„Und seit 2006 der vierundzwanzigjährige Handyverkäufer Ilan Halimi als Jude zu Tode gefoltert worden war, beschäftigte der Antisemitismus der muslimischen Jugend in den Vororten jeden Einzelnen von ihnen. Egal, wie gelöst die Stimmung war, früher oder später wurde dieser neue ekelerregende Judenhass erörtert. Marc hatte darüber geschrieben. Er hatte den Körper des armen Jungen gesehen, der zu achtzig Prozent mit Säure verätzt worden war. Und der Anblick, der sich ihm geboten hatte, war so schrecklich gewesen, dass es sogar ihn, den abgebrühten Journalisten, erschüttert hatte. Er hatte mit dieser Erschütterung über den Prozess geschrieben, hatte jedes einzelne Gangmitglied porträtiert. Alle waren sie arbeitslos, alle Kinder von Immigranten aus afrikanischen Staaten, alle französische Staatsbürger, alle orientierungslos und frustriert, alle an den Rand gedrängt, alle von radikalislamischer Literatur aufgehetzt und verseucht und auf die Juden fixiziert, die zum Objekt von Wahnvorstellungen geworden waren. Und alle hatten sich mit ihrem selbstgebastelten Islam, der nichts mehr mit der Religion ihrer Väter zu tun hatte, die sie ihres Integrationswillens und ihrer Schwäche wegen verachteten, eine Ersatzidentität geschaffen, die ihnen eine Wichtigkeit vorgaukelte, die sie nur in der Ausübung von Gewalt ausleben konnten. Sie hatten Koranverse rezitiert, während sie auf Halimi eingestochen und glühende Zigaretten auf ihm ausgedrückt hatten. Und im Namen Allahs hatten sie ihm einen  Zeh und ein Ohr abgeschnitten. Marc hatte sich ganz besonders für den Anführer der Gruppe interessiert, der dem Delirium des Hasses verfallen war. Er hatte diesem jungen Mann zugehört, dessen Eltern von der Elfenbeinküste stammten, und gedacht, hier haben wir einen, der die gesamte gewaltätigeGeschichte seines Landes, durchzogen von Sklavenhandel und Ausbeutung, kultureller Enteignung und Usurpation, Despotismus, Willkür und Demütigung, Bürgerkrieg und Korruption direkt in die französische Vororte verpflanzt hatte. Aber wie war das möglich? Und was machte man mit diesem Erbe des Kolonialismus? Wie entledigte man sich der Ressentiments? Und wie kam es, dass ein vierundzwanzigjähriger Handyverkäufer für das ganze Elend verantwortlich gemacht worden war und nicht die eigentlichen Akteure, die, wenn sie in ihren gediegenen Vierteln auch nicht mehr nostalgisch von der guten alten Zeit schwafelten und ihre koloniale Herrschaft als Zivilisierung verherrlichten, sich doch das Vorrecht einräumten, in den politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder weiterhin mitzumischen, um sich den Zugang zu strategischen Rohstoffen zu sichern. Warum ein Jude die Folgen tragen musste? Ganz einfach, weil die Machtlosen eine leichtere Beute abgaben als die Mächtigen.
Drei Wochen hatten sie sich in einem Keller in einem dieser Sozialbauten mit Ilan Halimi amüsiert. Nachbarn und Bekannte hatten hereingeschaut. Sie waren vorbeigekommen, hatten sich das Spektakel angesehen, und keinem Einzigen von ihnen war es eingefallen, die Polizei zu informieren. Das war, was Marc niedergeschmettert hatte, was er nicht mehr hatte nachvollziehen können und wollen, weil es ihm die ganze Nutzlosigkeit dessen verdeutlichte, was man menschliche Kultur nannte oder die Genetik der Moral. Mit ein paar Irren, die quälen wollten, konnte man noch umgehen. Jede Epoche brachte ihre Psychopathen hervor. Sie gehörten weggeschlossen. Fertig, aus. Aber was machte man mit den Gaffern, die sich belustigten? Wo war ihr Gewissen als obere Instanz? Waren sie wirklich dabei, sich eine Gesellschaft ohne Gewissen heranzuziehen, in der der archaische Impuls zu töten nicht mehr durch den verbietenden Gegenimpuls des Gewissen aufgehoben wurde?“

Auszug aus: Gila Lustiger: Die Schuld der Anderen

I.

