Versteht man die Utopie geschichtsphilosophisch, und nicht umgangssprachlich, so meint man damit auch heute noch soviel wie ‚erstrebenswerte Zukunft‘, eine Art heuristische Fiktion, an der man sich orientieren solle. Max Horkheimer beschrieb allerdings die Utopie 1930 bereits folgendermaßen: „In der Tat hat die Utopie zwei Seiten: sie ist die Kritik dessen, was ist, und die Darstellung dessen, was sein soll. Die Bedeutung liegt wesentlich im ersten Moment beschlossen.“

Science fiction ist meist letzteres, Darstellung dessen, was sein soll. Das Problem dabei ist, dass sie zwangsläufig im Hier und Jetzt verwurzelt ist und im schlimmsten Falle heutige gesellschaftliche Realitäten in alle Ewigkeit projiziert und zementiert, als gäbe es nur einen technischen Fortschritt, aber keinen sozialen. Ein Beispiel dafür ist Star Wars. Es gibt auch die Möglichkeit einer positiven sozialen Zukunftsutopie, in der die Menschen, auch dank Technik, ein besseres Leben haben. Ein Beispiel für diesen Strang ist Star Trek. Das Problem bei science fiction heute ist allerdings, dass es kulturindustrielle Produkte sind, die verkauft werden, und nicht mehr Visionen sind, wie etwa noch bei Dante. Allerdings, zugestanden, Dante war kein science fiction-Autor. Damals hatte man aber noch einen anderen Zugang zur Zukunft, und das ist ja auch schon ein interessanter Befund.

f1

A propos Visionen: Technisch gesehen leben wir heute in der Zukunft, die die Drehbuchautorinnen und -autoren von Star Trek in den 1960er und dann wieder in den späten 1980er Jahren für uns vorhergesehen hatten. Nahezu alle high-tec ‚Erfindungen‘ der letzten Jahre stammen aus dem Zusammenhang von Star Trek: Das fing an mit den sich automatisch öffnenden Türen, ging weiter mit den Handys, den Touchscreens, Laptops, Tablets, VR-Brillen, selbst fahrenden Fahrzeuge, portablen Speichermedien wie CD-ROMS und USB-Sticks, bis hin zu heutigen Cloud-Anwendungen, 3D-Druckern, Drohnen und Spracherkennungs- und Echtzeitübersetzungsprogramme. Diese enorme Kreativität, die zahlreiche Ingenieure inspiriert hat, um genau diese Dinge zu bauen, ist dem Star Trek von heute verloren gegangen. Aber das nur nebenbei. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich als Einstieg die beiden Bände Faszinierend! Star Trek und die Wissenschaften

Microsoft ging nun den umgekehrten Weg. Sie luden namhafte science fiction-Autoren in ihre Labors ein, damit diese von der Arbeit der Wissenschaftler inspiriert werden sollten. Herausgekommen ist ein interessanter Band, der für alle gängigen e-book-Systeme kostenlos heruntergeladen werden kann.

Wer bei dieser Auftragsarbeit befürchtet, Geschichten aus der Marketingabteilung von Microsoft vorgesetzt zu bekommen, kann sich beruhigen. Vielen Geschichten sieht man zwar die Nähe zu einem Techniklabor an, aber sie können durchaus ambivalent sein und thematisieren auch deutlich die Risiken des technischen Fortschritts — ein klassisches Motiv der science fiction-Literatur. Man könnte es vielleicht beschreiben als Chancen und Grenzen des technischen Fortschritts, denn im Grunde ist dieser Band auch eine literarische Verarbeitung einer Fragestellung, die schon seit langem in Sachbüchern diskutiert wird (dazu hatte ich bereits zwei Bücher und einen Roman vorgestellt). Auch meint hier, dass dies eine Seite der short stories ist, die da angesprochen wird. Denn es ist auch sehr gute science fiction-Literatur. Man muss vielleicht nicht so weit gehen und sie in der Tradition von Stanislaw Lem sehen, dazu sind die Erzählungen viel zu sehr in unserer Welt verwurzelt, aber wie Marten Hahn im Deutschlandfunk bzw. in der Welt festhielt, die short stories gehören mit zum Besten, was es zur Zeit an science fiction zu lesen gibt (1,2).

Viele Kommentatoren sind ja skeptisch, vor allem was die so genannte „Zukunftsforschung“ angeht. Man könne sich schlicht nicht vorstellen, wie unser Leben in einem Jahrhundert aussähe. New York City war, so wird lakonisch bemerkt, vor zweihundert Jahren noch ganz gut im Fellhandel. Dieser Einwand mag richtig sein, aber genau darin liegt ja die Anstrengung von Literatur: Einen Spiegel zu bieten, was sein könnte, was hätte sein können, was sein soll und was nicht sein soll. Eine Gesellschaft kann sich nicht selbst beobachten, sie braucht dazu die Literatur, die genau diese Dinge aufzeigt und thematisiert. Und in dem Austausch über diese Dinge schreiten wir langsam in diese Zukunft hinein, fragend, korrigierend, manchmal skeptisch und manchmal hoffnungsfroh. Und so ist das interessante an diesem Band nicht eine mögliche Zukunft, die antizipiert wird, sondern der aktuelle Stand heutiger Zukunftsvisionen: Wie weit sind wir, wenn wir uns unsere Zukunft vorstellen, was befürchten wir, was wünschen wir, was erwarten wir? Dafür brauchen wir science fiction-Literatur, nämlich als Spiegel unserer Gegenwart.

Mail delivery 1900 2000
Das Jahr 2000 aus der Perspektive des Jahres 1900

Zwei Einschränkungen muss man bei dem Band in Kauf nehmen: Er ist nur digital zu haben und er ist auf englisch. Wen das aber nicht aufhalten kann, der bekommt solide Zukunfsvisionen vorgelegt, die im Hier und Jetzt wurzeln. Dass es Auftragsarbeit für Microsoft ist, merkt man höchstens daran, dass der Band kostenlos ist.

————————————————————-

Future Visions. Original Science Fiction inspired by Microsoft. Melcher Media, New York 2015. Kostenlos als e-book

AutorInnen: Elizabeth Bear · Greg Bear · David Brin · Nancy Kress · Ann Leckie · Jack McDevitt · Seanan McGuire · Robert J. Sawyer

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

4 Kommentare

  1. Danke für den tollen Tipp! Ich lese sonst ganz gern die Zukunftsvisionen von Cisco…..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s