Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter…

 

Lange habe ich überlegt, wie ich mich meinem Hobby, der Promenadologie, so nähern kann, dass das, was es für mich ausmacht, nachvollziehbar wird. Wenn man aber für fast fünf Jahre beinahe jeden Tag die ein und selbe Strecke geht, und davon berichtet, dann schwingt unvermeidbar etwas Meditatives mit. Und das unterscheidet auch meine Art, wie ich die Promenadologie verstehe von der, wie sie etwa Lucius Burckhardt entwickelt hat: Es hat etwas Meditatives, Kontemplatives, das da am Werke ist. Das hier ist also ein Nachdenken über die Wechselwirkung zwischen äußerer und innerer Natur, über das Naturschöne, über den Mythos und den aufgeklärten Menschen, über Gott im Himmel und den Teufel im Detail.

Zuerst einmal muss ich mich entschuldigen, wenn ich dieses Thema, das Spazierengehen, derart aufblase. Geht man nicht mehr einfach bei schönem Wetter vor die Tür, um frische Luft zu schnappen? Oder wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Die Spaziergänge haben eine lange kulturgeschichtliche Tradition, und das aus einem besonderen Grund: Man kann vorzüglich Nachdenken während des Spazierengehens. Und das rechtfertigt ein Nachdenken über die Bedingungen dieses Nachdenkens, meine ich. Allerdings muss ich jedem Recht geben, der diese Reflexionen nicht anstellen mag, sondern einfach gerne vor die Tür gehen möchte, ohne langatmige Beiträge darüber lesen zu müssen. D’accord!

Foto: Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Vielleicht mag aber doch jemand noch weiterlesen: Egal über was man nachdenkt, man fängt dabei am besten mit einem Nachdenken über die eigene Position in Bezug auf den Gegenstand des Nachdenkens an. Wenn man sich darüber klar wird, wer man ist, was man tut und wieso man es tut, dann weiß man schon eine ganze Menge darüber, welche Ergebnisse man ungefähr zu erwarten hat. Und so möchte ich damit anfangen darüber nachzudenken, welches Verhältnis wir heute eigentlich zur Natur haben, in der wir spazieren gehen.

Unser Verhältnis zur Natur hat sich in den letzten 200 bis 300 Jahren stark verändert. Man könnte dieses Verhältnis umschreiben als eine immer stärker fortschreitende Naturbeherrschung. Naturphänomene, denen der Mensch zu früheren Zeiten mehr oder weniger hilflos ausgeliefert war, haben ihren Schrecken verloren, wie etwa viele Seuchen und Krankheiten. Ein weiteres Beispiel wäre etwa die Regulierung und Kontrolle der Nilüberflutungen durch den Megastaudamm bei Assuan: Seit Jahrtausenden überschwemmte der Nil in der Frühlingszeit unkontrollierbar weite Teile seines Einzugsgebietes entlang seiner Route durch Ägypten. Oft war es der Fall, dass der Nil sich ein neues Flussbett suchte und seinen Lauf immer wieder variierte. Und nicht wenige Menschen verloren jedes Jahr ihr Leben, da nicht vorherzusehen war, wann, wie und wo die Überflutungen am Schlimmsten waren. Damit waren der menschlichen Kontrolle für Jahrtausende gewisse Grenzen gesetzt, zwangen im Gegenzug in der Antike allerdings zu sehr bemerkenswerten mathematischen Leistungen, um doch noch irgendwie eine Kontrolle über das Land zu ermöglichen. Als dann im 20. Jahrhundert der Assuan-Staudamm gebaut wurde, waren die Überflutungen kontrollierbar geworden. Dieses ist ein Beispiel von vielen, das uns gelehrt hat, wie wir gelernt haben, nach und nach immer weitere Teile der Natur zu beherrschen. Wenn wir also spazieren gehen und Naturphänomene beobachten, dann wissen wir, dass sie die größten Teile ihres Schreckens verloren haben, weil wir wissen, dass wir in einem großen Rahmen die Natur beherrschen. Das hat auch damit zu tun, dass wir immer mehr über die Prozesse in der Natur verstehen: Das Wissen über jahrmillionen alte Galaxien gibt uns eine gewisse Macht über sie. Dies spielt eine Rolle, inwiefern wir die Natur wahrnehmen, sie einschätzen und welchen Eindruck sie bei uns hinterlässt. Wir gehen an Feldern vorbei, die das ganze Jahr über bewirtschaftet werden und uns Nahrung liefern, der Wald liefert Holz und auf den Wiesen wächst das Gras für das Heu im Winter.

