Für viele war die Gedichtsinterpretation in der Schule mit die schlimmste Erfahrung im Deutschunterricht: Versmaß und Reimschema bestimmen und dann wie an einer Perlenschnur auf den Sinnzusammenhang schließen! Und wenn dann die Lehrerin dem einen wie dem anderen in der Interpretation recht gab, stand man verwirrt da und hatte zumindest den leisen Verdacht, dass sowieso alles beliebig sei. Ich kenne diesen Unterricht selbst noch und kann ihn beim besten Willen nicht empfehlen. Geheilt wurde ich dann allerdings, als es um Lyrik von Paul Celan ging. Hier spielen Versmaß und Reimschema sehr selten eine Rolle, ja, Reime finden sich, wenn überhaupt, dann eigentlich nur in den frühen Gedichten, wie etwa in der Todesfuge oder in dem Gedicht Nähe der Gräber. Aber dann, wenn man sich einmal vom Reim befreit hat, kann man sich ja endlich einmal dem wichtigen zuwenden, dem Inhalt und den einzelnen Wörtern, dem Fleisch, das, was ein Gedicht ja ausmacht. Und da bietet sich Celan sehr gut an, da er reich an sprachlichen Bildern ist und man sozusagen aus dem Vollen schöpfen kann.

Allerdings steht man unweigerlich vor einem Problem, denn der Rat Celans, man solle das Gedicht nur immer und immer wieder lesen, dann komme die Bedeutung von alleine, hilft einem nur bedingt. Interpretationen verlaufen wie das Verstehen an sich hermeneutisch, das heißt, erst durch entsprechende Beispiele, Anregungen und Erklärungen können wir nach einer Zeit zu eigenen Überlegungen und Erläuterungen kommen. Wenn man sich also an die Interpretation von Gedichten machen möchte, dann sollte man ungefähr eine Vorstellung davon haben, wie so etwas aussieht. Und, ja, das versuchen ja die Pädagogen uns tagein, tagaus beizubringen. Diese Theorie ist ja ganz nett, ich finde allerdings, dass man sich ruhig einmal ansehen kann, wie andere ein Gedicht interpretieren. Es muss ja nicht gleich das Gedicht sein, das einem selbst vor Augen liegt, sondern vielleicht einfach einmal sich an Beispielen ansieht, wie man so etwas machen kann.

Nun gibt es zu jedem bekannten Gedicht mindestens zwei oder drei verschiedene Interpretationen, und Sammelbände mit Interpretationen gibt es auch zuhauf. Interessant finde ich nun einen umgekehrten Zugang zu wählen: Wie interpretiert die selbe Person unterschiedliche Gedichte? Und dafür gibt es seit einigen Jahren ein schönes Büchlein, nämlich eine Zusammenstellung von Ruth Klügers Gedichtsinterpretationen. Sie bespricht darin so unterschiedliche Gedichte wie den Zweiten Merseburger Zauberspruch, ein Gedicht von Catharina Regina von Greiffenburg, Hoffmann von Fallersleben, Schiller und Goethe, Ingeborg Bachmann und natürlich auch Paul Celan — um nur einige Autorinnen und Autoren zu nennen. Zusammen mit einer Preisrede als Nachwort — Über Lyrik reden — ergibt sich hier ein interessantes Panoramabild der deutschen Lyrik, erklärt und vorgestellt von einer der profiliertesten Germanistinnen unserer Tage. Das schöne an ihren Interpretationen ist gerade, dass es keine Schulbuch-Musterinterpretationen sind, die ein Gedicht auseinanderbauen, bis nichts mehr von ihm übrig ist. Sie geht vielmehr von einzelnen Beobachtungen aus, die einzelne Details anregen, die man leicht übersieht. Und von diesen Details entspannt sie eine Interpretation des ganzen Gedichts: Klassische Hermeneutik.

Ruth Klüger Lyrik
Foto: Wolfgang Schnier

Damit will ich jetzt nicht sagen, dass das Schulbuchwissen über Interpretationen untauglich sei. Oftmals geben Versmaß und Reimschema wichtige Hinweise zur Interpretation. Aber man sollte beides nicht überbewerten: Dass sich ein Barockgedicht schon zehn Meter gegen den Wind reimt, versteht sich ja fast von selbst! Anstatt also der Frage nachzugehen, was es ausgerechnet in diesem einen Gedicht mit dem Reim auf sich hat, lohnt sich vielleicht vielmehr zu verstehen, wieso jedes Gedicht einen Reim brauchte, um als ein Gedicht erkannt zu werden. So  kommt man schnell zu gesellschaftlichen Zwängen, die sich in den Gedichten widerspiegeln — und hat auf einmal eine sehr interessante Spur, die man in jedem dieser Gedichte verfolgen kann.

Nun, wie dem auch sei, wer sich der Interpretation von Gedichten nähern möchte, und zwar in einer Art und Weise, die ihm nicht die Lust am Interpretieren nimmt, wird bei Ruth Klüger fündig werden.

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Ruth Klüger: Gemalte Fensterscheiben. Über Lyrik. Göttingen 2007.
ISBN: 9783892444909

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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11 Kommentare

  1. Das Auseinanderklamüsern von Alexandrinern hat mir tatsächlich in meinen Jugendjahren erst einmal die Lust an der Lyrik verleidet. Meine Rückkehr fing mit Ingeborg Bachmann an.

  2. es gibt auch den Ansatz des erfahrungorientierten Interpretierens…..das hilft gerade Kindern leichter den Zugang zu finden

    1. Ja, es gibt viele verschiedene Zugänge zur Lyrik. Der kindliche Zugang ist nochmals ein anderer als der Zugang in späteren Jahren.
      Zum Beispiel hatte Paul Celan sein Leben lang Kinderreime gesammelt. Das ist wieder eine ganz spezielle Art von Lyrik, die den Kindern hilft, ihre Welt zu verstehen und zu ordnen. Diese werden sozusagen on-the-fly interpretiert, im Augenblick ihres Aufsagens.

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