Nach der Anschaffung der Kritischen Ausgabe von Kafkas Werken habe ich ja keinen großen Drang mehr nach allzu vielen neuen Büchern, jetzt geht es erst einmal daran alles zu lesen, was ich mir in den letzten Jahren so zusammengesucht habe. Ein paar Bücher sind aber auch an Weihnachten noch dazugekommen, und das Embargo ist auch mehr oder weniger aufgehoben, was aber eher daran liegt, dass ich mehr Bücher wieder weggebe und verschenke. Und so ist dieses Buch von Elie Wiesel in diesen Tagen hier angekommen. Woher ich die Empfehlung hatte weiß ich garnicht mehr.

Es geht um einige (tragische) Helden der Bibel: Noah, Ruth, die Kinder Davids, also vor allem Salomo, aber auch eher Randfiguren, die man vielleicht nicht sofort einordnen kann, wie etwa Jiftach oder Ezechiel. Allen gemein ist, dass sie unsere Vorstellung von Moral, von Gut und Böse und von Richtig und Falsch beeinflusst haben. Elie Wiesel stellt uns lebendige Interpretationen dieser Geschichten vor, die entlang dieser Demarkationslinien verlaufen.

Noah Elie Wiesel
Foto: Wolfgang Schnier

Auf Golo Mann geht das Bonmot zurück: „Jede Generation muss sich ihren eigenen Begriff der Geschichte machen.“ Daran musste ich beim Lesen des Buches denken. Denn muss sich nicht jede Generation auch einen eigenen Begriff von Literatur machen? Geschichten und Erzählungen müssen neu interpretiert, auf die jeweilige Zeitumstände gespiegelt und durch die Mentalität des jeweiligen Jahrhunderts oder Jahrzehnts gehen. Es reicht nicht, wenn wir Interpretationen dieser Erzählungen aus den vergangenen Jahrhunderten lesen, und das ist eine allgemeine Beobachtung: so wirkungsmächtig etwa Thomas Manns Interpretation von Nietzsche gewesen ist, in der heutigen Zeit sind andere Aspekte in den Vordergrund getreten, die für Thomas Mann noch keine so große Rolle spielten. Oder man denke nur an die wechselvolle Inanspruchnahme von Hölderlin durch die Jahrzehnte. Diese reicht von George über die Tornister im Ersten Weltkrieg und die Expressionisten, die Nazis bis zu Emil Staiger, Heidegger und letztlich Adorno. Und so ist es auch mit den Erzählungen, die uns Elie Wiesel näher bringt: Ohne es explizit auszusprechen, allenfalls an einer Stelle erwähnt er es direkt, sind dies Interpretationen nach der  Shoah. Mit dem Verhältnis zwischen Glaube und Shoah hat sich Elie Wiesel bereits vorher beschäftigt, nämlich mit seinem Theaterstück Trial of God.

Nun, dieses Buch liefert interessante Einsichten in biblische Helden und ihre Erzählungen, die sonst vielleicht etwas abseits der Wahrnehmung stehen. Einzige Einschränkung wäre vielleicht anzumerken: Man sollte die Geschichten kennen und vorher gelesen haben, ansonsten ist man ein wenig verloren in den Interpretationen. Die jeweilige Erzählung wird zwar im Laufe des Lesens immer klarer, aber es ist schwierig, das Ganze adäquat einzuschätzen, wenn man nicht eine grobe Vorstellung davon hat worum es geht. Aber das ist ja meistens so.

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Elie Wiesel: Noah oder Ein neuer Anfang. Biblische Potraits. Freiburg im Breisgau 1994. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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