Während es vermutlich nur zwei authentische Liebhaber gibt, nämlich Petrarca und Stendhal, füllt die Literatur über die Liebe ganze Bibliotheken. Unmöglich, sich hier zurecht zu finden. Während Stendhal seine Mathilde hatte, und Petrarca seine Laura, und beide ihnen lebenslang treu blieben, hält kaum ein westlicher Mensch der Gegenwart diese Spannung mehr aus. Andere Menschen werden zu Sehnsuchtsobjekten degradiert, deren Erfüllung eingefordert wird: Die bürgerliche Kälte überträgt gesellschaftlichen Befehl, Gehorsam und Dienstleistungsmentalität in das zwischenmenschlich Intime. Den Mangel und die Leere, die der Mensch in sich spürt, soll das Gegenüber aufwiegen, verkennt aber, dass es der eigene Mangel und die eigene innere Leere sind, die plagen. Emotionale Abhängigkeit ersetzt individuelle Freiheit. Früher hieß es einmal: ‚Geliebt wirst du einzig dort, wo du schwach dich zeigen kannst, ohne Stärke zu provozieren.‘ Das gilt heute wie damals, und hätte genauso gut ergänzt werden können: ‚Geliebt wirst du einzig dort, wo du sein kannst, wie du bist, und nicht sein musst, wie man dich haben möchte.‘

Kaum ein zwischenmenschlicher Zustand ist unbefriedigender als eine Beziehung, in der man unglücklich ist. Altes loslassen, Neues willkommen heißen, ohne zu vergessen, was gewesen ist: Erfahrung schützt nicht vor Schmerz, aber nachdenklicher Kummer ist Erfahrung.

Petrarca steht mit seiner lebenslangen Suche nach Laura am Anfang einer Zeitenwende, Stendhal leitete mit seinem Buch über die Liebe den literarischen Realismus ein. Beide hat man als tragische Figuren gesehen, aber das verkennt ihre Größe: Beide verweigerten eine Kompensation der inneren Leere und des eigenen Mangels, die die Sehnsucht erst aufdeckte, und wendeten die Verzweiflung darüber ins Produktive. So können wir heute von den persönlichen Zeitenwenden lesen und uns daran erinnern, andere Menschen nicht zu Erfüllungsobjekten unserer Sehnsüchte zu degradieren, denen wir befehlen, unsere innere Leere zu stopfen. Die Spannung, die daraus entstünde, wäre Triebfeder für ein erfülltes Leben. Daher ersetzen diese beiden Bücher auch heute ganze Bibliotheken zu diesem Thema.

Amor und Psyche
Foto: Wolfgang Schnier

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Francesco Petrarca: Liebesgedichte an Laura. Achtzig Gedichte aus dem ‚Canzoniere‘. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Jürgen von Stackelberg. Frankfurt am Main 2004. 

Stendhal: Über die Liebe. Deutsch von Walter Hoyer. Leipzig 1950. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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