Einer meiner Schwerpunkte in meinem Geschichtsstudium war die Betrachtung der Judenfeindschaft durch die Jahrhunderte: Wieso gab es die antike Judenfeindschaft und Judenverfolgungen, zum Beispiel im ägyptischen Elephantine im Jahr 410 vor Christus oder in Alexandria 38 nach Christus? Und wie entstand eigentlich, ein paar historische Augenblicke später, der christliche Hass auf die Juden? War denn Jesus nicht eigentlich auch ein Jude gewesen? Und dann das Mittelalter: Die Verfolgungen reichten von den Kreuzugspogromen über die Pestpogrome hin zu den Ritualmordlegenden. Im Mittelalter gab es kaum ein Jahrzehnt in Europa ohne einen mittelgroßen Judenpogrom. Und das obwohl, so lernte ich bald, die Juden eine wichtige Rolle in der (mittelalterlichen) Heilsgeschichte einnahmen und die geistliche wie weltliche Obrigkeit auf die Existenz der Juden (heilsgeschichtlich, argumentativ) angewiesen war. Aber dem Mittelalter traut man diesen irrationalen Hass noch zu, diese Zeit mit den Anfängen der Hexenverfolgungen und der Angst, der Himmel könne einem auf den Kopf fallen. Aber wie sieht es in den darauffolgenden Epochen aus? In der  Zeit der rationalen Aufklärung mit ihren vernunftgesteuerten Humanisten? Welchen Grund hatten sie denn noch für den Judenhass? Luther und Voltaire, Immanuel Kant und Karl Marx: Sie hatten eine Einstellung zu den Juden, die sich von offenem Antijudaismus erstreckte bis hin zu einer ambivalenten Religionskritik, die oft über das  Ziel hinaus schoss. Und nach König Rintfleisch im Mittelalter kamen die  Hep-Hep-Pogrome und das Wartburgfest zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wo man Juden jagte und Bücher verbrannte. Und dann, an dem Ende des langen 19. Jahrhunderts kam endlich die Judenemanzipation in Deutschland,aber im gleichen Atemzug auch der Berliner Antisemitsmusstreit und die Dreyfus-Affäre. Das kurze 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Shoah, der industriellen Massenvernichtung von über 6 Millionen Juden. Der Schock dieser Ereignisse, seit denen nur ein historischer Bruchteil an Zeit vergangen ist, wird noch lange durch die Jahrhunderte hallen. Und heute, tagesaktuell? Letztes Jahr gab es 1596 antisemitische Übegriffe in Deutschland. Das muss man sich einmal vor Augen halten: Eintausendfünfhundertsechsundneunzig.

