Die interessierte Öffentlichkeit jubelte im letzten Jahr angesichts der Veröffentlichung von Thomas Sandkühlers Hitler-Biographie: Endlich eine Biographie für junge Leserinnen und Leser! Eine Lücke ward geschlossen. Ich möchte mich den sehr lobenden Rezensionen anschließen (1,2,3,4), sehe ich doch das Buch in allen Bereichen ebenfalls als sehr gelungen an, möchte allerdings ein paar Dinge hervorheben, die mir an dem Buch und seinem Kontext aufgefallen sind.

Nichts existiert außerhalb seines Kontextes: Was für Hitler gilt, und was Sandkühler exzellent beleuchtet, nämlich die Kontexte Kaiserreich, Weimarer Republik und Führerstaat, ohne die die historische Figur Adolf Hitler nicht gedacht werden kann und unverständlich bleibt, das gilt auch für das Buch selbst. Und wenn man sich die Kontexte dieses Buch ansieht, dann tritt einem sehr klar vor Augen, wie dringend eine seriöse Aufarbeitung des Themas für diese Zielgruppe ist. Wer noch einen Fernseher hat, der weiß, dass im deutschen Fernsehen im Durchschnitt mindestens zwei Sendungen zum Zweiten Weltkrieg, Adolf Hitler oder NS-Zeit parallel laufen. Diese inflationäre mediale Dauerbeschallung und kulturindustrielle Zurichtung von Geschichte führte schon in den 1990er Jahren zu einer Abwertung dieser Angebote: Kaum jemand nimmt sie noch wahr als seriöse Informationsquelle. Während aber im Fernsehen wenigstens die Fakten noch weitgehend stimmen (ich habe das jetzt allerdings nicht überprüft…), wenn auch die Zusammenhänge  ziemlich egal geworden sind, so sieht das in der Popkultur im Internet schon ganz anders aus. Wer einmal die Lust verspürt, sich von Teenagern Geschichte erklären zu lassen, der möge mit den entsprechenden Suchbegriffen auf youtubehantieren, ich mag sie hier nicht verlinken, vielen Dank für das Verständnis. Aber für viele Jugendliche ist youtube und dessen Banalitäten Informationsquelle Nummer Eins. Es ist, als ginge ein Bruch durch die Generationen: Menschen älter als 30 kennen youtube noch hauptsächlich als Lieferant von Musikvideos, während Menschen unter 20 vornehmlich youtube als Fernsehersatz nutzen, um Leuten zuzuhören, die in den Augen der Ü-30 eigentlich nichts zu sagen haben. Und die Leute, die noch im Nirvana zwischen 20 und 30 festhängen, hangeln sich irgendwo zwischen diesen Welten hindurch. Und das ist der Kontext dieses Buches: Es bietet in einfacher, klarer Sprache Informationen auf dem letzten Forschungsstand an, die wirklich jeden interessieren: War Hitler schwul? Was ist das Führerprinzip? Wieso begeisterten sich so viele Menschen für Hitler? War Hitler ein Karrieremensch? Wie sah auf dem Höhepunkt seiner Macht ein durchschnittlicher Tag Hitlers aus? Wieso waren so wenige Menschen in der Opposition und wieso ist der Widerstand gescheitert? — Das sind Fragen, die schwer in das Medium youtube passen, aber vorzüglich auf den 352 Seiten zur Geltung kommen. Dort erfährt man nicht nur, woher die Wendung „zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ kommt (sie kommt vor in Hitlers Rede vor 50.000 Hitlerjungen beim Reichsparteitag 1935), sondern man erfährt etwa in klarsten Worten, wieso das Naziregime ein System sich selbst verstärkender Radikalisierung gewesen ist:

Man wusste, was Hitler wollte, oder glaubte es zu wissen, weil man Mein Kampf kannte. Jeder wusste, dass Hitler den Kampf gegen „Feinde“ als obersten Grundsatz staatlichen Handelns betrachtete. Man wusste auch, dass Hitler stets die radikalste Lösung bevorzugte. Daher war die Verfolgung von „Gegnern“ das Gebiet, auf dem man sich am besten hervortun konnte. Im Streben um Macht und Einfluss überboten sich die Funktionäre gegenseitig mit Vorschlägen für die Verschärfung der Politik. Im Führerstaat Hitlers fielen sämtliche Sicherungen fort, die als Bremse gegen diese Radikalisierung hätten wirken können. Dies ist ein wichtiger Teil der Erklärung, warum der NS-Staat so verbrecherisch war.

