Der Roman eines einfachen Mannes: Was ist die Faszination, die dieser Roman von Joseph Roth heute noch auf uns auswirkt? Es muss, wie beinahe bei jedem guten Roman, etwas mit unserer Empathiefähigkeit zu tun haben: Aber wie können wir um jegliche Metaphysik Beraubten im 21. Jahrhundert uns in einen armen Juden am Vorabend des Ersten Weltkrieges einfühlen, sodass es uns derartig mitreißt? Ist es gerade das Fremdartige, das uns entgegenkommt, auf halbem Wege sozusagen, und das uns fasziniert und in den Bann schlägt? Oder spricht der Roman vielleicht auf einer tieferen Ebene so etwas wie allgemeine Prinzipien an, die wir intuitiv verstehen und mit denen wir uns verbunden fühlen? Vielleicht mag es ja auch so sein, dass es von beidem eine Mischung ist, die so fesselnd wirkt. Und nicht zuletzt gibt es seit 2008 eine behutsam adaptierte Theaterfassung von Koen Tachelet, die in dieser Schauspielsaison gleich in drei Städten in Deutschland gezeigt wird, nämlich in Köln, Berlin und Saarbrücken. Dabei kann eine kluge Inszenierung Interpretationsspielräume des Romans betonen oder bewusst öffnen. Zeit also, sich den Roman noch einmal anzusehen. Aber Vorsicht, dies ist keine Inhaltsangabe (die gibt es hier), sondern ein Nachdenken über den Roman, nachdem die letzte Seite gelesen und das Theaterstück gesehen wurde!

Oft wird angeführt, dass die Kraft des Romans in der einfachen und nüchternen Sprache, dem hohen moralischen Anspruch, den Mendel Singer an sich stellt und der dichten Handlung liegt. Und das ist auch nicht von der Hand zu weisen: In dem Roman wird nicht seitenlang nachgedacht, es findet sich keine ausführliche Interpretation oder Reflexion der Figuren. Stattdessen betet Mendel Singer, wartet wie jedes Jahr auf den Messias und erhält von jedem Schüler 20 Kopeken in der Woche. Die Eier sind hohl, die Kartoffeln erfroren, die Suppen wässrig, die Karpfen schmal und die Hechte kurz, die Enten mager, die Gänse hart und die Hühner ein Nichts. Mendel Singer ist demütig, seine Frau Deborah schielt auf den Reichtum der Händler und neidet ihnen den Gewinn. Die Tochter geht mit Kosaken, die Söhne werden eingezogen und, ja, und? Menuchim.Ja, Menuchim. Ahnt man zu Beginn des Romans, dass er eigentlich die Hauptrolle spielt? Eigentlich dreht sich der ganze Roman um Menuchim. Gelegentlich wurde vorgeschlagen, den Roman in zwei Teile aufzuteilen, nämlich in die Zeit in Zuchnow, dem russischen Schtedtl, und dann in die Zeit in dem gelobten Land, in Amerika. Ich denke aber, man muss hier drei Teile separieren: Die Zeit im Schtedtl mit Menuchim und das Hoffen auf ein Wunder, dann die Zeit in Amerika und die Sehnsucht nach Menuchim. Und zuletzt die Zeit, in der alle Hoffnung verloren ist, Deborah und Schemarjah tot, Mirjam verrückt und Jonas und Menuchim verschollen. Denn am Ende kommt ja Menuchim. Dabei lässt der Roman offen, ob Menuchim Mendel Singers Messias ist, auf den er jedes Jahr aufs Neue wartet, oder wie Joseph, der verlorene Sohn, zurück zum Vater gefunden hat. Diese Gliederung des Romans, eingeteilt nach den unterschiedlichen Bezugspunkten auf Menuchim, zeigt dann auch, dass sich der Roman nicht in der Mitte bei der Fahrt nach Amerika spiegelt, sondern die Sehnsuchtszeit in Amerika eine Achsenzeit ist, die die Zeit vorher und die Zeit nachher in der Waage hält: Im Mittelpunkt des Romans steht die Sehnsucht und das Hoffen auf Menuchim. Das verstärkt dann auch sein überraschendes Auftreten am Ende.