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Foto: Wolfgang Schnier

Ja, diese Konstellation ist eine andere als in einer Stadt spazieren zu gehen. Die Stadt hat auch ihren Reiz, mit ihren Denkmälern, verschiedenen Schichten von architektonischen Perioden und den domestizierten Grünflächen. In der Stadt schwingt die Schönheit der Natur allenfalls vermittelt wieder, in etwa vergleichbar mit dem Verhältnis zwischen der alten Diskussion in der Ästhetik, wie denn das Verhältnis zwischen Naturschönheit und Kunstschönheit sei. Und wenn ich spazieren gehe, dann bin ich Kantianer in dieser Hinsicht und kein Hegelianer, und ich denke an die Passage in der Kritik der Urteilskraft über Naturschönheit bei Kant:

„Der Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit, wenn jene gleich durch diese der Form nach sogar übertroffen würde, dennoch an jener allein ein unmittelbares Interesse zu nehmen, stimmt mit der geläuterten und gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl kultiviert haben. Wenn ein Mann, der Geschmack genug hat, um über Produkte der schönen Kunst mit der größten Richtigkeit und Feinheit zu urteilen, das Zimmer gern verläßt, in welchem jene, die Eitelkeit und allenfalls gesellschaftliche Freuden unterhaltende, Schönheiten anzutreffen sind, und sich zum Schönen der Natur wendet, um hier gleichsam Wollust für seinen Geist in einem Gedankengange zu finden, den er sich nie völlig entwickeln kann, so werden wir diese seine Wahl selber mit Hochachtung betrachten und in ihm eine schöne Seele voraussetzen, auf die kein Kunstkenner und Liebhaber, um des Interesses willen, das er an seinen Gegenständen nimmt, Anspruch machen kann. Das Interesse am Schönen der Natur ist nur denen eigen, deren Denkungsart entweder zum Guten schon ausgebildet ist, oder dieser Ausbildung vorzüglich empfänglich ist.“

Kurz gesagt: Wohlgefallen an der Naturschönheit setzt eine moralische Gesinnung voraus. Und wenn auch die Idealisten wie etwa Hegel diesen Vorrang des Naturschönen belächelt haben, so kann man doch sagen, dass es ein ganz bestimmtes Verhältnis von Naturschönem und Kunstschönem gibt: wer etwa ein Gemälde betrachtet, vielleicht von Caspar David Friedrich oder von William Turner, der betrachtet ein auf Leinwand gebrachte Szenerie des Naturschönen, gebannt als Kunstschönes. In diesem Falle bedingen sich beide und es wird wieder auf einer subtilen Art deutlich, dass wir der Naturbeherrschung im Grunde nicht entkommen können, denn ein solches Gemälde, einer Landschaft etwa, ist im Grunde nichts anderes als eine Form dieses Zugriffs auf die Natur. Ihre Schönheit wird domestiziert. Lange Zeit wurde übrigens ‚Ästhetik‘ oder ästhetische Betrachtung gleichgesetzt mit ‚Schönheit‘ und ‚Erhabenheit‘. Das sind im Grunde überkommene Konzepte, da wir spätestens seit den fleurs du mal wissen, dass es auch noch andere Konzepte des Ästhetischen gibt; falsch verstanden wäre dieser Gedanke allerdings, wenn man von einer ‚Verschandelung‘ der Landschaft reden würde, etwa durch Bauten wie Strommasten und Windräder. Das verkennt das Primat der Naturbeherrschung, der wir unterworfen sind.