Und zu welchem Schluss bin ich am Ende meines Studiums gekommen? Nun, neben jeder Menge historischer Fakten, die mich beschäftigten, sind zwei wichtige Erkenntnisse hängen geblieben: Man kann minutiös die Ereignisgeschichte nachzeichnen und daraus mehr oder weniger profunde Theorien ableiten. Das sollte man auch tun. Aber es bleibt bei aller Erklärung ein irrationaler Rest, eine Dissonanz im Verständnis, die nicht erklärt oder verstanden werden kann oder die auf eine Leerstelle verweist, die man sozusagen mit entdeckt hat. Dies ist für viele Wissenschaftler die Motivation zu forschen. Aber je mehr sie herausfinden, an einer anderen Stelle taucht diese Dissonanz, dieser Rest, der nicht erklärt werden kann, wieder auf. Im Falle der Judenfeindschaft durch die Jahrhunderte hat zum Beispiel Hannah Arendt auf eine solche Dissonanz und Leerstelle hingewiesen: Man kann die Geschichte der Juden nicht als eine Katastrophengeschichte von der Antike bis zur Shoah erzählen, ohne dass man damit die jüdische Geschichte sträflich eindimensional verstünde, die Menschen auf ihre Verfolgung reduzierte und sie gar darüber definierte, und ihnen nochmals unrecht geschähe, da man sie nicht mehr als Menschen mit Träumen, Motivationen und als Handelnde sähe, sondern rein als Objekte des historischen Laufs abqualifizierte; und weil man zu allem Überfluss dann die jüdische Geschichte seit dem Altertum zu einer Art Vorgeschichte der Shoah degradieren würde. Allerdings kann man natürlich schon speziell dieser Judenfeinschaft durch die Jahrhunderte nachverfolgen, vor allem, um die historischen Unterschiede herauszuarbeiten und um der Komplexität dieser Geschichte nachzuspüren.Aber man muss sich stets vor Augen halten, dass dies nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist, dass es noch so vieles mehr zu diesen historischen Menschen gehört, die man unter diesem einen Aspekt betrachtet — das aber wiederum ist eine geschichtswissenschaftliche Binsenweisheit, die allerdings droht, aus dem Blickfeld zu geraten. Die andere wichtige Erkenntnis kam mir erst sehr spät in meinem Studium, sozusagen erst nachdem sich der Staub der ersten Orientierung gelegt hatte. Und zwar ist nämlich die Geschichte der Verfolgung der Juden nicht so sehr eine Geschichte der Juden, sondern es ist die Geschichte der Gesellschaften, die die Juden verfolgten, folterten, verbrannten oder vergasten. Die Verfolgungsgeschichte der Juden wird zu einem Spiegel unserer Geschichte, die sehr viel über unsere Entwicklung als eine historische Gemeinschaft aussagt, die sich noch heute zugehörig fühlt zu der aristotelischen Idee des Staates ebenso wie sie das Augustinische Verständnis von Wahrheit als eine ewige Instanz, aus der sich eine (göttliche) Moral ableiten lässt, in sich aufgenommen hat. Und genau aus dieser westlichen Tradition ergibt sich auch das Verhältnis von Bürgern der Bundesrepublik Deutschland, also des Rechtsnachfolgers des nationalsozialistischen „Dritten Reiches“, zum Staat der Juden. Man hat oft den Eindruck, eine Positionierung in dem israelisch-arabischen Konflikt dient der eigenen Menschwerdung, ein historisches Erwachen, das einem widerfährt, wenn man sich der historischen Dimension der eigenen Existenz bewusst wird. Eine positive Identifizierung mit dem Land, in das man  zufälligerweise hineingeboren wurde, hat auch mit etwas Überzeitlichem zu tun: Auch wenn man selbst sterblich ist, das Kollektiv, dem man sich zugehörig fühlt, wird einen überleben, und das spendet Trost. Das ist die säkularisierte Form der vormals religiösen Erlösungshoffnung. Der Moment, in dem das historische Bewusstsein erwacht, ist der Moment, in dem einem klar wird, dass dieses Kollektiv linearin der Zeit existiert, das heißt, es gibt eine Vorgeschichte zur eigenen Existenz, es gibt die Präsenz der eigenen Existenz, und dann das Nachleben des Kollektivs nach dem individuellen Tod. Wenn keine kognitiven Einschränkungen oder pathologischen Probleme vorliegen führt das dazu, dass man in dieser historischen Dimension die Vorgeschichte des Kollektivs als ein Teil der eigenen Vorgeschichte akzeptiert. Patriotismus in Deutschland bedeutet heute oftmals auch stolz sein auf die Erinnerungskultur, die man pflegt. Und dann ist es nicht mehr weit, dass man nicht nur Solidarität mit und Gedenken an die toten Juden übt, sondern auch Solidarität und Respekt den lebenden Juden und ihrem Staat entgegenbringt. Dies ist nicht nur Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland, sondern von der CSU bis zur Linken parteipolitischer Konsens, wenn es auch einzelne Ausnahmen gibt, die diesen demokratischen Konsens nicht mittragen. Viele Menschen aber schaffen die Entwicklung dieses historischen Bewusstseins nicht, diesen Schritt zur eigenen Menschwerdung. Damit ist, um das deutlich zu sagen, noch kein Wort über die aktuelle oder vergangene Politik des Staates Israel gesagt, die zu kritisieren noch nie ein Tabu gewesen ist und dessen größten Kritiker die Israelis selbst sind. Es geht mir hier um etwas Grundsätzliches, das mit mir, mit uns zu tun hat, unabhängig von der politischen Großwetterlage in einem Land nicht viel größer als Hessen. Denn, wie gesagt: Die Geschichte der Judenverfolgung und Judenfeindschaft sagt mehr über unsere Gesellschaft aus als über die eigentliche Geschichte der Juden, und so sagt unser Verhältnis zum heutigen Staat der Juden etwas über uns aus und nicht etwas über die Juden, ihren Staat Israel und dessen Politik.

Bücher zum Thema Antisemitismus Antijudaismus

II.

