Wie wäre es mal mit einem ‚ultimativen Root Beer-Test‘? Ein Original amerikanisches Rootbeer tritt gegen eine deutsche Marke an! Ich werde heldenmutig den Vergleich wagen. Während sich angeblich Root Beer ja eignet, einen Amerikaner von einem Deutschen zu unterscheiden, stelle ich doch erfreut fest, dass es mittlerweile anscheinend mehr als eine Root Beer-Marke in Deutschland gibt. Ich werde das jetzt einmal probieren und während des Schreibens diese beiden Root Beer-Sorten trinken und vergleichen.  Und während ich das tue, lässt es sich herrlich über Root Beer nachdenken!

 

Die Frage, ob man Root Beer mag, ist so etwas wie die Gretchenfrage unter den Geschmacksfragen: Entweder gibt man vor, es zu mögen, gerade weil es für teutonische Geschmacksnerven derart exotisch schmeckt, oder man behauptet felsenfest mit dem Rest der einheimischen Barbaren, dass dieses kulturimperialistische Gesöff ausgespuckt gehört wie andere zahnhygienische Präparate (an die es überhaupt nicht mehr erinnert, wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist). Während Pommes Rot-Weiß, gekochtes Ei mit Maggi-Würze und zur Not auch mal Rotwein-Cola kaum die germanischen Geschmacksnerven rebellieren lassen (ganz zu schweigen von solchen Spezialitäten wie Banane mit Käse oder Blutwurst-Risotto), scheint Root Beer doch die Eingeborenen hierzulande regelmäßig an den Rand ihrer geschmacklichen  Toleranzgrenze zu treiben.

Zu einem amerikanischen Lebensgefühl allerdings, zu dem in meinem Falle auch gute Jazzmusik und ein amerikanisches College gehören, braucht es mehr als nur einen Burger aus der Systemgastronomie. In Deutschland heißt übrigens generell das Drive-through der Einfachheit halber Drive-in, was in den USA was völlig anderes bedeutet, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die schwierige Aussprache des th für hiesige Schleckermäuler. Vermutlich ist das auch einer der ersten Verwirrungen, die bei einem USA-Aufenthalt zu einem Kulturschock führt, dass die Amis ihr Drive-in nämlich Drive-through nennen, und nicht wie es im Deutschen heißt: Drive-in. Ein weiterer möglicher Grund für einen Kulturschock dürfte eben gerade das Root Beer sein, wenn man es gemeinsam mit einer Pizza bestellt und so etwas wie Malzbier erwartet, vermutlich weil man herausgefunden hat, dass im Fernsehen Root Beer oft mit Malzbier übersetzt wird (ja, und ‚Master‘ oft mit ‚Magister‘, als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun!). Und selbst in dem Klassiker Monkey Island (dem ersten Teil von 1990, nicht die ganzen Nachfolger, die mit zunehmender Versionsnummer auch immer schlechter wurden), wurde am Ende (Vorsicht, Spoiler!) Le Chuck mit einem Wurzelgebräu der Garaus gemacht, den die drei Kannibalen-Eingeborenen brauten. Lustigerweise heißt das Gebräu im englischen Original tatsächlich Root Beer, und unlustigerweise in der deutschen Übersetzung Malzbier. Sic transit gloria mundi.

Als mich vorletzten Sommer mein amerikanischer Freund Kenny besuchen kam, von der Ausbildung ist er Archäologe und er war gerade auf der Rückreise von einer Grabung in Griechenland, bot ich ihm einmal gutes deutsches Malzbier an. Spitzbübisch verglich ich es natürlich mit Root Beer um gleich hinzuzufügen, dass es ja eigentlich nicht schmecke wie Root Beer, aber zumindest wäre es eben auch ohne Alkohol (was ungefähr auch die einzige Gemeinsamkeit zwischen Root Beer und Malzbier sein dürfte). Kenny, der Kulturbanause, der vielleicht wie viele seiner Landsleute Europa als ein Museum ohne Dach bezeichnen würde, verschmähte jedoch das Malzbier völlig und verlangte sich stattdessen ein Root Beer. Allerdings verglich er es nicht mit Mundwasser, Spülmittel oder Teppichreiniger. Immerhin.

Root Beer
Foto: Wolfgang Schnier

Aber zurück zum eigentlichen Grund meines Nachdenkens über das Root Beer. Ich habe gerade während des Schreibens mein geliebtes Barq’s Root Beer und das deutsche Derivat getrunken und miteinander verglichen. Und ich muss sagen: Das deutsche Root Beer schmeckt milder, weniger nach dem markanten Root Beer-Geschmack, hat weniger Kohlensäure und ist im Abgang weniger würzig. Das Bouquet des kulturimperialistischen Gegenstücks ist hingegen auch im Abgang geschmacksintensiv, erinnert beim Trinken entfernt an den Geruch von Flieder, und der höhere Anteil an Kohlensäure hilft dabei, den Geschmack zu transportieren. Falls noch jemand außer mir unterschiedliche Geschmacksrichtungen mit Farben assoziiert: Während mich das deutsche Root Beer ausschließlich an Braun denken lässt, kommt bei Barq’s eine Prise Dunkelgrün hinzu (es ist aber heller als bei dem bekannteren A&W Root Beer). Außerdem, das kommt noch hinzu, schmecken amerikanische Softdrinks generell anders als ihre europäischen Pendants, das gilt auch für alle Colasorten. Das liegt daran, dass in den USA der Zucker für viele Lebensmittel aus Maissirup gewonnen wird, in Europa als Süßungsmittel aber meist Zuckerrüben zum Einsatz kommen. Diese unterschiedlichen Süßstoffe schmeckt man auch in seinem Softdrink. Während ich nun sagen muss, dass mir persönlich das amerikanische Root Beer besser schmeckt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die abgeschwächte Variante gut als ein Einstieg in die Welt des Root Beers dienen kann. Es ist durchaus angepasst an den deutschen Geschmack und deutlich milder. Es kann sehr gut sein, dass viele potentielle Root Beer-Barbaren dies bevorzugen werden.

Nun, einen deutlichen Nachteil hat das original amerikanische Root Beer: Man muss es importieren. Ich wechsle dazu meist die Importeure, im Moment scheint ein Vertrieb aus Frankreich ganz gut den europäischen Markt mit amerikanischen Lebensmitteln zu beliefern. Das Root Beer ist zwar ein klein wenig teurer als in den USA, und für den Transport von 24 Dosen aus Frankreich habe ich rund 12 Euro Transportgebühren bezahlt, aber dafür erhalte ich auch ein erstklassiges Root Beer, das meinen teutonischen Barbarenfreunden schon einen Kulturschock verabreicht, bevor sie auch nur daran denken, einen Fuß in einen Flieger über den Ozean zu setzen. In diesem Sinne: Cheers!

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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