Das Freiburger Münster, der Kölner Dom, der Dom zu Speyer und der zu Trier haben einen ganz eigenen Reiz auf den Besucher. Das liegt daran, dass man diese Bauten nicht wie an einer Perlenschnur in einem bestimmten Lebensjahr besucht, jedenfalls sollte man das nicht. Besucht man sie nämlich in den unterschiedlichsten Lebensabschnitten, so wirken sie auf ihre ganz unterschiedliche Art auf uns ein. Wer etwa in jugendlichen Jahren den Kölner Dom bis zur Spitze besteigt, der kann etwas über seine eigenen körperlichen Grenzen erfahren, die da angesichts der Ewigkeit noch vor ihm liegen und sonst kaum an ihn herangetragen werden. Zu ungestüm und schrankenlos scheint das jugendliche Selbstverständnis ansonsten nur sich selbst als Maß der Dinge anzuerkennen. Eine Dombesteigung später ist man um diese Erfahrung reicher, auch wenn man sie vielleicht noch nicht in Worte fassen kann.

Das Münster in Freiburg wiederum eignet sich gut, um ein paar Jahre später einem Orgelkonzert beizuwohnen. Kennt man schon bestimmte Orgelstücke, etwa von Bach, dann ist es ein imposantes Ereignis, im Freiburger Münster die Toccata in d-Moll entgegen geschmettert zu bekommen, während man eigentlich noch dem Meisterwerk von Hans Baldung Grien nachspürt. Kommt hier etwa zusammen, was zusammen gehört? Der Ton und der Pinselstrich? Was man später als Erhaben benennen kann, das hängt einem noch Jahre in den Ohren.

Der Trierer Dom mahnt den Besucher schon vor dem Betreten: „nescitis qua hora dominus veniet“ – ihr wisst nicht, zu welcher Stunde der Herr kommen wird. Stolz ist der späte Lateinschüler, wenn ihm diese Weisheit nicht mehr verschlossen bleibt. Er bekommt aber genau in dem Moment der Erkenntnis eine Ahnung von dem Verhältnis der Dinge, die man weiß zu den Dingen, die man nicht weiß und den Dingen, von denen man auf einmal weiß, dass man sie nicht weiß. Was der Kölner Dom noch nicht schaffte, das schleicht sich hier als eine kalte Gewissheit an: Man lebt nicht lang genug, um alle Geheimnisse der Welt zu entschlüsseln. Lange Jahre erinnert die Warnung über dem Dom eindringlich daran, jedes Mal wenn man ihn betritt.

Besucht man nun am Ende dieser Wanderung durch die Jahrzehnte endlich den Dom in Speyer, so laufen gleichfalls die Fäden zusammen. Der Kaiserdom, die größte romanische Kirche der Welt, mit den Saliern im Keller und Maria an der Decke, kann einem dann eine spirituelle Besonderheit vor Augen führen, wenn man vor seinem Besuch sich das jüdische Speyer angesehen hat, das man keinen Steinwurf entfernt vorfindet. Man stellt sich die Fragen nach dem Verhältnis zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Prunk und Protz und Schlichtheit und Verfall. Kann denn einem Gott so wichtig sein, nach welchem Ritus sich die Menschheit die Köpfe eingeschlagen hat? Wenn am Ende diese Bauten dazu dienten darzulegen, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir es uns in diesem einen Lebensabschnitt erklären können, dann trägt das schon sehr weit, nämlich: Von einem Lebensabschnitt zum nächsten. Und genau diese innere Bewegung, die Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist, dieser Antrieb schallt uns stumm entgegen von den Mauern der Jahrhunderte. Wie der Schlussakkord der Toccata schmettert sie, wie Blattgold auf Holz glänzt sie, wie die Erkenntnis blitzt sie auf: Die Sehnsucht, die Suche nach dem Licht. Und die begann zu einer Zeit, da man noch nichts davon wusste, noch nichts davon ahnte, noch nicht daran dachte, dass mit dem Besteigen des Kölner Doms etwas beginnt für das man erst Worte findet, wenn man endlich eines Tages in Speyer angekommen ist.

Bild: Domkapitel (Foto: Wolfgang Schnier)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Schöne Gedanken … man muss nicht gläubig sein und kann dennoch in diesen Gebäuden eine Wirkung erspüren …
    Interessanterweise sagte neulich eine Freundin von mir – alles andere als eine Kirchgängerin und Lokalpatriotin – ganz entrüstet, das Ulmer Münster stünde immer im Schatten des Kölner Doms, obwohl es den höheren Turm hat.
    Ich war etwas verblüfft zunächst, aber dann fühlte ich in mir auch: Der Anblick des Münsterturms, wenn ich in Richtung Geburtsort fahre, das ist das Standbild meiner Kindheit. Es weckt auch ein wenig das Gefühl: Unter diesem himmelsstrebenden Turm fühle ich mich geborgen.

    1. Ja, das ist auch ein ganz besonderer Bezug zu diesem Gemäuer. Das hat auch etwas mit dem Verhältnis von einem selbst zur Ewigkeit zu tun. Diese Gebäude gab es schon lange vor uns, und es wird sie noch lange nach uns geben. Das ist schon irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Warum auch immer.

      1. Stimmt – das Verhältnis zur Ewigkeit, auch Symbole der Kontinuität und der Beständigkeit. Daher trifft es die Menschen wohl auch so sehr, wenn Kulturgüter – wie nun in Syrien – zerstört werden.

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