Schaut man sich nun die Ereignisgeschichte der Judenverfolgung an, so stellt man fest, dass die einzelnen Phänomene nicht nur viel zu zahlreich sind, um sie in einer Darstellung zusammenzuführen, sondern dass diese auch ganz unterschiedliche Ursachen und Motivationssträngen entspringen. So ist der vorchristliche Judenhass der antiken Welt völlig verschieden von dem sich später entwickelnden christlichen Judenhass — noch nicht einmal die Rhetorik ist die gleiche, was sich später beim Übergang vom Antijudaismus zum Antisemitismus ändern wird. Hier lohnt es sich, einen ideengeschichtlichen Strang herauszugreifen: Die jüdische Religion stellte in der antiken Welt eine ‚Umwertung der Werte‘ dar, wie es Nietzsche herausarbeitete, denn in den Augen der Römer hatten die Juden eine „Sklavenmoral“: Nicht die Reichen und Mächtigen sollten von ihrem Gott begünstigt sein, sondern die Armen, Kranken und die Sklaven. Arm sein wurde so in den Augen der Römer zu einer Tugend, da die Armen und Schwachen die Aufmerksamkeit und die Fürsorge ihres Gottes erfuhren. Aus Sicht der antiken Römer war das der Inbegriff von Amoralität. Dies ist geistesgeschichtlich eine wichtige Erklärung für den pagane Judenverfolgung, ein weiterer wichtiger Grund ist die monotheistische Religion inmitten einer polytheistischen Welt, deren Gott dann auch noch eine Exklusivität beanspruchte, also keine andere Götter neben sich duldete. Nun, jedenfalls unterscheidet sich dies grundsätzlich von dem christlichen Judenhass, der sich hauptsächlich aus der Kombination des Vorwurfes des Gottesmordes und der Erbsünde zusammensetzt. Diese Rhetorik kommt wiederum aus dem Umstand, zugespitzt formuliert, dass das frühe Christentum nichts anderes war als eine jüdische Sekte, wie es in der damaligen Zeit viele gab, und die sich polemisch von der jüdischen Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen versuchte, um die eigene Existenz zu legitimieren. Daraus wurde dann von den Kirchenvätern, allen voran Chrysostomus, Ambrosius und Hieronymus,  später ein kirchliches antijudaistisches Dogma, da man auch nun als Staatsreligion im römischen Reich nichts von der theologischen Schärfe der ersten Jahre einsparte und immer noch sich unter einem Legitimationsdruck sah, da das Christentum lange Zeit aus dem Judentum heraus als eine Sekte und wirre Abspaltung angesehen wurde, wie es sie in der antiken Welt viele gab. Dieser geistesgeschichtliche Hintergrund ist wichtig zu wissen, da man ansonsten die langanhaltende Motivation der Judenfeindschaft im christlichen Mittelalter nicht so recht einschätzen kann.

III.

Man ist gut beraten, sich zunächst über das Vokabular zu verständigen. Und so fängt Wolfgang Benz auch mit seiner Geschichte des Antisemitismus mit einer Defintion der Begriffe an: „Im modernen Sprachgebrauch meint der Begriff Antisemitismus die Gesamtheit judenfeindlicher Äußerungen, Tendenzen, Ressentiments, Haltungen und Handlungen unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen oder sonstigen Motiven. Nach der Erfahrung nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaft wird Antisemitismus als ein gesellschaftliches Phänomen verstanden, das als Paradigma für die Bildung von Vorurteilen und die politische Instrumentalisierung daraus konstruierter Feindbilder dient. (…) Judenfeindschaft ist, so die Erkenntnis interdisziplinärer Forschung, die Projektion von Vorurteilen auf eine Minderheit.“ Wichtig ist dieser kurze Blick auf die Begriffe, da geklärt werden muss, was mit Antijudaismus, Antisemitismus und sekundärem Antisemitismus im jeweiligen Kontext gemeint ist: Unter Antijudaismus wird meist die vormals religiös begründete Judenfeindschaft aus dem christlich-jüdischem Gegensatz verstanden, die im Laufe des späten 19. Jahrhunderts vom rassistisch motivierten Antisemitismus in der Wirkungsmächtigkeit abgelöst wurde, ohne gänzlich zu verschwinden. Sekundärer Antisemitismus ist nun eine Judenfeindschaft nach oder gar aufgrund der Shoah, da eine Anerkennung einer historischen Schuld oftmals den Weg versperrt, sich positiv auf das eigene Kollektiv zu beziehen. Der sekundäre Antisemitismus äußert sich oft in einem latenten Antizionismus, der Israel als einen kollektiven Juden versteht und unter dem Deckmantel der Israelkritik agiert. Georg Hafner und Esther Schapira präsentieren eine verblüffend kurze und eingängige Definition, was sie unter Antisemitismus verstehen: „Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann.“ Beiden Definitionen ist eines gemeinsam: Es geht um „Bilder von Juden“, um „Projektionen“, es wird klar, mit der Realität haben diese Bilder und Projektionen nicht viel zu tun. Und diese Legenden setzen sich oftmals auch im Falle des Staates Israel fort (12).

David Nirenberg argumentiert ähnlich, aber als Mediävist plädiert er für eine andere Begrifflichkeit. Er favorisiert den Begriff Antijudaismus, den er weit fasst: „‚Judentum‘ ist also nicht nur die Religion spezifischer Menschen mit spezifischem Glauben, sondern auch eine Kategorie, ein Repertoire von Ideen und Attributen, mit denen Nichtjuden ihre Welt deuten und kritisieren können. Ebenso ist ‚Antijudaismus‘ nicht bloß eine Haltung gegenüber Juden und ihrer Religion, sondern ein Weg, sich kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Ich verwende die Wörter ‚Judentum‘ beziehungsweise ‚Judaismus‘ und ‚Antijudaismus‘ in diesem breiten Sinne. Aus demselben Grund benutze ich auch nicht das Wort ‚Antisemitismus‘, das historisch und semantisch nur einen kleinen Teil dessen einfängt, wovon dieses Buch handelt.“ Man fühlt sich an Adornos „Antisemitismus ist das Gerücht über den Juden“ und Sartres „existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden“ erinnert. Es wird deutlich: Der Judenhass ist nahezu unabhängig von der realen Existenz, den realen Handlungen, Aktionen und Reaktionen von Jüdinnen und Juden. Damit, so argumentiert nun Stephan Grigat, hat der Judenhass eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Antizionismus, der oftmals ebenfalls unabhängig von der (Tages-)Politik des Staates Israel begründet wird.

