Normalerweise denke ich ja Anfang Dezember oft an diesen Aphorismus von Adorno aus der Minima Moralia. Er kommentiert sehr treffend den Konsumrausch am Ende des Jahres. Im Radio reden engagierte Priester gegen die Werbeblöcke an, aber diese besinnlichen Töne gehen im Advent unter zwischen Rabattangeboten im Supermarkt und der zinsfreien Finanzierung der neuen Einbauküche. Aber so läuft das nunmal: Der Rubel muss rollen, manche Branchen machen die Hälfte ihres Jahresumsatzes in der Weihnachtszeit.

Aber manchmal sind es doch die kleinen Dinge, die man noch aus der Kindheit herüber gerettet hat und die an Weihnachten wieder eine Rolle spielen, die irgendwie nur teilweise was mit Konsum zu tun haben. Vielleicht ist es das Lieblingsessen. Oft sind es ganz bestimmte Rituale, die sich zwar von Familie zu Familie unterscheiden, aber sich doch im Großen und Ganzen ähneln. Diese Rituale sind bei manchen das Singen unterm Weihnachtsbaum, bei anderen das Fondue oder der Kartoffelsalat an Heilig Abend. Man sieht die Familie, jeder kommt aus Nah und Fern wieder nach Hause. Und Weihnachten ist ein Fest, das vor allem Kinder in den Bann zieht. Und jetzt mal ehrlich: Die Familie kann noch so religiös oder musikalisch sein, als Kind interessieren einen doch nur die Geschenke. Der Zauber ist ein erkaufter. Ich finde das in Ordnung, denn seine Kraft zieht Weihnachten ja zu einem großen Teil aus der Vorfreude, und die ist es ja auch gerade, die einem als Erwachsenen mehr und mehr verloren geht. Somit hat man hohe Erwartungen, die man aus der Kindheit ebenfalls mitbringt, aber die Voraussetzungen stimmen schon irgendwie nicht mehr. Aber Eltern lassen sich mitunter verteufelt viel einfallen, um die Vorfreude in die Kinderaugen zu treiben: Plätzchenbacken mit Vater und Mutter, jeden Tag ein Türchen am Adventskalender öffnen, Weihnachtsmärkte mit ihren Nikoläusen, Kinderglühweinständen und ständig mit der scheinheiligen Frage „Und was wünschst Du Dir zu Weihnachten?“ Und dann zählt der Adventskranz einen Countdown nach oben und wenn alle Lichter brennen, dann brennt auch der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, der umso heller strahlt, wenn alle anderen Lichter gedimmt werden. Und darunter: Die Seligkeit auf Erden made in Taiwan. Oder China. Ja, es ist ein erkaufter Zauber, und wenn man ihn einmal als Kind miterlebt hat, ist man als Erwachsener irgendwie angehalten, diese Zeit auch wirklich schön und entspannt zu verbringen. Man spricht da von der so genannten Weihnachtsstimmung, die sich gefälligst breit zu machen hat. Und jeder in seinem Alltag spürt den Stress in seinen Knochen, und zusätzlich kommt noch der Stress dazu, doch verdammt noch mal dieses Weihnachten in Weihnachtsstimmung zu verbringen.

Dezember Licht
Foto: Wolfgang Schnier

Anstatt seine Zeit mit der Auswahl von Geschenkartikeln zu verbringen, wäre man besser beraten, sie mit denjenigen zu verbringen, denen man diese Produkte eigentlich schenken möchte. Aber das kostbarste, was wir Menschen in dem globalen Norden in der Spätmoderne haben, das ist unsere Zeit. Wenn wir wirklich etwas Kostbares verschenken wollen an die Menschen, die uns am Herzen liegen: Wie wäre es an Weihnachten mal mit einem Zeit-Gutschein? „Gutschein für zwei Stunden selbst ausgedachte Geschichten erzählen“, oder „Gutschein für drei gemeinsame Spaziergänge in der Natur“ oder „Gutschein für vier Grillabende im Sommer“. Oder „Zweimal einen Nachmittag spielen mit Papa“. Das wär mal was, oder? Dass wir so etwas brauchen, zeigt aber doch, wie arm wir eigentlich geworden sind.