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Foto: Wolfgang Schnier

Wenn wir über das Spazieren gehen nachdenken, wie die Natur auf uns wirkt, wie sie ‚den Geist formt‘ und gelegentlich als Inspirationsquelle dient, so reden wir ja eigentlich von dem Einfluss der äußeren Natur auf unsere innere Natur, die wir spätestens seit Freud mitdenken müssen. Es ist in erster Linie der bewusste oder unbewusste Versuch einer Beeinflussung unseres Geisteszustandes, und wer einmal erlebt hat, wie seine Stimmung sich verändert durch einen Spaziergang, der weiß wovon ich rede. Auch hier zeigt sich wieder das Paradigma der Naturbeherrschung, dieses Mal die Beherrschung der inneren Natur. Aber darauf will ich nicht hinaus, jedenfalls nicht unverwandelt, sondern ich möchte auf die Wechselwirkung hinweisen, die zwischen äußerer Natur und innerer Natur besteht. Es ist nicht nur eine einseitige Bewegung vom geistigen Willen, der sich der Natur aufzwängt, sondern wir müssen auch an die Wirkung der Natur denken, die sie auf uns hat – und das ja eigentlich, menschheitsgeschichtlich gesehen, vermutlich zuerst da gewesen ist. Und wenn wir zugestehen, dass ein Spaziergang Prozesse in Gang setzen kann, oder zumindest in uns anspricht, die uns bislang nicht bewusst gewesen sind, so gestehen wir ein, dass diese unbewussten Prozesse nicht kontrollierbar gewesen sind und auch in dem Moment ihres Erkennens noch nicht sind. Das ist eine ganz eigentümliche Dialektik, die zum Vorschein kommt und man macht sie sich besser an anderen Beispielen bewusst, bevor man wieder an das Spazierengehen denkt: Je mehr wir scheinbar die Natur domestiziert haben und sie beherrschen, desto eher zeigt sie uns eine unbewusste, unbekannte Seite, die uns auf einer anderen Ebene an sie fesselt. Mit der Möglichkeit in den westlichen Industrieländern, Nahrungsmittel immer weiter technisch raffiniert und industriell herzustellen, und es so eine Nahrungsvielfalt gibt wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte und dies nicht nur dem Hunger den Schrecken genommen hat, wie er noch im 19. Jahrhundert zum Beispiel furchtbar in Irland wütete, sondern auch ganz unterschiedliche Lebensstile zum Vorschein gebracht hat, vom Vegetarier über den Veganer zum Flexitarier und somit der menschlichen Esskultur viele weitere Facetten und Nuancen bescherte, so wachsen aber auch die Schattenseiten in dem gleichen Maße mit. Ausgedorrte Felder durch Monokulturen konnte man mit fortschrittlichen Anbaumethoden und synthetischem Dünger bannen, aber man spülte das Grundwasser mit Substanzen voll, die man dort nicht haben wollte und die wiederum durch das Trinkwasser auf den Menschen zurückfallen. Schädlinge und Unkraut hält man sich mit Pestiziden vom Leib, doch trifft man damit auch die Bienen, die uns durch ihr Massensterben in arge Bedrängnis gebracht haben. Lebensmittelallergien und Unverträglichkeiten sind ein modernes Phänomen, das man in vormoderner Zeit in diesem Ausmaße überhaupt nicht kannte, ja oftmals noch nicht einmal Begrifflichkeiten dafür hatte. Und durch den Bau des Assuanstaudamms blieben zwar die unkontrollierbaren Überflutungen aus, aber damit auch die jährliche natürliche Befruchtung und das Düngen durch diese Überflutung, das nahezu das gesamte Anbaugebiet Ägyptens erst fruchtbar gemacht hatte. Diese Dialektik zwischen Naturbeherrschung und Gebunden-Sein an die die Natur schwingt auch bei den Spaziergängen mit, wenn die Natur größtenteils zwar ihren Schrecken und das ihr Unbekannte verloren hat, dafür aber Prozesse, Gedanken und Gefühle freisetzt oder in Gang bringt, von denen wir vorher nichts wussten. Sicher, das ist ein viel subtilerer Vorgang als die viel deutlicher vor Augen liegenden Aus- und Nebenwirkungen, die ich eben angesprochen habe. Aber das Prinzip, das dabei zum Vorschein kommt, die Idee dahinter, die ist dieselbe.