Dieses Nachdenken über die Begriffe ist deswegen wichtig, weil vor allem ‚Antisemitismus‘ zu einem Containerwort geworden ist, das droht, im Alltag an analytischer Schärfe zu verlieren, wenn es entweder beliebig eingesetzt wird, oder andererseits (und paradoxerweise) in anderen Kontexten und politischen Diskussionen kaum Aufmerksamkeit mehr erfährt.

IV.

Wo liegen nun die Stärken und die Schwächen der einzelnen Bücher? Fangen wir bei Wolfgang Benz‘ Buch an. Hier findet sich das historische Standardrepertoire eines langen Forscherlebens in Form einer gut lesbaren Einführung. Souverän führt Benz durch die einzelnen historischen Begebenheiten der Ereignisgeschichte, und wenn man seine für eine breite Öffentlichkeit geschriebenen Bücher ein wenig verfolgt hat, so stellt man fest, dass er hier und da ein wenig in seinen behandelten Themen variiert, im Großen und Ganzen aber ein ähnliches Muster verfolgt. Zur Variation bietet das historische Material reichlich Spielraum, ebenso wie man die Ereignisgeschichte nunmal nicht anders darstellen kann als man sie eben als Historiker vorfindet; hier kommt es letztlich auf eine Auswahl des Dargestellten an. Und damit hat das Buch einige Schwächen. Das liegt vor allem daran, dass Benz versucht, über historische Begebenheiten ebenso zu reden wie über tagesaktuelle Ereignisse, was ihm nicht immer überzeugend gelingt. Seine betont ausgewogene Darstellung bewegt sich am Rande einer Sowohl-als-auch-Beliebigkeit in dem Versuch, eine akademische Deutungshoheit fortzuführen oder zu verteidigen. Dadurch verliert nicht nur die historische Betrachtung an Bedeutung, auf die sich eine Beschränkung sehr gelohnt hätte, sondern es wird auch die vermeintliche akademische Neutralität instrumentalisiert. Nichtsdestotrotz findet sich hier auf knappen 250 Seiten eine aktuelle Einführung in das weite Feld der Judenfeindschaft, die in der Zwischenzeit eine völlig uferlose Flut an Veröffentlichungen provoziert hat und man Benz schon alleine dafür dankbar sein muss, dass er eine knappe und leicht verständliche Einführung präsentiert. Allerdings tendiere ich dazu,  sein Buch Was ist Antisemitismus? aus dem Jahr 2005 für empfehlenswerter zu halten.

Georg M. Hafner und Esther Schapiras Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Es ist viel eher ein locker zusammengesetzter Essay über die Aktualität der Judenfeindschaft in unserer  Zeit. Ganz bewusst verknüpfen sie dies mit der Feindschaft gegenüber dem Staate Israel, und ihr Ausgangspunkt ist der ungebremste antisemitische Hass, der sich im Gazakrieg 2014 auf deutschen Straßen manifestierte. Wer hier noch Zweifel hat, der schaue sich dieses Video einmal kurz an, das vor der israelischen Botschaft aufgenommen wurde:

Das Buch ist ein parteiisches Nachdenken, das auf der Spurensuche nach den Ursachen und dem Umgang mit dem Judenhass eine argumentative Richtung gewinnt, die überzeugend dargestellt ist. In verschiedenen Stationen, in denen Akteure gegen den Judenhass, aber vor allem Betroffene des Antisemitismus (und meistens fallen diese beiden Punkte zusammen) zu Wort kommen, kreist das Buch die Frage ein, wieso Israel an allem Übel in der Welt die Schuld gegeben wird.  Dabei werden allzu oft prinzipiell alle Juden für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht, egal wo sie leben und egal wie ihre persönliche politische Einstellung eigentlich ist: „Israel ist der Jude unter den Staaten“, ein Bonmot, das dem Antisemitismusforscher Léon Poliakov zugeschrieben wird. Und im Grunde ist dieses Buch eine Spurensuche entlang dieser These, die auf jeder zweiten Seite eine Bestätigung findet. Dadurch ergibt sich ein deprimierendes Bild, vor allem der deutschen Öffentlichkeit und ihrer ambivalenten Haltung zu dem Staat der Shoahüberlebenden. Nun, das ist auch eine Schwierigkeit dieses Buches: Es besteht nicht nur die Gefahr eines preaching  to the converted, sondern es ist eine manchmal eingeengte Darstellung, die Gefahr läuft, das Gesamtbild aus dem Blick zu verlieren. Allerdings ist das ein erlaubtes Stilmittel des Essays, da nur so oftmals Dinge pointiert und in aller Eindrücklichkeit dem Publikum vor Augen geführt werden können. Und das wiederum gelingt in diesem Buch.

