Es gibt Zeitzeugen und es gibt Zeitdokumente. Manche Zeitzeugen veröffentlichen Zeitdokumente. Die beiden Bände Anthologie jüngster Lyrik aus den Jahren 1927 und 1929 wurden von Klaus Mann herausgebracht, der 1928 auch noch eine Anthologie  jüngster Prosa herausbrachte. Diese Umtriebigkeit ist bemerkenswert und weist nicht nur auf die Schaffenskraft von Klaus Mann, sondern auch auf eine Aufbruchstimmung innerhalb der damaligen jungen Generation. Während der eine Band ein Geleitwort von Rudolf G. Binding erhielt, schrieb in dem anderen Band Stefan Zweig die Einleitung. Und in dieser Sammlung veröffentlichte Günter Eich unter Pseudonym seine ersten Gedichte. Zeit also, diese Bücher wieder aus dem Regal zu nehmen!

Klaus Mann, der 1906 als Sohn von Thomas Mann geboren wurde, verlangte schon in frühen Jahren nach der Freiheit, die er gegen nationale Kleinkariertheit ins Felde führte. Er gilt heute als ein Moralist, der vor allem ab den späten 1920er Jahren von der Paneuropa-Bewegung inspiriert war. Klaus Mann berief sich hauptsächlich auf die Schriften von Graf Coudenhove-Kalergi und Clarence K. Streit. Und auch in diesen Bänden spürt man die Verbundenheit im europäischen Kontext. In seinem Geleitwort diagnostiziert Stefan Zweig dann so etwas wie eine schlechte Zeit für Lyrik. Aber anders als bei Brecht entwickelt er daraus jedoch keinen Aufruf zur engagierten Dichtung, sondern betont, dass er lediglich ‚konstatiere‘: „Alles Lyrische ist heute innerhalb Deutschlands in einen Lärm oder in eine Leere hineingesprochen.“ Man könnte die Bedingungen heute kaum anders beschreiben – genau das ist es, was Lyrik so zeitlos macht: Seit nun beinahe einhundert Jahren scheint sie dem Zeitgeist zu widersprechen, der sich spätestens nach Rilke und Hofmannsthal von der Lyrik abgewandt hat. Lyrik hat somit, so könnte man sagen, etwas Nonkonformistisches, und Stefan Zweig war vielleicht der erste, der das erkannte.

Die junge Generation von Klaus Mann hatte den Ersten Weltkrieg  und die Zeit der Inflation als Kinder und Jugendliche erlebt, ohne dass sich daraus eine eigene Idenität hätte formen können. Sie sahen, wie die etwa zehn Jahre älteren Schriftsteller sich zersplitterten in die politischen Extreme, wie etwa Arnolt Bronnen oder Hanns Johst bald die extreme Rechte repräsentierten, oder wie Johannes R. Becher für den Kommunismus optierten. Die kurzen Goldenen Zwanziger der Weimarer Republik waren überschattet von dem Schrumpfen des Demokratischen Korridors, die Feinde der Freiheit hetzten aus allen Richtungen. Und so fasste Klaus Mann in dem Nachwort zur Anthologie sein Lebensgefühl folgendermaßen zusammen: „Die Aufgabe eines jeden ernsthaft lebenden jungen Europäers ist es, geistig diese Zeiten zu bestehen, […] und nicht zu verfallen dem Falschen und dem Extremen.“ Die junge Generation, die in den 1920er Jahren anfing zu schreiben, fand keinen neuen Stil oder eine gemeinsame Richtung, in die man sich entfalten könnte, zu sehr drückte noch der Expressionismus und zu sehr strahlten die Vorbilder wie Rilke und Hofmannsthal. Und die Zeit war so zerrissen wie antagonistisch, man könnte vielleicht sagen, die 1920er Jahre waren die ersten Jahre, in denen man erfuhr, was eine freie Gesellschaft mit ganz unterschiedlichen Interessen, Wünschen und Bedürfnissen bedeutete – man ging oft noch davon aus, dass das eigene Partikularinteresse zu einem allgemeinen Prinzip erhoben werden sollte, ganz ähnlich wie man das  aus dem Gemeinschaftsgefühl des Nationalen aus der vorangegangenen Epoche noch kannte. Und so fanden sich Bewegungen wie der Wandervogel und der Kommunismus nebeneinander, die Pan-Europa-Bewegung stand dem krassen Nationalismus gegenüber, Körperkult, Jazz, Dekadenz und Konsum lagen in der Luft. Das war der ‚Lärm‘, von dem Stefan Zweig sprach.

Klaus Mann Anthologie jüngster Lyrik
Foto: Wolfgang Schnier

Was dichtete nun diese junge Generation? Da standen die Hyazinthen neben Hyakinthos, da ging es um Religion, Naturverbundenheit und Sprachspiele, um Mythologie und Liebe. Ich möchte hier ein Gedicht von Günter Eich vorstellen, das er unter dem Pseudonym Erich Günter veröffentlichte. Interessant ist hier, dass seine berühmten Gedichte nach dem Zweiten Weltkrieg in keiner Weise vorgedeutet sind, ja, die Sprache erinnert eher an Hölderlin als an den ‚Sound‘, den er später finden sollte. Seine Gedichte, die er in diesem Band von 1927 veröffentlichte, haben allesamt keinen Titel und stechen damit aus den anderen Gedichten hervor. Nun, Günter Eich/Erich Günter also:

Schritte gehn in irgendeiner Dunkelheit,
sie klopfen vielleicht nur ohne Ziel in meinem Ohr,
oder es ist ein Hund, der mit gestreckten Krallen,
ohne Wege flüchtig ist vor der Nacht.
Auch Stimmen kommen auf, die Wörter
hinsprechen ohne Mund und Schall, vielleicht
bin ich es selber, oder auch
die Nacht spricht und das alte Wehen
des Himmels und der Kühle.
Abnehmend steht
schmächtig im Blau der Mond, es tauchte
jemand ihn wie einen gekrümmten Finger
prüfend in die Flut.
O berühre du
meine Stirn und mein Haar, daß ich
müde werde und hinfalle, gebeugt wie Gras,
dem Winde hingeneigt und daß
Tau an meinen verdorrten Armen hängt,
daß ich stumm werde und wie
ein Strauch verwandelt bin mit den Jahreszeiten.

 

 

Soweit Günter Eich. Wenn ich das richtig sehe, sind beide Anthologien noch antiquarisch zu finden. Sie sind wohl ein Geheimtipp für Literaturliebhaber der Weimarer Republik. Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in dem Band versammelt sind, verstummten gleich danach wieder. Aber allein die Geleitworte von Stefan Zweig und  Rudolf G. Binding sowie das Nachwort von Klaus Mann machen aus diesen beiden Bänden ein lesenswertes Zeitdokument, das zwischen den  Zeilen die Zerrissenheit einer jungen Generation atmet, die im Schatten großer Vorbilder und Ereignissen versucht zu einer eigenen Sprache zu gelangen.

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Anthologie jüngster Lyrik. Herausgegeben von Willi R. Fehse und Klaus Mann. Mit einem Geleitwort von Stefan Zweig. Hamburg 1927. 

Anthologie jüngster Lyrik. Herausgegeben von Willi R. Fehse und Klaus Mann. Mit einem Geleitwort von Rudolf G. Bindig. Hamburg 1929. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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