Solange die Menschen noch jung sind und die Partitur ihres Lebens erst bei den ersten Takten angelangt ist, können sie gemeinsam komponieren und Motive austauschen. Begegnen sie sich aber, wenn sie schon älter sind, ist die Komposition mehr oder weniger vollendet, und jedes Wort, jeder Gegenstand bedeuten in der Komposition des einzelnen etwas anderes. 

Kundera Partituren
Foto: Wolfgang Schnier

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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11 Kommentare

    1. Lese ich da eine Art Abwehrhaltung, vielleicht sogar sowas wie ein Nicht-Wahrhaben-Wollen heraus? Dass dem so ist, kann man ja kaum bestreiten, worauf du anspielst ist ja eher, dass trotzdem noch an einer gemeinsamen Partitur später im Leben geschrieben werden kann, Bedeutungen umcodiert werden können und Neues hinzutreten kann. Das möchte ich auch nicht bestreiten, aber das ist wieder etwas anderes, finde ich. Oder?

      1. hm … ich glaube, was mich stört, ist einfach die, wie ich fürchte, in einem solchen zitat steckende gefahr verallgemeinernder festschreibung, dieser duktus einer „letztgültigen wahrheit“ und erkenntnis, der mich aus derlei zitaten oft anweht; der in mir, ganz unabhängig vom umspielten thema, tatsächlich oft ein gewisses widerstreben auslöst, mir suspekt ist, weil durch die etablierung von klischees (im sinne von: „so ist es“, „so funktioniert die welt“, „so tickt der mensch“, „ich habe das erkannt“ …) das individuell-differenzierte hinschauen erschwert, verhindert, vielleicht sogar ja auch erspart … (das ist eine ganz subjektive reaktion von mir, das ist klar. jede/r liest halt auf eigene weise.) – lieben gruß 😉

      2. Nun, das Zitat hat Gültigkeit innerhalb der Logik, in der es vorkommt. So ist das mit jedem Zitat. Daraus lässt sich eine Tendenz ableiten für andere Zusammenhänge. Das ist kein Anspruch, der auf eine Allgemeingültigkeit hinaus läuft, sondern ein Beitrag zu diesem Thema, dem andere nebenan gestellt werden können. Dieses Zitat hier ist allerdings sehr prägnant und wie ich finde treffend, daher habe ich die Stelle herausgegriffen. Aber wie bei allem soll das nicht heißen, dass es nicht andere Logiken, andere Thesen, andere stichhaltige Sichtweisen gäbe.

  1. ein zitat, das für mich viel sinn macht.
    und es heißt ja nicht, dass die komposition nicht doch noch eine überraschende wendung nehmen kann. und wie sie enden wird, ob sie leise ausklingt oder ein furioses ende bereit hält, das weiß auch niemand. danke!
    lg, diana

    1. Ja, das stimmt. Allerdings ist das irgendwie ja fast schon ein deus ex machina, oder? Es ist ein mögliches Narrativ, aber es ist ein anderes als das, was bei Kundera steht.

      1. nein, so meinte ich das nicht, sondern vielmehr das, was am schluss bei der komposition, die geschrieben wurde vom lebenslauf, die lebt vom austausch, hinzufügen von „motiven“, herauskommt. vermutlich endet sie meist mittendrin… abrupt.
        an eine „von gott geschriebene partitur“, die wir nur „abspielen“, glaube ich nicht. 🙂

      2. Ich auch nicht, oder zumindest denke ich, wir können das nicht wissen. Und Du hast natürlich recht mit dem was du sagst, denn genauso verläuft der Roman ja dann auch!

      3. Ich finde es besonders schön, wenn ein Komposition endlich mal „steht“
        und zur Aufführung gebracht werden kann,

        „ewiges Herumverbessern“ kann auch schon mal dazu führen, dass man am Ende mit einer Komposition dasteht, die niemand mehr hören will…

        Liebe Wintersturmgrüße
        vom Lu Finbar

  2. hm, da ist was dran. Wobei es schon klasse ist, dass, je älter ich werde, ich mich bei eintsprechenden Gelegenheiten um so jünger fühlen darf.

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