Bereits im Jahr 2012 kam dieses Buch bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) heraus und war kurz danach schon vergriffen. Nun ist es wieder lieferbar, und obwohl ich die Schriftenreihe der bpb bereits vorgestellt habe, lohnt es sich, dieses Buch separat vorzustellen, da es durchaus etwas Besonderes ist — und das in mehrfacher Hinsicht.

Es ist ein wenig Zeit vergangen, seit Hans Rothfels 1953 die „Zeitgeschichte als Aufgabe“ ausrief. Geändert hat sich seit dem einiges: In Deutschland beginnt mittlerweile die Zeitgeschichte nicht mehr in dem Epochenjahr 1917, sondern mit dem zweiten bzw. dritten Kreis eher mit 1945 (die Franzosen waren noch nie von ihrem Jahr 1789 abzubringen, bei den Briten beginnt die Contemporary History mit dem Jahr 1832 und die USA fangen traditionell im Jahr 1776 an). Versteht man Zeitgeschichte als den Teil der Geschichte, den ein Teil der Bevölkerung bewusst miterlebt hat, kommt man um den Umstand nicht herum, dass der bloße zeitliche Abstand  den Nationalsozialismus und mit ihm die Shoa historisiert: Man musste in den 1980er Jahren nicht mit Broszat darin übereinstimmen, heute hat sich die Diskussion darüber gleichfalls erledigt.

Es hat sich trotzdem nichts daran geändert: die Zeitgeschichte bleibt als Aufgabe. Darunter fällt auch die adäquate Vermittlung von Wissen über die Shoa an die mittlerweile dritte, vierte und darauf folgenden Nachkriegsgenerationen. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel hat seit Jahren eine FAQ zum Thema Holocaust/Shoa online. 2011 erschien eine deutsche Version und seit 2012 ist die Publikation bei der Bundeszentrale für politische Bildung in einer zweisprachigen Ausgabe erhältlich — wieder erhältlich, da sie lange Zeit nicht mehr lieferbar gewesen ist.

32 der 37 auf der Internetseite von Yad Vashem gestellten Fragen fanden mal mehr, mal weniger stark überarbeitet ihren Weg in die Publikation. Diese richtet sich dabei weniger an ein Fachpublikum, sondern eher an eine breitere interessierte Öffentlichkeit. Darunter fallen natürlich in erster Linie auch Pädagogen, für die das Büchlein Hilfestellungen im Unterricht bieten kann.

Den Fragen ist eine programmatische Einleitung voran gestellt. Sie behandelt die Shoa mit einem klaren Gegenwartsbezug:

Mehr als 65 Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches hat sich die Erinnerung an den Holocaust widersprüchlich entwickelt: Es gibt zwar eine Fülle von Museen, Gedenkstätten, Gedenktagen und Unterrichtseinheiten in Schulen. Der Holocaust ist überaus präsent in den Medien, und Begriffe, die mit ihm und dem Nationalsozialismus zusammenhängen, finden fortlaufend Anwendung in tagespolitischen Diskussionen. Der Holocaust wird aber so häufig bemüht und missbraucht, dass sich in Europa eine gewisse ‚Holocaust-Müdigkeit‘ breitmacht. Und dies, obgleich ausgesprochen viele Europäer, die doch an genau jenen Orten leben, an denen der Holocaust geplant und durchgeführt wurde, tatsächlich sehr wenig über den Mord an den Juden, seine Vorgeschichte und seine Nachwirkungen wissen.

Dieses Unwissen bereitet in wachsendem Maße den Boden für mehrere, zusammenhängende und beunruhigende Phänomene. Je geringer das Wissen über ein Ereignis ist, desto leichter ist es, dieses zu trivialisieren, zu manipulieren, zu verdrehen, oder gar zu leugnen – all dies trifft in Bezug auf den Holocaust viel zu häufig zu. Dieses Unwissen fördert auch eine Empfänglichkeit für die Argumente jener Menschen, die versuchen, sich der gesellschaftlichen Verantwortung für die begangenen Taten zu entziehen. Mit ihren unzutreffenden Vergleichen schmälern solche Menschen den Stellenwert des Holocaust. Andere wollen die Erinnerung an den Holocaust auf die Müllhalde der Geschichte verbannt sehen und behaupten, er besäße keinerlei Relevanz für ihr Leben.

Anders ausgedrückt: Mit der steigenden medialen Präsenz und der kulturindustriellen Zurichtung des Themas in Funk und Fernsehen sinkt die Faktenkompetenz und die Fähigkeit, das Ereignis weltgeschichtlich adäquat einordnen zu können. Dieses Phänomen kann man in Deutschland seit den 1990er Jahren beobachten und wird zum Beispiel auch durch die vor kurzem erschienene Hitler-Biographie von Thomas Sandkühler angegangen.  So heißt es dann auch weiter:

Der Holocaust dient als symbolische Warnung an die Menschheit, und doch war diese Warnung nicht stark genug, andere Genozide oder genozidale Ereignisse in den letzten sechzig Jahren zu verhindern. (…) So wurden Millionen Menschen Opfer von Völkermorden in Kambodscha, Bosnien, Ruanda, und zuletzt in Darfur. In seiner Rhetorik und seinen Absichten ist auch der radikale Islam genozidal, und Terroristen, die in seinem Namen Anschläge ausführten, haben ein schaurige, Nazi-ähnliche Missachtung der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens zum Ausdruck gebracht.