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Foto: Wolfgang Schnier

In den letzten fünf Jahren bin ich beinahe jeden Tag die immer gleiche Strecke spazieren gegangen. Die meisten meiner Bilder sind von diesem einen circa sieben Kilometer langen Weg, für den ich zwischen 50 und 80 Minuten benötige; ich variiere im Sommer und im Winter ungefähr 500 Meter der Strecke, da im Winter der eine Weg kaum begehbar und im Sommer der andere zeckenverseucht ist. Da ich aber auch manchmal auf einer der drei Bänke unterwegs Rast mache oder mir Zeit für ein Bild nehme, variiert die benötigte Zeit immer ein wenig, und eigentlich schaue ich auch nicht auf die Uhr, sondern gehe einfach drauflos. Die Strecke verläuft folgendermaßen: Ich gehe zuerst ein Stück Straße entlang, bevor ich einen kleinen Hügel hinauf laufe auf einen Feldweg im Wald, der dann einen Berg hinauf führt. Das ist der erste und anstrengende Teil der Strecke. Auf dem Berg biege ich dann ab und laufe auf dem Bergscheitel entlang. Eigentlich ist ‚Berg‘ eine Übertreibung, es handelt sich im Grunde um eine ganz normale landschaftliche Erhebung, die vielleicht an eine kilometerlange Düne erinnert, die man aber ungefähr zwei Kilometer bergauf erklimmen muss. Nach einem weiteren Kilometer auf diesem Sattel gehe ich dann auf einem betonierten Feldweg wieder bergab, um dann fast am Fuße des Berges wieder in die vorherige Richtung umzuschwenken und laufe damit die vierte Seite des etwas unförmigen Rechtecks ab. Dort geht es über eine große freie Grasfläche, die im Sommer manchmal von Kühen beweidet wird, an denen ich mich aber für gewöhnlich nicht störe (die Kühe an mir auch nicht). Dieser Weg ist an sich unspektakulär. Aber der Umstand, dass es immer derselbe Weg ist, zu den unterschiedlichen Jahreszeiten und den unterschiedlichsten Wetterbedingungen, gibt jedem Spaziergang etwas Meditatives mit auf den Weg. Wenn ich alleine gehe, und ich gehe meistens alleine spazieren, dann denke ich auf dem Weg den Berg hinauf über andere Dinge nach als auf dem Bergsattel, und wenn es den Berg wieder hinuntergeht, wechseln die Themen, die Anstrengung und die Stimmung. Das erinnert mich immer ein wenig an Camus‘ Mythos des Sisyphos, aber vor allem erinnert es mich  an seine Erzählungen über die nordafrikanische Landschaft in seinem literarischen Essay Noces (Hochzeit des Lichts). Bevor ich darauf eingehe, muss ich aber kurz über den Mythos nachdenken, da ansonsten das Folgende unverständlich bleiben muss.