Hiob von Joseph Roth
Foto: Wolfgang Schnier

Überhaupt, Amerika: Das Amerikabild von Joseph Roth ist hochinteressant. Ähnlich wie im Roman Der Amerika-Müde von Ferdinand Kürnberger, ein Landsmann Roths, dessen Roman fast ein dreiviertel Jahrhundert vor Roths Hiob erschien und der ebenso wie Roth nie in den USA gewesen ist, wird Amerika zu einem Sehnsuchtsort stilisiert: Es ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Kranke werden einfach durch eine Injektion geheilt, Arme werden reich, die Jahre vergehen im Fluge und das Leben ist ein Genuss. Doch das Klischee, das noch im ersten Drittel in Roths Roman gezeichnet wird, erfährt im zweiten Teil eine Ernüchterung: Die Eier sind immer noch hohl, die Karpfen schmal, die Hechte kurz, und so weiter. Mirjam geht zwar nicht mehr mit einem Kosaken, aber Mac ist auch kein Jude, sondern verkauft den Iren Versicherungen. Amerika ist ein Vaterland, für das Schemarja, nein, Sam, stirbt. Amerika ist somit der Ort der schlimmen Schicksalsschläge von Mendel Singer. Aber, und damit wird das auch wieder relativiert, in Amerika findet Menuchim zu seinem Vater. Mendel Singer, der sich in der Neuen Welt nicht zurecht findet und am Ende noch eine Leuchtreklame für Himmelszeichen hält, bekommt die neue Welt sanft und behutsam von dem verlorenen Sohn, Mendel Singers Messias, erklärt. Damit ist das Amerikabild in sich ambivalent, teils klischeebeladen, teils ernüchternd, teils hart, teils eine Erlösung.

Oft wurde schon die Stirn gerunzelt: Was hat Roths Roman denn mit dem biblischen Hiob zu tun? Hiob in der Bibel war reich, die Fallhöhe konnte kaum höher sein, und am Ende war er noch reicher als zuvor, gesegnet von einem langen Leben, und in der Bibel bedeutet ein langes Leben das Durchschreiten von ein paar Jahrhunderten. Auch wurde Hiob von Gott geprüft, Satan wettet zwar nicht mit Gott wie es Goethe seinen Faust widerfahren lässt, aber, so steht es geschrieben: „Und es geschah eines Tages, da kamen die Söhne Gottes, sich zu stellen vor den Ewigen, und es kam auch der Ankläger unter ihnen. Und der Ewige sprach zu dem Ankläger: Wo kommst du her? Da antwortete der Ankläger dem Ewigen, und sprach: Vom Streifen durch die Erde und von der Wanderung durch sie. Da sprach der Ewige zum Ankläger: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Ijob, daß keiner ist auf Erden so wie er, unschuldig und redlich, gottesfürchtig und das Böse meidend? Da antwortete der Ankläger dem Ewigen, und sprach: Wohl umsonst fürchtet Ijob Gott? Hast du nicht eingehegt ihn, sein Haus und Alles, was sein ist, ringsum? Seiner Hände Werk hast du gesegnet, und seine Herde ist weitverbreitet im Lande. Doch strecke nur deine Hand aus, und taste Etwas von dem Seinigen an – ob er dir nicht ins Angesicht entsagen werde. Da sprach der Ewige zum Ankläger: Sieh‘, all das Seine ist in deiner Hand; nur an ihn lege nicht deine Hand! Und der Ankläger ging weg von dem Angesichte des Ewigen.“ (Ijob 1,6-12)

