Es gibt wenige deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, die die wechselvolle Geschichte ähnlich begleitet haben wie Max Frisch. Es gibt nun (mindestens) zwei interessante Dokumente von Max Frisch, die sich mit der Kultur und ihrem Versagen beschäftigen. Der 1949 entstandene Text, der publiziert wurde, nachdem Max Frisch durch das zerstörte Europa gereist war und als einer der ersten nach der Kollaboration mit den Nazis fragte, konstatiert „Kultur als Alibi“ (Max Frisch: Kultur als Alibi. In: Der Monat 1/7, April 1949, S. 82-85). Frisch begegnete in Deutschland landauf, landab die seltsame Konstellation, dass ihm die Menschen Goethe, Schiller und andere deutsche Klassiker vorhielten, sozusagen als Beweis, das es sich hier um ein Kulturvolk handele (die Unterscheidung zwischen Zivilisation und Kultur ist sowieso ein sehr deutsches und zudem antiamerikanistisches Phänomen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts). Dazu führte Max Frisch pointiert aus:

In der Tat empfinden wir [die Schweizer], was den Begriff der Kultur angeht, einen wesentlichen Unterschied zwischen dem deutschen und dem schweizerischen Denken. Das allenthalben unerläßliche Gefühl, Kultur zu haben, beziehen wir kaum aus der Tatsache, daß wir Künstler haben, zumindest empfinden wir die Begabung eines Gotthelf nicht als Entschuldigung dafür, daß es in diesem Lande auch Meuchelmörder gibt.

Dies war 1949. Beinahe 40 Jahre später, zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 1986, hielt er an den Solthurner Literaturtagen zur Ehrung seines Lebenswerkes eine Dankesrede mit dem Titel Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb. Diese ist vollständig verfügbar, sodass ich dazu nicht viel sagen muss. Vielleicht soviel: Es ist die pessimistischste Rede von Max Frisch und, so zeigt der Lauf der Geschichte, seine Bedenken waren berechtigt.

Die Rede gibt es hier als pdf-Datei.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Und er war und ist auch weiterhin ein ganz großer!

    Seine Tagebücher kennt kaum jemand, aber da stehen tolle Sachen drin!

    Liebe Morgengrüße vom Lu

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