ein deutschsprachiges Publikum veröffentlichte, irritierte viele seiner Freunde undWeggefährten, die in Erez Israel eine neue Heimat gefunden hatten. Ajchenrand erhielt als Staatenloser Zuspruch von Hermann Hesse, der an die Eidgenössische Fremdenpolizei schrieb: „Ich habe zu Herrn Layser Ajchenrand keinerlei persönliche Beziehung. Doch kenne ich eine Anzahl seiner wertvollen, schönen und eigenartigen Gedichte, die ich sehr schätze, und die nicht nur als schöne Zeugnisse einer besonderen Begabung fortbestehen werden, sondern auch als mahnende Dokumente des jüdischen Schicksals in unseren Tagen. Dieser Dichter gehört zu den besten dichterischen Sprechern und Vertreter seines Volkes.“ Ajchenrand erhielt 1976 den Itzik Manger-Preis, einem der bedeutentendsten israelischen Literaturpreise, der wegen seines Ansehens auch der „jiddische Nobelpreis“ genannt wird. Die Entscheidung dazu traf die Jury einstimmig. In Israel lebte Ajchenrand von 1957 bis 1961, bevor er sich danach dauerhaft in der Schweiz niederließ. In Israel lernte er auch den bekannteren jiddischen Dichter Abraham Sutzkever kennen, zu dem er eine lebenslange Freundschaft pflegte.

Ajchenrands Dichtung wurde meist als ‚hermetisch‘ beschrieben. Dabei ist aber diese Kategorisierung problematisch: Für gewöhnlich meint man damit so etwas wie ‚besonders auslegungsbedürftige Dichtung‘. Allerdings ist das ein Kennzeichen von Dichtung allgemein, die nicht einfachcodiert ist, sondern verschiedene Bedeutungs- und Anspielungsebenen besitzt. Oftmals wird das Adjektiv ‚hermetisch‘ auch negativ konnotiert benutzt als Synonym für ‚unverständlich‘. Das sagt allerdings mehr über den Interpreten als etwas über das Gedicht aus. Denn genau das sind diese hermetischen Gedichte nicht: Sie zeigen auf, dass man sich von der direkten Wortebene trennen muss, eine einfache relationale Beziehung zwischen den Satzteilen nicht durchgängig möglich ist, sondern — oftmals — viel eher Motive und Metaphern von einer Bedeutung zur nächsten tragen. Das aber ist kein alleiniges Merkmal der so genannten hermetischen Dichtung, sondern findet sich nicht zuletzt bereits im Symbolismus und Surrealismus, in deren Tradition auch Lajser Ajchenrands Gedichte oftmals stehen.

Lajzer Ajchenrand
Foto: Wolfgang Schnier

So könnte man bei dem Gedicht hier von einem Zwiegespräch ausgehen, um einen Interpretationsstrang kurz zu skizzieren: Das lyrische Ich spiegelt sich in einem „dunklen Wasser“ und scheint zu sich selbst zu reden. Daher kann man auch in dem „du“/“dein“/“deine“ eine Selbstansprache des lyrischen Ichs interpretieren. Als Zwie- und Selbstgespräch kann man nun wiederum das Gedicht als ein Gebet auffassen. Gebete kann man ja generell und unabhängig von ihrem transzendentalen Gehalt als Selbstgespräche deuten: Hier kann dieses Selbstgespräch eine Einsamkeit des lyrischen Ichs bedeuten, oder die Einsamkeit führt erst zu dem Selbstgespräch. Darauf deuten auch die Rahmenbedingungen hin, unter denen das Gebet stattfindet: Nacht, Sterne, „tajchn fun lewoness“. Zentrale Metapher ist in diesem Gedicht offenbar das Wasser, das sowohl im Titel wie in allen Strophen in der ein oder anderen Form angesprochen wird: In der ersten Strophe ist es das „schwarze Wasser“, das spiegelt, in der zweiten Strophe sind es die „Tränen der Engel“, in der dritten die „Mondenflüsse“ und in der letzten Strophe die „versiegten Quellen“. Der Bedeutungshorizont des Wassers ist komplex: Er reicht von dem biblischen Wasser, über dem der Geist Gottes vor der Schöpfung schwebte (Genesis) sowie der Sintflut, über die Bedeutungsebenen der Wandelbarkeit, der Erneuerung und der Jugend, bis hin zu dem Symbol für geistige Fruchtbarkeit und geistige Leistung. Beigestellt sind dem Wort relativierende und negierende Adjektive, die die eigentlich positiv konnotierte Bedeutung des Wassers umkehren: „schwarze Wasser“, „schwarze Tränen“, „versiegten Quellen“. Das „aschene Gebet“ kann man wiederum als eine Anspielung auf die Shoah verstehen; es geht um die namenlosen Opfer, die zu Asche verbrannt wurden. Darüber hinaus steht die Asche in krassem Kontrast zu den verschiedenen Spielarten des Wassers; das Überrestprodukt der Verbrennung ist dem lebensspendenden Wasser diametral gegenübergesetzt. Mit dem „aschenen Gebet“ wird das Gedicht zu einer Art Kaddisch, zu einem melancholischen, hoffnungsverlorenen Totengebet. Hier kommt nun eine weitere Komplexitätsebene hinzu: Die Bedeutungsvielfalt des Wassers und die Bedeutung der Wandelbarkeit des Wassers sprechen wiederum selbst einen Wandel an, den das Wasser durch die Strophen einnimmt. Es ist ein negativer Klimax: Von den unbestimmten und damit uferlosen „schwarzen Wassern“ über „schwarze Tränen“ bis hin zur „versiegten Quelle“ nimmt die Quantität des Wassers immer mehr ab. Mit dem Versiegen der Quelle ist auch die Wandelbarkeit unterbunden, die Vielfalt und die Bedeutungspluralität, auf die das „dunkle Zeichen“ auf sich selbst verweist. Im Kontext des „aschenen Gebets“ sind es die vielfältigen, wandelbaren jüdischen Menschen, die in der Shoah ermordet wurden und hier betrauert werden. Als Teil der jüdischen Kultur spiegelt sich nun das lyrische Ich im „scharzen Wasser“: Wie oben festgestellt, spricht es ja sich selbst an. Das lyrische Ich spricht also sich selbst, der osteuropäischen jüdischen Kultur, das Kaddisch.

Das Gedicht ist dem Gedichtband Aus der Tiefe rufe ich entnommen, den Hubert Witt vor einiger Zeit aus dem Jiddischen übertragen und mit einem Nachwort versehen hat. Das Buch enthält die jiddischen Originaltexte, die Transkription sowie die Übertragung ins Deutsche. Insgesamt hat der Band über 300 Seiten und sei hiermit jedem empfohlen, der mehr von und über Lajser Ajchenrand lesen und erfahren möchte.

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Lajser Ajchenrand: Mimaamakim. Aus der Tiefe rufe ich. lider und ssonetn. Gedichte Jiddisch und Deutsch. Aus dem Jiddischen übertragen und mit einem Nachwort von Hubert Witt. Zürich 2006. ISBN: 9783250105015

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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