Buch Ijob Hiob
Foto: Wolfgang Schnier

Satan prüft also den Glauben Hiobs. Und Mendel Singer? Er fällt ins Unglück und weiß nicht, wo die Sünde liegt, für die ihn Gott so straft. Aber vielleicht doch? Schickt er am Anfang nicht den Arzt weg, der vorgibt, Menuchim heilen zu können? Man wird vielleicht doch gesund in fremden Spitälern. Und dann verlassen sie Menuchim, obwohl der Rebbe es verboten hat. Aber genau dieses Verlassen ist doch notwendig, dass Menuchim am Ende doch in ein Spital zu einem Arzt kommt – übrigens scheinen sie in St. Petersburg die Kranken auch durch Injektionen heilen zu können. Nun, auf die Probe gestellt wird Mendel Singer, und er verzweifelt an Gott und geht ins italienische Viertel und isst heimlich Schweinefleisch um Gott zu ärgern. Am Ende will er gar Gott verbrennen, der ihn so gestraft hat. Übrigens, und das nur am Rande, dieses Motiv der Gottesanklage, das auf Hiob zurückgeht, findet sich eine Generation nach Joseph Roth wieder bei Elie Wiesel, der in seinem Theaterstück Trial of God Gott vor Gericht stellt. Aber eines bleibt in allen drei Teilen des Romans bestehen, es ist in allen drei Teilen Bestandteil des Lebens von Mendel Singer, es ist wie seine zweite Haut, aus der er nicht heraus kann: Es ist die Demut vor Gott, seine Stellung als einfacher Mann, die Mendel Singer nie aufgibt. Denn selbst wenn er Gott anklagt, erkennt er ihn damit als sein Herr über sein Schicksal an. Und diese Haltung hat Mendel Singer mit dem biblischen Hiob gemein.

Bleibt noch ein letzter Punkt zu klären: Wieso empfinden wir heute noch den Roman und die Theaterfassung für so faszinierend? Ist es die moralische Standfestigkeit, die unnachgiebige Demut und die Einfachheit Mendel Singers, mit der er seinen Platz, den Gott ihm in der Welt zugedacht hat, in einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit ausfüllt und trägt? Es ist ein Wertesystem und ein Weltbild, das uns heute so fremd erscheint wie Amerika Mendel Singer fremd erschien. Es erinnert uns daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der die Menschen noch nicht von metaphysischen Gewissheiten in ihrem Alltag beraubt waren. Dazu gehörte nun einmal die Ordnung der Welt, wie sie Gott vorsah, unseren Platz in dieser Ewigkeit und das Leben, das wir zu leben hatten. Die Sehnsucht, die wir empfinden, liegt vermutlich darin begründet, dass Mendel Singer sein Leben nicht hinterfragt und ihn keine Zweifel nagen, ob ihm nicht ein besseres Leben zustünde. Man kann davon halten was man will, aber letztlich ist Mendel Singer doch in seinem Leben glücklich, jedenfalls in den langen Jahren, die dahin ziehen zwischen den Zeilen und zwischen den Schicksalsschlägen. Seine Frau ist nicht glücklich, sie neidet den Kaufmännern den Gewinn, ist nicht demütig und mit dem zufrieden, was Gott ihr gab. Man könnte vielleicht über das Frauenbild nachdenken, das Roth hier zeichnet, aber das führt zu nichts oder nur dazu, einem alten Juden vorzuwerfen, dass er ein alter Jude ist. Nun, das ist ein Teil des Faszinosums des Romans. Damit einher geht aber auch die nüchterne Beschreibung von Hoffnung und Sehnsucht, von Schicksalsschlägen und Glücksfällen. Denn getragen wird der Roman von der ersten Seite an von Hoffnung und Sehnsucht. Und ist es nicht das, was uns auch heute noch anspricht, in unserer heillos fragmentierten und unübersichtlichen Welt, die Sehnsucht nach einer Einfachheit und Geradlinigkeit, wie sie uns Mendel Singer vorlebt und die wir ja ganz offensichtlich verloren haben? Somit können wir uns auf einer anderen Ebene wieder in Mendel Singer hineinfühlen. Damit wird er uns zugänglich und nah. Denn, nun, ja vielleicht, vielleicht kommt ja auch der Messias endlich in diesem Jahr.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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