Was brachte jüdische Intellektuelle nach 1945 dazu, wieder nach Deutschland zurück zu kehren? Oder welches Verhältnis hatten sie zu dem Nachfolgestaat des „3.Reiches“, das sie verfolgte, folterte und ihre Familien und Freunde ermordete? Es sind ganz eigene Beweggründe und individuelle Entscheidungen, die da getroffen wurden. In einem Sammelband werden einige der bekanntesten deutsch-jüdischen bzw. deutschsprachigen jüdischen Intellektuellen vorgestellt.

In insgesamt 14 Beiträgen werden jüdische Intellekuelle vorgestellt, die die deutsche Nachkriegszeit entscheidend prägten: Entweder als deutsch-jüdische Gelehrte, wie Hans-Joachim Schoeps oder Peter Szondi, als bedeutende Literaten des demokratischen Deutschlands, wie Jean Améry und Paul Celan, oder als Philosophinnen und Philosophen wie etwa Hannah Arendt, Max Horkheimer oder Theodor W. Adorno (eine Leseprobe mit vollständigem Inhaltsverzeichnis gibt es beim Verlag).

Jüdische Intellektuelle
Foto: Wolfgang Schnier

Dabei sind die Beiträge sehr heterogen und unterscheiden sich stark voneinander. Während es etwa zu Paul Celan und Theodor W. Adorno bereits sehr viele Beiträge gibt, die diese Intellektuellen im Spiegel der frühen Bundesrepublik darstellen, sind solche Beiträge für Peter Szondi oder Jean Améry bisher eher selten (und das trotz einiger Sammelwerke zu Jean Améry, die in den letzten Jahren erschienen sind). Und so war die Entscheidung von Joel Golb wohl richtig, statt eines generellen Überblicks zu Paul Celan eine bisher nicht bekannte Kontroverse zu Ernst Jünger vorzustellen, in der sich Celans Verhältnis zu Deutschland spiegelt, während etwa der sehr lesenswerte Beitrag von Nicolas Berg über Jean Améry eine fundierte Orientierung über Amérys wechselvolle Auseinandersetzung mit Deutschland bietet. So wechselt die Altitude der Beiträge zwischen interessanter Detailbeobachtung bis zur souveränen Überblicksdarstellung.

Allerdings wird in jedem Beitrag in unterschiedlicher Weise die Auseinandersetzung der jeweiligen Intellektuellen mit der Bundesrepublik Deuschland und ihrer Vergangenheit thematisiert. Diese Bezugnahmen sind so wechselvoll wie die einzelnen Biographien, und in der Gesamtschau ergibt sich nicht so sehr eine Apologie für Deutschland, sondern eher eine interessante historische Beschreibung des noch jungen demokratischen deutschen Staates: Die unterschiedlichen Bezugnahmen jüdischer Intellektueller auf die Bundesrepublik sind nicht nur Teil ihrer biographischen Geschichte, sondern auch Teil der Bundesrepublik selbst. Und das ist dann auch der gemeinsame Bezugspunkt der einzelnen Beiträge, nämlich eine Betrachtung des frühen bundesrepublikanischen Staates durch den Blick seiner jüdischen Intellektuellen.

Zitat Jean Améry
Foto: Wolfgang Schnier

Während viele Bände dieser schwarzen Reihe aus dem Fischerverlag sich direkt mit dem Holocaust beschäftigen, so findet sich hier eine eher indirekte, subtilere Auseinandersetzung. Es geht hier vielmehr um die Frage, die Adorno einst aufwarf: „ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen.“ Diese „drastische Schuld des Verschonten“ spürten wohl viele der jüdischen Intellektuellen, die den nationalsozialistischen Mordbanden entkamen, auf die ein oder andere Weise, oder, wie Jean Améry und Paul Celan, die die Hölle überlebten.

Dieses Buch ist ein Beitrag zur Biographiegeschichte und zugleich ein Beitrag zur Geschichte der frühen Bundesrepublik. Dieser Doppelansatz ist interessant gewählt, was sich nicht zuletzt in den lesenswerten Beiträgen wiederspiegelt.

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„Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können.“ Jüdische Intellektuelle in Deutschland nach 1945. Herausgegeben von Monika Boll und Raphael Gross. Frankfurt am Main 2013.
ISBN: 9783596189090

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Umgekehrt stellte man mir nach meinem 3-jährigen Israel Aufenthalt (während der ersten Intifada Ende der 80er) die Frage, wie ich denn als Deutscher … usw. – Alle erwarteten oder vermuteten Antworten konnte ich nicht bedienen: Selbst eingefleischte Zionisten haben mich am Schabbes zum Challah teilen eingeladen. Ähnliche Erfahrungen mache ich (als Konvertit) in meiner Gemeinde: Da gibt es (noch !) etliche „tätowierte Heimkehrer“ – einen, der „in die Hölle“ zurückgekehrt ist, habe ich noch nicht getroffen.

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