Neben meinen Frischen Lettern, also der Vorstellung von Büchern, die ich mir neu angeschafft habe, und etwas ausführlicheren Rezensionen, möchte ich heute damit beginnen, Bücher vorzustellen, die, so scheint mir, ein wenig im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit ihr Dasein fristen. Das mag ganz unterschiedliche Gründe haben: Entweder liegt es daran, dass die Bücher ein spezielles Fachpublikum ansprechen, oder es liegt daran, dass  sie ohne großes Säbelrasseln in einem kleineren Verlag erschienen sind, oder etwa weil sie bereits vor etwas längerer Zeit publiziert wurden. So möchte ich dem weiten Feld der unterschiedlichen Tipps für interessante Bücher ein paar weitere Facetten hinzufügen.

Kulturphilosophen als Leser
Foto: Wolfgang Schnier

Dieses Buch ist eine wissenschaftliche Festschrift für Wolfgang Emmerich zum 65. Geburtstag und ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich eine gebührende Aufmerksamkeit außerhalb eines kleinen Fachzirkels bekommen hat. In diesem Buch geht es, wie der Titel schon sagt, um Kulturphilosophen als Leser: Da geht es um Nietzsche und seine Lektüre des Sophokles, um Carl Schmitts Lektüre von Franz Kafka, es finden sich Anmerkungen zu Benjamins Leskow-Lektüre, über den lesenden Adorno (Mörike und Eichendorff) und Heidegger (Max Weber und Ernst Jünger), Mutmaßungen über Hannah Arendt und Uwe Johnson und Aufsätze etwa zu der Rezeption Martin Walsers bei Aleida Assmann sowie über Alexander Kluge und Heiner Müller (das vollständige Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe gibt es beim Verlag).

Das Buch ist ein Sammelband wissenschaftlicher Aufsätze, die gewissen Regeln folgen, wie etwa ein detaillierter Quellennachweis über die Fußnoten. Das mag im ersten Moment nicht sonderlich lesefreundlich sein, allerdings sind die Fußnoten selten aufdringlich, sodass man sie getrost ignorieren kann. Zudem liefern sie interessante Hinweise zum Weiterlesen. So ist dieses Buch eine Fundgrube für den interessanten Aspekt des lesenden Kulturphilosophen; man mag einzelne Aspekte bei den unterschiedlichen Denkern bereits anderswo finden, der Vorzug dieses Buches ist es, gleich vieles kompakt an einer Stelle vorzufinden.

Vielen Leserinnen und Lesern fällt das Lesen des wissenschaftliche Stils schwer. Das ist auch oft so und ich nehme mich da nicht aus, viele wissenschaftliche Bücher sind harte Nüsse und deren Lektüre oftmals schwer verdaulich. Festschriften können so sein, aber gehen manchmal einen anderen Weg, nämlich wenn sie versuchen, sowohl einer lesefreundlichen Darlegung eines interessanten Sachverhaltes als auch einem wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden. Manchmal hat man so seinen Zweifel, ob dies wirklich gelingt. Aber diese Zweifel sind hier nicht angebracht. Zudem handelt es sich um einzelne Aufsätze, es ist keine Monographie, die von Anfang bis Ende durchdrungen werden muss; es lassen sich immer mal wieder kleine Häppchen lesen: Infotainment auf hohem Niveau. Zudem, und das kommt hinzu, gibt es in dieser Festschrift eine starke inhaltliche Klammer aller Beiträge, ein starkes Oberthema, unter dem sich die einzelnen Aufsätze versammeln, auch das ist ein positiver Aspekt dieser Festschrift.

Im Grunde sind dies Beobachtungen zweiter Ordnung, um mit Niklas Luhmann zu sprechen: Man schaut sozusagen anderen Lesern beim Lesen zu. Es sind doppelte Rezensionen, nämlich sowohl Rezensionen der Aufsätze und Bücher der Kulturphilosophen, als auch von den von ihnen ursprünglich gelesenen Büchern. Wem das noch nicht genug Rezensionen sind und wer zudem nun Interesse hat, aber noch mehr erfahren möchte, der findet eine Rezension des Bandes von Christophe Fricker bei literaturkritik.de.

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Heinz-Peter Preußler und Matthias Wilde (Hg.): Kulturphilosophen als Leser. Portäts literarischer Lektüren. Göttingen 2006. 427 Seiten.
ISBN: 9783835300118

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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