Viele sind ja der Meinung, dass diese Diskussion mittlerweile zu einem Ende gekommen ist: Die Literatur über das Thema Postmoderne ist kaum noch zu überblicken, die Positionen unvereinbar, noch nicht einmal über trennende und einende Merkmale zwischen Moderne und Postmoderne ist man sich einig. Das einzige, was in nahezu allen Beiträgen genannt wird, das ist die Indifferenz und Beliebigkeit, das anything goes in Kunst und Literatur, und ich habe den Eindruck, damit ist die Diskussion über die Postmoderne selbst auch gut umrissen, wenn man es auch lieber etwas vornehmer und verklausulierter „Thesen- oder Methodenpluralität“ nennt.

Diese Diskussion ist natürlich eine theoretische Abstraktion, die oft nicht mehr viel mit unserem Alltag zu tun hat. Aber es hat Relevanz, die einem spätestens dann vor Augen liegt, wenn man sich überlegt, in welcher Zeit oder Epoche wir uns eigentlich heute befinden. Viele riefen das Jahr 1989 zur Epochenwende unserer Zeit aus, das 20. Jahrhundert wurde das ‚kurze 20. Jahrhundert‘ genannt, das von 1917 bis 1989 gereicht habe. Im Gegensatz dazu sieht man das ‚lange 19. Jahrhundert‘, das man für gewöhnlich von 1789 bis 1917 ansiedelt. Da ich diese Daten nenne, möchte ich sie auch kurz erklären, obwohl ich eigentlich darauf nicht hinaus möchte. Aber trotzdem ganz kurz für das Verständnis: 1789 ist das Jahr der Französischen Revolution, die auf dem europäischen Kontinent die Menschenrechte einführte und dem Dritten Stand zur Macht verhalf.Gemeinsam mit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung treten mit der Französischen Revolution damit Demokratie, allgemeine Menschenrechte und die individuelle Freiheit, kurz, der politische Liberalismus, als leitende Idee in die europäische Geschichte in den Mittelpunkt. Diese Epoche, die politisch auf dem Wiener Kongreß 1815 kodifiziert wurde, findet erst 1917 einen Wendepunkt. Dies ist dann auch der Beginn des ‚kurzen 20. Jahrhundert‘, nämlich hier verschiebt sich die Blickachse weg von Europa hin zur Peripherie: Mit dem Kriegseintritt der USA verlassen diese die isolationistische Denkschule, die vormals maßgeblich die amerikanische Politik bestimmt hat, und mit der russischen Oktoberrevolution tritt ein weiterer Akteur am Rande Europas ins Zentrum des Weltgeschehens. Etwas pathetisch gesprochen könnte man sagen: die beiden Antipoden des 20. Jahrhunderts finden sozusagen zu sich selbst, die bipolare Welt, aufgeteilt zwischen West und Ost, hat hier ihren Anfang. Und genau dieser Logik folgend wird dann auch das Jahr 1989 als der Endpunkt angeführt, da hier mit dem Untergang der UdSSR (vermeintlich) das Ende des Gegensatzes zwischen Ost und West liegt.

Doch ist das wirklich so? Im Angesicht der Ukrainekrise scheint dieser Gegensatz nach wie vor zu bestehen. Und war nicht 9/11 ein weit einschneidenderes Ereignis, das weltgeschichtlich einen weiteren Akteur ins Zentrum rückte. Eigentlich muss man von Akteuren im Plural reden, nämlich von terroristischen Organisationen mit ihrer asymetrischen Kriegsführung gegen die Werte des Westens, die sich eben immer noch auf die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Französische Revolution stützen. Sind wir also schon über die Postmoderne hinaus? Man spricht mittlerweile schon von einer Postdemokratie, und wenn man sich die politische Lage nach den Anschlägen auf Paris ansieht, kommt man nicht umhin, dass sich in der Tat sehr viel geändert hat und die Frage durchaus berechtigt ist, ob 1989 wirklich ein solcher Bruch in der Geschichte darstellt.

Die westlichen Gesellschaften sind heutzutage sehr anfällig und instabil, und das in einem sehr viel höherem Maße als noch vor 20 Jahren. Es hat sich gezeigt, dass zwar mit dem Internet ein sehr hoher Grad an Öffentlichkeit erreicht werden kann, und Informationen sehr viel schneller und weiter verteilt werden können als in der vordigitalen Zeit. Gleichzeitig zeigt sich aber, und das ist dem System immanent, dass jeder senden kann, und sei es der größte Unfug. Somit konnten sich Verschwörungstheorien nach 9/11 ebenso schnell verbreiten wie etwa russische Propaganda in der Ukrainekrise. Das ist ein wichtiges Beispiel: Russland hatte zwar den Krieg gegen Georgien 2008 gewonnen, aber ging als der Schuldige vor der internationalen Medienöffentlichkeit hervor. Man hatte moralisch eine Niederlage einkassiert, sozusagen vor dem Richtschwert der öffentlichen Meinung verloren. Daraus hat man gelernt und Russland investierte in ein ausgeklügeltes Netz an Trollen und Desinformationen, die rund um die Uhr russische Propaganda insInternet tragen sollten. Und im Falle der Ukrainekrise hatten sie großen Erfolg: In Deutschland konnte man sich kaum noch vor Menschen retten, denen Russia Today die Köpfe leer geräumt hatte und die russische Propaganda nachplapperten, als hätten sie keine acht Jahre Schulbildung genossen. Die westlichen Gesellschaften zeigten sich anfällig gegenüber Desinformation und Propaganda.
Heute vernetzen sich rechtspopulistische Bewegungen über social media und ‚alternative‘ Nachrichtenportale, man traut der Qualitätspresse nicht mehr, da sie nicht die eigene extreme Position gegenspiegelt. Im Internet fährt man Strategien wie das Derailing und andere Strategien die verhindern, dass man sich auf die Argumente der Gegenseite einlassen muss (1,2,3). Damit spielen diese rechtspopulistischen Bewegungen den Islamisten in die Hände und stellen sich als willfährige Marionetten des Islamischen Staates heraus: Sie destabilisieren die westliche Wertegemeinschaft, gefährden Weltoffenheit und individuelle Freiheitsrechte und betonen stattdessen eine geschlossene und abgeschottete Gesellschaft, Borniertheit, Rassismus, Ignoranz, Fremdenfeindlichkeit. Das wiederum sind die Ziele der Feinde der Freiheit, nämlich dem Westen ihre intolerante und menschenfeindliche Lebenswelt durch Terror und Gewalt aufzuzwingen. Europa, so formuliert es der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, wird nach diesem Konflikt nicht mehr so sein wie zuvor; was Eurokrise, Ukrainekrise und Flüchtlingskrise nicht geschafft haben, das schaffen womöglich ISIS und seine Marionetten, die Rechtspopulisten.

Nun, dahin führt die zugegeben theoretische Debatte um Epochengrenzen. Aber eine fundierte Meinung zur Moderne und Postmoderne ist unerlässlich, und der Doppelband des Merkurs aus dem Jahre 1998 bilanziert diese Diskussion zu einem Zeitpunkt, wo alles Relevante in der Tat bereits gesagt wurde.

Postmoderne Eine Bilanz
Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s