Die vor allem in Deutschland nach wie vor hart verteidigte These von der Singularität des Holocausts verstellt eigentlich den Blick darauf, dass es ähnliche Ereignisse seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges überall auf der Welt gegeben hat. Außerhalb Deutschlands wird dies etwas befremdend wahrgenommen; sei es in YadVashem oder im Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., wo andere genozidale Ereignisse, wie der Genozid in Rwanda, zur festen Daueraustellung gehören. Das Vorbringen der These von der Singularität des Holocausts diente hauptsächlich gegen Relativisten/Revisionisten wie Nolte oder Holocaustleugner wie David Irving, um die einzigartige Stellung der Shoa innerhalb der Menschheitsgeschichte deutlich zu machen. Diese Stellung wird heute von keiner ernstzunehmenden Seite mehr bestritten — anders als noch in den 1980er Jahren. Das Gegenteil beabsichtigend, übersieht ein Festhalten an der Singularitätsthese allerdings nicht nur andere genozidale Ereignisse, sondern erbringt auch dem Staate Israel einen Bärendienst, weil sie auch die Möglichkeit eines zweiten Holocausts leugnet — trotz und obwohl Auschwitz sich nicht wiederholen lässt.

Holocaust FAQ
Foto: Wolfgang Schnier

Zurück zu den FAQs. Inhaltlich lässt sich an den FAQs wenig kritisieren. Sie ist auf dem aktuellsten Stand der Forschung, sie bezieht Daten bis zum Jahr 2011 mit ein. Interessant sind vor allem die kontroversen Fragen, denen man sich zwar stellt, aber anderen Bereichen ungleich mehr Aufmerksamkeit widmet. So werden die Judenräte zwar behandelt, ihre Funktion innerhalb der Shoa ist seit Hannah Arendts Ausführungen bekannt und diskutiert, allerdings spürt man von der Brisanz der Frage nach der Kollaboration wenig,  zumal die Frage auf einer halben Seite abgehandelt wird. Auf der anderen Seite wird dem jüdischen Widerstand ausführlich Raum gegeben, was nur zu begrüßen ist, führt die Kenntnis über den jüdischen Widerstand hierzulande doch allzu oft ein Schattendasein. Aber auch bei dem Punkt des Widerstands wird eine konzise Darstellung vorgenommen: Obwohl angesichts des knappen Umfangs ein wenig ausführlicher auf den Ghettoaufstand in Warschau eingegangen wird, müssen andere, nicht weniger dramatische Ereignisse wie in Vilnius zum Beispiel, aus Platzgründen teilweise verkürzt dargestellt werden. Namen wie die von Aba Kovner, Shmerke Kaczerginski, Avrom Sutzkever und Hirsch Glik bleiben unerwähnt, dafür finden die Bielski-Brüder Erwähnung.

Bei der Lektüre fällt auf, dass eine Frage nicht gestellt wird: Hat die deutsche Bevölkerung von der Shoa gewusst? Diese Frage wird seit den 1990er Jahren auch recht gut untersucht und diskutiert, es ist daher befremdlich diesen Teil der Geschichte außen vor zu lassen. Anders sieht es wiederum bei der Frage nach der Aktualität des Themas aus. Neben den Bezügen in der Einleitung ist diesem Punkt eine weitere Frage in dem Haupttext gewidmet. Allerdings fehlt eine Differenzierung der unterschiedlichen Begriffe ‚Holocaust‘ und ‚Shoa‘, die in der (deutschen) Fachliteratur mittlerweile als Konsens gelten muss. Dabei meint ‚Holocaust‘ die Gesamtheit der Opfer, die von den Nationalsozialisten über die Stigmatisierung und Ausgrenzung in den Prozess der systematischen Ermordung überführt wurden, wie etwa Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und ‚lebensunwürdige‘ Menschen wie etwa Behinderte. Dagegen meint der Begriff ‚Shoa‘ allein die Vernichtung von mindestens 6 Millionen europäischen Juden. Allerdings, das ist mein Eindruck, wird diese Unterscheidung in der angelsächsischen Literatur nicht in der gleichen Art vorgenommen wie hierzulande.

Alles in allem ist es eine sehr knappe, konzentrierte und zielorientierte Publikation in einer sehr guten Übersetzung. Man wünscht sich am Ende einer jeden Frage einen Hinweis auf weiterführende Literatur, oder wenigstens am Ende eine knappe Literaturempfehlung. Auf beides muss verzichtet werden.  Das Büchlein ist dünn, es sind die drängendsten Fragen die behandelt werden. Die 48 Seiten mit Bildteil können kein geschichtswissenschaftliches Studium ersetzen, aber was kann das schon. Vielmehr will das Büchlein dort versuchen aufzuklären, wo Defizite noch nicht in Ideologie und sekundären Antisemitismus umgeschlagen sind. Nach der Lektüre hat man den Eindruck, dass der gewählte Ansatz dazu vielversprechend sein könnte.

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Avraham Milgram, Robert Rozett (Hg.): Der Holocaust. FAQs – Häufig gestellte Fragen. Deutsch/Englisch. Aus dem Englischen übersetzt von Diane Coleman Brandt und Ursula Kömen. Bonn, 2012.
Erhältlich für 4,50 € bei der Bundeszentrale für politische Bildung

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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