Ein weiteres Gedicht von Günter Eich aus dem Band Anthologie jüngster Lyrik, herausgegeben von Klaus Mann im Jahr 1927.

 


Verirrt
beugt sich der Mond in meinen Spiegel
und sieht mich an.

O weißes Floß,
wer rudert dich, wenn schon Gras
über den Himmel wächst und die blauen Flüsse
verschilft sind?

Ein weißes Auge, das dich sieht, eine goldene Pupille
Unser Glanz ist anders als du. Vielleicht
nur Widerschein von deinem Spiegelbild,
vielleicht ein Stoff, den du zerreißen kannst,
ein Blatt, das sich im Herbste löst, ein Tau.

Sieh, ich habe nicht die Falten deines Gesichts,
dein Haar aber ist zuweilen eine Wolke.
Ach, nur die Kühle hat Ewigkeit
und du bist mir so fern wie ein Freund.

Verwirrt beug ich mich hin zu meinem Spiegel.
Du siehst mich an.

Anthologie jüngster Lyrik
Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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