Weihnachten eignet sich auch vortrefflich, gemeinsam im Freundeskreis zusammen zu sitzen und ein Gesellschaftsspiel zu spielen. Ich empfehle dazu das Spiel Privacy. Das Spielprinzip ist einfach: Man sitzt in einer Runde zusammen und beantwortet mehr oder weniger pikante Fragen, indem man ihnen entweder zustimmt oder sie verneint. Dafür wirft man ungesehen von den Mitspielern einen farbigen Stein in einen Beutel und je nach Farbe signalisiert man Zustimmung oder Ablehnung. Ist jeder fertig mit diesem Procedere, versucht man möglichst genau zu schätzen, wie viele der Mitspieler der gestellten Frage zustimmen. Dabei kann Erstaunliches herauskommen. Bei Fragen wie „Sind Sie für die Todesstrafe?“, oder „Sind Anwälte, die Sexualverbrecher verteidigen, schlechte Menschen?“, oder „Würden Sie in der Not einmal einen Obdachlosen bei sich zuhause übernachten lassen?“ bemerkt man sehr schnell, ob man mit diesen Leuten, mit denen man das Spiel spielt, überhaupt Weihnachten verbringen möchte.

Nun, wie dem auch sei. Ich würde dafür plädieren, die Emotionalität, die uns irgendjemand einmal als Kind eingepflanzt hat an und für Weihnachten, ein wenig herunter zu fahren. Kurz innehalten, das Jahr bilanzieren, eine Auszeit nehmen: Dafür ist Weihnachten bestens geeignet. Wir werden nicht über das Konsumieren glücklichere Menschen und eine bessere Welt ist nicht käuflich. Dazu brauchen wir vielleicht Superkräfte, vielleicht auch ein wenig Besinnlichkeit. Und wo wäre die besser aufgehoben als in der Vorweihnachtszeit?

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Noch ein paar ergänzende Gedanken: Ich finde als religiöser Mensch, dass man neben all dem Trubel und Stress, wenn man ehrlich zu sich ist, auch immer mehr bewusst den Fokus auf den Ursprung dieses Festes lenken muss. Die Mühe lohnt sich jedoch jedes Jahr wieder!
    Die Freude an Weihnachten ist dann mit der Hoffnung verbunden, die wir in dem neuen Kind sehen. Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken, was für ein Wunder es ist, dass die Botschaft eines neuen Kindes solche Wogen schlagen konnte, könnte was dran sein an der Geschichte und das macht für mich auch die Faszination des Christentums aus. Denn sind wir mal ehrlich – heute werden auch ständig neue Babys geboren, das interessiert aber außer dem Freundes- und Familienkreis meistens niemanden (außer es handelt sich um Politiker/ Stars/ Adelige). Auch die Umstände der Geburt, (geht man davon aus, dass sie so oder so ähnlich waren), sind alles andere als toll und vielleicht wären wir auch diejenigen, die den fremden Leuten vor der Tür nicht mal öffnen würden, um ihnen ein Zimmer zu geben. Mit dem Kind, das irgendwann mal groß wird, und das nicht nur Zustimmung gefunden hat, kamen aber Veränderungen in die Welt, im Umgang der Menschen mit- und untereinander etc. Wenn man tatsächlich daran glauben kann (wozu in der heutigen Welt denke ich neben Vernunft auch Mut und ein bisschen Wahnsinn gehören^^), dass es nicht irgendein Kind war, sondern Gottes Sohn, stellt das jedes Jahr jeden Konsum in den Schatten. Und dann handelt es sich an Heilig Abend und Weihnachten, wie die Worte zeigen, um heilige Tage und eine zu weihende Nacht. Eben ein Fest! Dann ist das viel mehr als jedes irdische Geschenk, egal, ob made in China oder ob echter Handarbeit aus Deutschland.

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