Ähnliches kann man von Stephan Grigats Buch Die Einsamkeit Israels sagen. Die Grundthese dieses Buches, die nicht unumstritten ist und kontrovers diskutiert wird, hat den Vorzug, dass sie den Nahostkonflikt unter einem interessanten Blickwinkel diskutiert. Grigats These, die er in dem ganzen Buch ausbuchstabiert, lautet: Der arabische Antismitismus ist nicht ein Resultat des israelisch-arabischen Konflikts, sondern der Grund und Ursache für den langanhaltenden Konflikt. Das ist nun keine neue These, dies konnte, wer wollte, schon in Matthias Küntzels Buch Djihad und Judenhass nachlesen. Grigat aktualisiert aber diese These und spitzt sie vor der drohenden atomaren Bedrohung durch das Mullahregime im Iran zu. Sieht man die Anfänge des israelisch-arabischen Konfliktes ebenso wie die Staatsgründung Israels unter diesem Aspekt, ergeben sich neue Perspektiven auf den Konflikt und Konsequenzen für die politische Einschätzung. Grigats Buch ist keine vermeintlich objektive Darstellung, aber eine „Objektivität“ gibt es nicht einmal in den Naturwissenschaften (das ist deshalb der Fall, weil sie in einem gesellschaftlichen Kontext stattfinden, unter ganz bestimmten Bedingungen und ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielsetzungen. Wissenschaft ist weder ‚unabhängig‘ noch ‚frei von Interessen‘), sondern das Proklamieren einer „Objektivität“ dient oftmals dem Zweck, den eigenen Betrachtungswinkel zu legitimieren und davon abweichende Darstellungen zu delegitimieren. Jedenfalls ist die Argumentation in  Grigats Buch klar, nachvollziehbar und stets durch Quellennachweise belegt. Wer sich dem Staate Israel emphatisch nähern will, ist hier also genauso richtig wie jemand, der eine neue Perspektive auf den Nahostkonflikt sucht.

Wenn nun David Nirenberg sein Buch Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens nennt, wird auch die Argumentationsrichtung deutlich: Es geht hier um nicht weniger als das Nachspüren eines 3000 Jahre alten Vorurteils, das sich in der Ideengeschichte aus ganz unterschiedlichen Gründen und Motivationen ebenso unterschiedlich manifestiert hat. Hier findet man eine monumentale ideengeschichtliche Betrachtung, die vom alten Ägypten bis zu Marx‘ „Zur Judenfrage“  reicht. Nirenberg stellt ganz am Anfang nüchtern fest: „Und in den gewaltigen Archiven mit Quellen, die uns Europa seit der Frühen Neuzeit und seinen geistigen Kolonien überliefert sind, lässt sich leicht zeigen, dass Wörter wie Jude, Hebräer, Semit, Israelit und Israel mit einer Häufigkeit auftauchen, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Zahl von Juden in diesen Gesellschaften steht.“ Und dieses in keinen nachvollziehbaren Proportionen stehende Auftauchen in den Quellen seit der Frühen Neuzeit verlangt Erklärung – dabei, so könnte man daran anschließend vermuten, liegt es nur an der guten Überlieferungslage in den Archiven, dass dies erst in der Frühen Neuzeit der Fall ist; Nirenbergs Untersuchung legt nahe, dass diese Unverhältnismäßigkeit schon zu sehr viel früherer Zeit eingesetzt haben könnte. Allerdings ist das eine Vermutung, was aber vielmehr dieses Buch ausmacht, ist die These, dass sich die europäische Gesellschaft entlang von antijudaistischen Weltbildern und Erklärungsmustern konstituiert hat und die Vorstellung des Juden und des Jüdischseins als Gegenfolie, als das konstitutive Andere, das Nichtidentische, benötigte, um eine Vorstellung und ein Begriff des konstitutiv Eigenen, des Identischen, des eigenen Selbst, schaffen zu können. Damit, so scheint es, gibt es einen geschichtswissenschaftlichen Entwurf einer philosophischen These von Horkheimer und Adorno, die diese bereits während des Zweiten Weltkriegs diskutierten. Das Problem, das auch andere Rezensenten sehen: Nirenberg sieht „den Juden“ als universale Projektionsfläche des westlichen Denkens und leitet daraus einen Handlungsstrang ab, der an eine Zwangsläufigkeit erinnert. Aber, wie schon erwähnt, dies ist eine Gratwanderung nahezu jeglicher historischer Darstellung. Die Geschichte des Judenhasses durch die Jahrhunderte lässt sich zwar nicht als reine Vorgeschichte der Shoah erzählen, allerdings zeigt die Geschichte ja gerade, dass der Antijudaismus und Antisemitismus letztlich in der Shoah mündete – und mit ihr historisch noch lange nicht zu einem Ende gekommen ist.