Dies soll kurz verdeutlichen, mit welchen Sätzen man es in dem ganzen Buch zu tun hat und mit welcher klaren Sprache versucht wird, die historische Figur Hitler heutigen Leserinnen und Lesern nahe zu bringen (hier findet sich eine ausführliche Leseprobe (pdf)).

Bild: Hanser-Verlag

Ebenfalls erfrischend an dem Buch ist der dringend nötige Hinweis darauf, dass der Holocaust kein Werk eines einzelnen Menschen gewesen ist, sondern ein Projekt der „Volksgemeinschaft“ war. Das wird deutlich etwa wenn Sandkühler darauf hinweist, dass die Einrichtung des ersten Konzentrationslagers in Dachau bei München in aller Öffentlichkeit stattfand: „Himmler persönlich gab eine Pressekonferenz; Zeitungen berichteten über das neue Lager. „Dachau“ wurde schnell zum Inbegriff von Folter und Mord. Das war auch so beabsichtigt, denn man wollte Angst und Schrecken verbreiten.“ Und so geht es weiter, sehr meinungsfreudig wird deutlich Position bezogen und pointierte, klare Bilder evoziert, kurz: Der Leser bekommt handfeste Antworten auf seine Fragen.

Damit gibt es endlich ein Buch, dass dem ganzen Redeschwall der Ober-Checker auf youtube und sonstwo ein paar Fakten entgegenhält, und das noch in der richtigen Reihenfolge und mitsamt Kontext. Dabei bleiben Fachdebatten wie etwa der Streit zwischen  Strukturalisten und Intentionalisten außen vor, aber es wird in einer sehr übersichtlichen Bibliographie auf weiterführende Literatur hingewiesen (so etwa auch auf Ian Kershaw, der ausführlich diese Debatte nachzeichnet).

Einzig bei einer Altersempfehlung tue ich mir schwer und, soweit ich das sehe, nimmt die auch niemand so recht vor. Der Verlag spricht von 14 Jahren, allerdings ist diese Biographie auch in jedem Alter obendrüber zu empfehlen. Ich finde, mit 14 Jahren ist dieses Buch schon eine ganz schöne Herausforderung, und ich würde das nur in Ausnahmefällen bereits mit 14 empfehlen. Aber am besten liest man das Buch einfach selbst, bevor man es weitergibt, selbst kann man das am besten einschätzen. Unterhaltsam und informativ ist es in jedem Fall.

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Thomas Sandkühler: Adolf H. Lebensweg eines Diktators. München 2015. 352 Seiten, 19,90 €. 
ISBN: 9783446246355

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Hast du Sebastian Haffner „Anmerkungen zu Hitler“ gelesen? Ich wollte mir das anschaffen, nachdem ich sein „Von Bismarck zu Hitler“ gelesen hatte. Würdest du Sandkühler gegenüber Haffner den Vorzug geben?

    1. Ja, ich habe Haffner gelesen. In einem ersten Entwurf zu dieser Rezension zu Sandkühlers Buch stand drin: „Eigentlich war ich ja der Meinung, dass nach Haffner alles Kluge zu Hitler gesagt wurde und nichts mehr Sinnvolles hinzugefügt werden kann.“ Das habe ich aber weggelassen, da Sandkühler auf Haffner eingeht und sozusagen auf ihn aufbaut. Haffner halte ich immer noch unverzichtbar. Es ist ein kleines Büchlein, klein, da es eigentlich keine Anmerkungen zu Hitler sind, sondern zu Joachim Fests Hitler-Biographie. Haffner wollte eigentlich selbst eine Hitlerbiographie schreiben. Aber als sein Freund Fest das getan hat, reichten ihm eine Handvoll Anmerkungen. Gerade das führte vermutlich dazu, dass Haffners Anmerkungen heute noch sehr viel bekannter ist als Fests Biographie. Der größte Unterschied dürfte die Zielgruppe sein: Sandkühlers Buch richtet sich in erster Linie auch an ein junges Publikum, Haffner würde ich nicht für die gleiche Altersstufe empfehlen. Allerdings ist umgekehrt Sandkühlers Buch noch in jedem Alter empfehlenswert!

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