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Foto: Wolfgang Schnier

Der Mythos ist vor allem der Versuch, sich die Welt zu erklären, die Mythologie in ihrer Gesamtheit ist ein Welterklärungsmodell. Der Mythos versuchte in seiner frühesten Form durch Erklärungen und Begründungen Naturprozesse zu verstehen. Viele polytheistische Göttermodelle lassen sich so verstehen, so gab es etwa einen griechischen Gott für so gut wie jedes Naturphänomen. Eine gewisse Abstraktionsleistung höher formten sich dann auch Götter um menschliche Phänomene, die den Griechen naturgleich vorkommen mussten, wie etwa einen Gott des Krieges (Ares) oder eine Göttin der Liebe (Aphrodite). Wieder eine Abstraktionsleistung weiter assoziierte man diese unterschiedlichen Attribute in eine einzelne Wesenheit, einen einzelnen Gott; monotheistische Kulte gab es in der Antike immer wieder, waren lange Zeit allerdings nicht dominant. Jedenfalls bieten Mythen eine Art Rechtfertigungslehre an, indem sie versuchen, nicht verstehbare oder nicht kontrollierbare Prozesse zu erklären, zu begründen oder zu rechtfertigen. Sie greifen in das menschliche Handeln ein, wenn sie wiederum als Begründung für menschliches Handeln heran gezogen werden. Das Mythische Zeitalter seit der Antike wurde scheinbar vollends von der Epoche der Aufklärung abgelöst, denn seitdem scheint sich das rationale Prinzip, der Logos, durchgesetzt zu haben. Doch wir wissen heute, dass die Aufklärung selbst zu einem Mythos wurde, zu einem Erklärungsmodell, das an den Rändern ausfranzt und bei nahezu jeder Entdeckung oder jedem technischen Fortschritt seine Schattenseiten mitbringt – wir haben ja davon schon einige kennen gelernt. Daher ist der Mythos besser beschrieben als ein Erklärungsmodell, das sich selbst nicht hinterfragt. Diese Selbstreflexion fehlte der Aufklärung die längste Zeit ihrer Geschichte und ein Nachdenken über ihre mythischen Bestandteile ist nicht immer gern gesehen, da es Zweifel in ein Glaubenssystem hineinbringt, das ja angetreten ist, um durch sein Selbstbewusstsein und aus seinem Alleinvertretungsanspruch heraus andere Glaubenssysteme abzulösen. Werden nun daran Zweifel laut, so kommt dies einer Infragestellung des gesamten Glaubenssystems gleich. Aber das soll hier nicht weiter entschieden werden, eigentlich geht es ja um das Spazierengehen.

Spaziergang Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Wenn man nun der Natur gegenübertritt und weiß, dass sich hinter der Sonne kein Sonnengott und hinter dem Mond kein Mondgott verbirgt, denen man Aufmerksamkeit, Respekt und Demut entgegenbringen muss, so fallen zwangsläufig auch die Macht und der Zauber dieser Naturerscheinungen weg, die man manchmal versucht künstlich zu erzeugen, etwa durch kulturindustrielle Zurechtlegungen der Wirklichkeit. Man kann diesen Verlust kompensieren, in dem Naturerscheinungen romantisch aufgeladen werden, manchmal wird dabei auch die Grenze zum Kitsch überschritten. Ruth Klüger definierte Kitsch einmal als Lüge, Kunst als die Wahrheit. Die Lüge am Kitsch ist ein ernstgemeintes Versprechen auf ein Glück, ein Heilsversprechen oder ein Erlösungsversprechen, das von ihm ausgeht. Der Kitsch gaukelt eine Idylle vor, eine perfekte Welt. Die Kunst dagegen bricht mit diesem Versprechen, zeigt auf die Brüche und Ungenauigkeiten hin. Man kann den Kitsch in diesem Sinne durchaus als mythisch verstehen. Und an dieser Stelle wird Camus interessant, vor allem seine Betrachtungen zu der Landschaft im algerischen Frühling und Sommer. Hier finden wir womöglich das ansprechendste Nachdenken über Menschen und die Natur während eines Spaziergangs durch die Stadt und die Natur. Camus nimmt uns mit auf seinem Weg seiner Heimat und bietet uns ein Panoramabild seiner Zeit. Der Anfang seiner Überlegungen ist denkwürdig:

„Au printemps, Tipasa est habitée par les dieux et les dieux parlent dans le soleil et l’odeur des absinthes, la mer cuirassée d’argent, le ciel bleu écru, les ruines couvertes de fleurs et la lumière à gros bouillons dans les amas de pierres.“
(„Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter. Sie reden durch die Sonne und durch den Duft der Wermutsträucher, durch den Silberküraß des Meeres, den grellblauen Himmel, die blumenübersäten Ruinen und die Lichtfülle des Steingetrümmers.“)