Nun, jedenfalls versucht Nirenberg in dem Buch die Frage zu beantworten: „Wie und warum werden Ideen über Juden und Judentum zu überzeugenden Erklärungen für den Zustand der Welt?“ Und er tut dies aus dem folgenden Grund: „Wir leben in einem Zeitalter, in dem Millionen von Menschen täglich irgendeiner Form des Arguments ausgesetzt sind, die Herausforderungen ihrer Welt seien am besten mit Bezug auf „Israel“ zu erklären. Aus diesem Grunde habe ich eine Geschichte geschrieben, die die Möglichkeit ernst nimmt, dass unser vergangenes Denken über die Welt unser heutiges Denken beeinflusst, ohne zu vergessen, dass unser gegenwärtiges Denken über die Welt unser Denken über die Vergangenheit beeinflusst.“ Somit schließt sich der Kreis: Ein Nachdenken über die dreitausend Jahre alte Geschichte des Antijudaismus kann den Versuch unternehmen, unser Verhältnis zum Judenstaat Israel zu erklären – unser Verhältnis in der einen oder anderen Form, unter diesen oder jenen Voraussetzungen, als bewusste oder unbewusste Zugehörige dieses oder jenen Kollektivs.

V.

Welches Buch sollte ich lesen, wenn ich einen schnellen Einstieg in das weite Feld des Judenhasses und Judenverfolgung haben möchte, ohne mich in die Details zu verlieren?

Hier bietet sich das Buch von Wolfgang Benz an. Allerdings würde ich überlegen, ob das etwas ältere Buch Was ist Antisemitismus? nicht antiquarisch zu besorgen ist. Falls ja, würde ich das empfehlen.

Ich sehe mich selbst als einen Israelkritiker, bin aber Demokrat genug (und zudem neugierig), um auch die andere Seite zu hören. Welches Buch sollte ich lesen?

Das kommt darauf an: Wen die Entladung des Antisemitismus im letzten Jahr sprachlos gemacht hat, und das unabhängig von der eigenen politischen Position, der sollte einmal in das Buch von Hafner/Schapira schauen. Wer sich inhaltlich mit dem Nahostkonflikt auseinandersetzen möchte, der schaut am besten bei Grigat nach.

Mich interessieren die historischen Zusammenhänge. Außerdem treibt mich die Frage um „Wieso immer und immer wieder die Juden?“ Welches Buch, bitteschön, ist was für mich? 

Die Frage „Wieso die Juden“ stellte sich schon der jüdische Historiker Flavius Josephus im römischen Exil. Den aktuellen Versuch einer Antwort findet man in Nirenbergs Buch.

—————————–

Wolfgang Benz: Antisemitismus. Präsenz und Tradition eines Ressentiments. Schwalbach/Ts. 2015. 254 Seiten, 14,80 €.
ISBN: 978734401046

Stephan Grigat: Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung. Hamburg 2014. 181 Seiten, 19,- €.
ISBN: 978393786732

Georg H. Hafner/Esther Schapira: Israel ist an allem Schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird. Köln 2015. 317 Seiten, 19,99 €.
ISBN: 9783847905899

David Nirenberg: Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens. Aus dem Englischen von Martin Richter. München 2015. 587 Seiten, 39,95 €.
ISBN: 9783406675317

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Ich werde mir diesen großartigen Beitrag nochmal mit mehr Zeit und weniger erkältetem Kopf durchlesen, möchte mich aber jetzt schon mal sehr bedanken und herzlich grüßen!

  2. Hallo Wolfgang,

    danke für diesen ausführlichen Beitrag, den ich mir ausgedruckt habe, um ihn intensiv zu lesen. Wichtige neue Gedanken und Fragen sind zu meinen hinzugekommen, z.B., daß man dem Mittelalter den irrationalen Hass ja noch zutraue, aber warum hat er sich in der Zeit der „vernunftgesteuerten Humanisten“ fortgesetzt. Du weist auf den „irrationalen Rest“ hin, über den ich mir auch den Kopf zerbreche. Es bedarf also nicht nur der geschichtlichen Untersuchung, sondern auch der psychologischen und sozialen. Arbeiten diese Fachbereiche hier zusammen?

    Sehr wichtig auch dein Hinweis, daß die Geschichte der Judenverfolgung vor allem eine Geschichte der Gesellschaften ist, denn in ihnen sind die Gründe zu suchen, nicht in den Juden, ein ganz wichtiger Aspekt, der die leider immer wiederkehrende Frage nach ihrer etwaigen eigenen „Schuld“ ausräumen könnte.

