Zu Liebesgedichten habe ich eigentlich schon alles geschrieben was mir dazu auf der Zunge liegt. Nichtsdestotrotz lese ich immer noch gerne Liebesgedichte, aber viele gefallen mir einfach nicht, weil ich viele für problematisch halte. Es gibt allerdings zwei Gedichte von Ingeborg Bachmann, die mir nach wie vor sehr gut gefallen und gegen die auch kein Petrarca ankommt.

Anstelle einer Interpretation sei hier auf eine Interpretation eines Gedichtes von Lajser Ajchenrand verwiesen, bei der ich auch kurz etwas über so genannte ‚hermetische Dichtung‘ vermerkt habe.

 

 

Reigen

Reigen — die Liebe hält manchmal
im Löschen der Augen ein,
und wir sehen in ihre eignen
erloschenen Augen hinein.

Kalter Rauch aus dem Krater
haucht unsre Wimpern an;
es hielt die schreckliche Leere
nur einmal den Atem an.

Wir haben die toten Augen
gesehn und vergessen nie.
Die Liebe währt am längsten
und sie erkennt uns nie.

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Nebelland

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Tieren des Waldes.
Daß ich vor Morgen zurückmuß,
weiß die Füchsin und lacht.
Wie die Wolken erzittern! Und mir
auf den Schneekragen fällt
eine Lage von brüchigem Eis.

Im Winter ist meine Geliebte
ein Baum unter Bäumen und lädt
die glückverlassenen Krähen
ein in ihr schönes Geäst. Sie weiß,
daß der Wind, wenn es dämmert,
ihr starres, mit Reif besetztes
Abendkleid hebt und mich heimjagt.

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Fischen und stumm.
Hörig den Wassern, die der Strich
ihrer Flossen von innen bewegt,
steh ich am Ufer und seh,
bis mich Schollen vertreiben,
wie sie taucht und sich wendet.

Und wieder vom Jagdruf des Vogels
getroffen, der seine Schwingen
über mir streift, stürz ich
auf offenem Feld: sie entfiedert
die Hühner und wirf tmir ein weißes
Schlüsselbein zu. Ich nehm’s um den Hals
und geh fort durch den bitteren Flaum.

Treulos ist meine Geliebte,
ich weiß, sie schwebt manchmal
auf hohen Schuh’n nach der Stadt,
sie küßt in den Bars mit dem Strohhalm
die Gläser tief auf den Mund,
und es kommen ihre Worte für alle.
Doch diese Sprache verstehe ich nicht.

Nebelland hab ich gesehen,
Nebelherz hab ich gegessen.

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Ingeborg Bachmann Gedichte
Foto: Wolfgang Schnier

Ingeborg Bachmann: Werke 1. Herausgegeben von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster (Gedichte. Hörspiele. Libretti. Übersetzungen). München 2010.
(Reigen, S. 35, Nebelland S. 105) 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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