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Foto: Wolfgang Schnier

Camus ruft die alten Götter herbei, um uns seine Eindrücke der Landschaft von Tipasa näher zu bringen. Er spricht ein unergründliches Bewusstsein, ein tiefes Wissen um den Mythos an, das wir trotz unserer Aufklärung verstehen und einen Zauber für uns bereithält. Er spielt mit dem Mythos, weil er wieder zu einer Erklärung herangezogen wird. Das Spiel besteht darin, dass nicht die Götter attribuiert werden, mit (menschlichen) Eigenschaften ausgestattet werden, sondern die Landschaft bekommt eine göttliche Qualität. In dieser Umkehrung stecken zweitausend Jahre Aufklärung. Und mit nichts anderem könnte ich besser erklären, was ich meine, wenn ich sage, dass in unseren Spaziergängen heute etwas Mythisches sich noch findet, ein unerklärlicher Rest, ein unergründliches Wissen um diesen Zauber, den manche schon verloren gaben. Und genau diese metaphysische Qualität finden wir beim Spazieren gehen, aber das entscheidende ist: Wir müssen, wie es Camus uns vorgemacht hat, diese metaphysische Qualität in ihn hineinlegen.  Und so können wir aus menschlicher Perspektive hinter der Sonne die Ewigkeit durchblinzeln sehen, dem harten Weg den Berg hinauf und dem Mond unsere Freiheit schenken und über die Unendlichkeit angesichts des funkelnden Sternenzeltes nachdenken. Wir können uns wieder der Natur untertan fühlen, wenn die Götter mit dem Wind im Winter durch die ungeschützte Haut schneiden oder, wenn wir im Sommer in der gepressten Hitze die Glutfunken über den Feldern einatmen.

Dann gehört das Schicksal wieder uns, ähnlich wie es bei  Sysiphos heißt: Der absurde Mensch sagt ja,  und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Unser Spaziergang reiht er sich ein in eine unbestimmte Anzahl von Spaziergängen, die hinter uns liegen und die wir noch bewältigen werden. Und wenn es immer die selbe Strecke ist, fällt es beinahe schon schwer zu sagen, wo der eine Spaziergang anfängt und der nächste aufhört. Wird der Spaziergang hier zum Mythos?

Ich möchte dieses Nachdenken schließen mit ein paar Worten über ein Bild, das mir sehr gut gefällt und das ich auch stellvertretend für die anderen Bilder gerne besprechen würde. Es ist entstanden in dem Winter nachdem ich mein amerikanisches College verlassen habe (merci à Camille pour sa permission de publier la photo!) und vielleicht deshalb hat es eine so hohe emotionale Bedeutung für mich. Es zeigt einen Teil des Weges, den ich damals beinahe täglich spazieren ging und es zeigt die Bank, auf der ich beinahe täglich unter der amerikanischen Flagge saß und nachdachte.