    Schon die Definitionen der Begriffe liefern einige Erklärungen. Ja, es geht immer um Bilder und Projektionen, die in den Köpfen der Menschen spuken, nicht um Realität. Doch wie soll man antisemitisch eingestellten Menschen deutlich machen, daß ihre Wahrheiten in ihnen und nicht im Außen existieren?

    So findet man in dem Buch von Hafner/Schapira wieder eine Projektion, nämlich die von Jude und dem Staat Israel. Wieder ist „der Jude Schuld“, indem er gleichgesetzt wird mit der Politik des Staates Israel.

    Warum ist Wissenschaft deiner Meinung nach nicht frei von Interessen? Spielst du darauf an, daß Forscher eine vorgefasste Meinung haben könnten, die sie in ihren Forschungen bestätigt finden wollen? („das Proklamieren einer ‚Objektivität‘ dient oftmals dem Zweck, den eigenen Betrachtungswinkel zu legitimieren“).

    David Nirenberg interessiert mich von den vier Büchern am ehesten. Meinst du, daß es ihm gelungen ist, den „irrationalen Rest“ ein wenig aufzulösen?

    Herzliche Grüße!
    Madame Filigran

    1. Liebe Madame Filigran,

      vielen Dank für Deine anregenden Gedanken! Der Gegenstand ist eigentlich viel zu komplex, alsdass er adäquat in einem so kleinen Artikel wie hier erfasst und dargestellt werden könnte. Daher bleiben auch hier Leerstellen offen, die du ansprichst. Der ‚irrationale Rest‘, die ‚Leerstellen‘ sind universal. Es reißen immer mehr Fragen auf, je mehr Antworten gegeben werden. Und wenn ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt wird, dann sind auch die Leerstellen interdisziplinär. Diese, wenn man so will, Kuriosität oder Auffälligkeit zieht sich durch die gesamte moderne Wissenschaftsgeschichte. Und das ist ja auch das Gegenteil eines gelehrten Dogmas, ist also der wissenschaftlichen Methode immanent.

      Du fragst nach dem adäquaten Umgang mit Antisemiten. Mir fällt da immer einer meiner akademischen Lehrer ein, Arno Lustiger. Er, der Auschwitz überlebte und von den Alliierten auf einem Todesmarsch befreit wurde, hatte einen Grundsatz: Hart in der Sache, nachgiebig den Menschen gegenüber. Er meinte nämlich, dass Menschen sich immer verändern können im Laufe ihres Lebens und jeder die Chance verdient, seine Meinung, seine Einstellung zu ändern und nicht ein Leben lang darauf festgenagelt werden dürfe. Allerdings müsse man Antisemiten öffentlich entgegen treten und den Antisemitismus bekämpfen. Auch folgt das der Aporie: Die Aufklärung ist gescheitert, aber sie ist alternativlos. Wir haben nichts besseres und sind auf Gedeih und Verderb zu Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung verdammt. Und das müssen wir tun, und dazu möchte dieser Artikel einen Beitrag leisten.

      Wissenschaft ist deshalb nicht objektiv, weil sie gesellschaftlichen Interessen unterworfen ist. Positivisten meinen an der Stelle oftmals, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse unabhängig davon seien, da sie auch wahr seien und Geltung hätten ohne menschliches Zutun. Das mag stimmen, ändert aber nichts daran, dass wir sie immer in direkter oder indirekter Relation zum Menschen und auf den Menschen denken, ja denken müssen. Was für einen Sinn hat das schönste Naturgesetz, wenn es niemanden gibt, der es erkennt und ihm einen Sinn verleiht. Und nicht zuletzt dient die Wissenschaft oftmals auch gesellschaftlichen und politischen Interessen, ist eingebettet in die Gesellschaft und ins Politische. Die Geisteswissenschaften, ausnahmslos, sind darüber abhängig von kulturellen Einflüssen und von der persönlichen Erfahrung desjenigen, der sie betreibt. Hier verschmelzen auch viel eher verschiedene Bereiche miteinander, sodass es auch keine exakte Trennungen geben kann. Und nicht zuletzt hängt das Ergebnis, die Interpretation eines Sachverhaltes, sehr stark davon ab, welchen Schwerpunkt man wählt. Es hängt sehr viel mehr vom einzelnen Argument ab, wie es formuliert ist und wie es überzeugt.

      Nirenbergs Buch ist hochinteressant und ich kann es unumwunden empfehlen. Allerdings hat auch dieses Buch seine Leerstellen, da es einen ganz bestimmten Ansatz verfolgt, und eben nicht andere, die man sich ebenso denken könnte. Aber das ist ja immer so und es ist die Frage, wie überzeugend ein solcher Ansatz ist und wieviel er abdecken kann. Und Nirenbergs Buch ist wirklich empfehlenswert. Es bietet einen überzeugenden Erklärungsansatz, den ich schlüssig und nachvollziehbar halte.

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