Spaziergang Wolfgang Schnier
Foto: Camille Dufay

Das Bild zeigt eine vermeintliche Idylle, es ist, vor allem zusammen mit meiner Erläuterung, beinahe schon Kitsch. Aber nur beinahe: Der weiße Schnee ruft Assoziationen von Friede, Stille Gemütlichkeit und Ruhe hervor (it’s a peaceful scenery). Wenn man weiß, dass unter dem Schnee der Weg aus cobblestone gemacht ist, dann denkt man vielleicht genauso wie ich an das Lied Sound of Silence von Simon & Garfunkel. Das Licht ist überhell, aber es blendet nicht, sondern erleuchtet noch sanft das leichte Schneetreiben ringsumher. Das altehrwürdige Backsteingebäude, vermutlich einen alten viktorianischen Stil nachahmend, in einem architektonischen Dialekt der Südstaaten, wird zur hell erleuchteten Kulisse, was zu seiner ehrwürdigen Erhabenheit beiträgt (light is dripping off the walls). Neben dem windstillen Fahnenmast stehen zwei Menschen dicht beieinander, im Detail sieht man, dass man sich gegenseitig fotografiert: Ich denke gleich an sich in die Unendlichkeit multiplizierende Spiegel, die sich gegenüberstehen (mirrors photographing themselves). Nur wenige Fußspuren unterbrechen die makellose Schneedecke, sie zeigen an, dass es einen Weg gibt, den man gehen muss. Die amerikanische Flagge, Symbol für die Freiheit für viele Menschen, schmiegt sich ruhig und unaufgeregt bei dieser Windstille an den Fahnenmast (give me your tired, your poor, your huddled masses). Die vergeisterten Bäume sind Silhouette und geben der Szenerie ihre Atmosphäre. Das Bild suggeriert eine Stille und Ruhe, dumpf schluckt der Schnee die Geräusche und das Atmen wird zum Glockenschlag.

Und bis hierhin ist es eine kitschige Idylle. Es gibt aber ein Detail, welches das Bild als Ganzes betrifft und es eben nicht zu diesem Kitsch werden lässt: Das Bild ist nämlich ein ganz kleines Stück gekippt, es wurde nicht in einem perfekten rechten Winkel aufgenommen. Ganz deutlich wird das an dem Fahnenmast. Und das zeigt mir, dass diese Idylle, unser Blick heute und meine Welt damals, ein kleines Stück aus den Angeln gehoben ist. Sie ist im Begriff zu fallen, und genau in diesem Moment des Fallens blicke ich auf diese Szenerie, diesen Schnitt in der Zeit, der nun einmal persönlich codiert und emotional besetzt ist, und fühle mich ihm verbunden. Wäre dieses Detail nicht, mir würde das Bild nicht gefallen und ich hätte es längst vergessen. Aber dieses eine Detail bewahrt das Bild vor dem Kitsch, denn es ist eben nicht die Lüge von Freiheit, Friede, Stille und Wahrheit, sondern all das ist in Frage gestellt und lässt mich zweifelnd und fragend zurück: Ich denke nach über den Mythos, über die Aufklärung der Aufklärung, der Remythisierung des Mythischen. Dieses Bild war eigentlich der Grund, weshalb ich überhaupt angefangen habe, auf meinen Spaziergängen Bilder zu machen, denn oft vergeht dieser Augenblick, in dem diese Risse in der Wirklichkeit zum Vorschein kommen, viel zu schnell, oder, wie in diesem Falle, ist es erst das Bild an sich, das mich darauf stößt. Und so suche ich auch in meinen Bildern nach dem Detail, das das Bild vor dem Kitsch bewahrt.

Spazierengehen als Mythos, Gott im Himmel und der Teufel im Detail. So lassen sich diese Gedanken in fast schon unverständlicher Verallgemeinerung zusammen fassen. Aber manchmal taucht doch wieder ein Fünkchen in diesen Formulierungen auf, das uns ein Stück näher bringt an den eigentlichen Gegenstand. Und so helfen wir uns, die Natur, uns in ihr und die immer weiter voran schreitende Dialektik zu erklären. Das hatte kaum einen benennbaren Anfang und hat noch lange kein Ende. Oder anders gesagt: Beim Spazieren gehen wir der Ewigkeit hinterher.

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Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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7 Kommentare

  1. Was für ein tiefsinniger Beitrag, der augenblicklich in die Lage versetzt, in das Detail zu blicken, anstatt nur die Oberflächlichkeit täglicher Routine zu sehen.
    Toll!

  2. Ich erinnere einen Professor von mir, der es vorzog seine Studenten zu Besprechungen, statt in sein Büro, zum Spazierengehen einlud. Wir haben das damals, trotz Erläuterungen seinerseits, kaum zu schätzen gewußt. Angeregt durch diesen Artikel sehe ich jetzt vieles anders. Danke. LG, mick.

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