Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Ich kann das wunderbar auseinanderhalten und komme beim Lesen nicht durcheinander. Allerdings ist das in der Erinnerung anders: Ich verbinde dann die Bücher, die ich gemeinsam gelesen habe, emotional miteinander. Mittlerweile passe ich daher ein wenig auf, welche Bücher ich lese, falls ich es vorher abschätzen kann, denn sie sollten nicht gänzlich disharmonisch sein. Das Buch von Ingrid Strobl las ich ungefähr zeitgleich mit Orwells Mein Katalonien. Ich hatte beide Bücher aus der selben Bibliothek ausgeliehen, in der ich ein paar Jahre als Jugendlicher ehrenamtlich arbeitete. Wie man sieht, war es eine gut sortierte Bibliothek. Jedenfalls ist eine emotionale Verknüpfung übrig geblieben, die jedesmal aufblitzt, wenn mir eines der beiden Bücher zufällig in die Hände fällt (die beide längst in meinem eigenen Bücherregal stehen). Wenn ich also über Strobls Buch schreibe, dann schwingt emotional immer ein wenig Orwell mit (und umgekehrt). Allerdings finde ich, ergänzen sich diese beiden Bücher wunderbar, falls also jemand Interesse daran hat, ein Doppel-Lese-Experiment durchzuführen, dann würde ich diese beiden Bücher dafür empfehlen!

Geschichte, so meinte Ranke, sei die Taten großer Männer. Diese Vorstellung trägt nicht weit, beziehungsweise nur durchs 19. Jahrhundert. Und so ist eine spezifische Geschichte von Frauen im Widerstand gegen die Nazis zum einen nichts besonderes in dem Sinne, dass selbstverständlich auch und gerade Frauen den Nazischlächtern mit ihrem testosteron-teutonischen Ich-bin-hart-wie-Kruppstahl-Männlichkeitswahn widersprachen, und das mit der Waffe in der Hand. Andererseits ist es eben doch etwas Besonderes, weil eben vor Ingrid Strobl niemand auf die Idee kam, speziell den Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus nachzuspüren.

Das Buch ist ein wichtiges Dokument auch für den jüdischen Widerstand. Es wird überdeutlich, dass zum Beispiel viel zu oft der Antisemitismus in der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa dafür sorgte, dass jüdische Partisanengruppen nicht mit Informationen oder, wichtiger, mit Waffen versorgt wurden. Ja, oftmals wurden Juden und auch Frauen aus dem ‚offiziellen‘ Widerstand ausgeschlossen und mussten sich auf eigene Faust durchschlagen. Jüdische Frauen waren von einem doppelten Stigma betroffen, einmal Frau zu sein und auf eine unterwürfige Hausfrauenrolle reduziert zu werden und dann waren sie als Jüdinnen noch vom Antisemitismus betroffen. Eine wichtige Leistung dieses Buches ist es, den Widerstand differenziert und in seiner Widersprüchlichkeit darzustellen. Und damit schafft das Buch es, dem Widerstand Leben einzuhauchen und uns mit den indivdiuellen Schicksalen, den Namen und den Taten großer Frauen bekannt zu machen.

Ingrid Strobl Frauen im Widerstand
Foto: Wolfgang Schnier

Die Geschichte des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten ist eine Erfolgsgeschichte. Auschwitz wurde durch die Rote Armee befreit, das Konzentrationslager Buchenwald auch mit der Hilfe des Lagerwiderstandes und auch Hollywood hat mittlerweile den Widerstand gegen die Nazis in sein Helden-Mythos-Narrativ aufgenommen. Die Medienöffentlichkeit war dem Widerstand nicht immer so wohlgesonnen, es dauerte einige Zeit, um den Leuten zu vermitteln, dass Insubordination, Renitenz, Ungehorsam und bewaffneter Widerstand  positive Handlungen waren und von Charakterstärke, Mut  und Courage zeugten. Und genau für diesen Bewusstseinswandel ist auch dieses Buch von Ingrid Strobl verantwortlich, da es zu einer Zeit erschien, als diese positiven Assoziationen noch nicht mit dem Widerstand verknüpft waren. Allerdings ist das Buch in einem gänzlich anderen Ton geschrieben, der noch gegen das sexistische Ressentiment und gegen das Vorurteil vom Widerstand als Vaterlandsverrat anschrieb. Und es ist ein trauriges Buch, da der jüdische Widerstand ein verzweifelter Widerstand gewesen ist und den Menschen oftmals nichts anderes übrig blieb als in Würde in den Tod zu gehen. Gegen jegliche Verklärung helfen erschütternde Geschichten wie die folgende aus dem Kampf um das Warschauer Ghetto:

Da die Deutschen der Kämpfe nicht Herr werden, schießen sie das Gelände der Bürstenmacher mit Feuerwerfern in Brand, die ZOB-Kämpfer/innen müssen sich aus dem Meer von Flammen zurückziehen. Doch sie geben nicht auf. Bis zum 22. April liefern sie ihren Gegnern Schlachten aus Häusern und auf offener Straße. Wer sich nicht mehr zurückziehen kann, versucht, möglichst viele Gegner mit in den Tod zu nehmen. Die Kunstmalerin Franciszka Rubinlicht, die den Aufstand aus ihrem Versteck verfolgte, gab zu Protokoll: ‚Jeder junge Mann, jedes junge Mädchen stirbt heute als Held. Eben jetzt hat ein 16jähriges Mädchen einige Handgranaten, sogenannte Flaschen, am Gürtel befestigt, sich den Kopf mit Benzin begossen, sich selbst angezündet und sich auf einen vorbeifahrenden Panzer gestürzt. Glücklicherweise hatte sie Erfolg; sie zerstörte den Panzer und kam zugleich mit der Besatzung des Panzers ums Leben.‘

Das Buch hilft dabei, die Erinnerung an diese Menschen weiterzutragen. Von dem Mädchen mit dem Handgranaten und dem Panzer träumte ich schon oft. Eine der unzähligen Heldinnen, von denen das Buch berichtet.

Der Titel des Buches spielt auf das berühmte Partisanenlied von Hirsch Glik an. In Strobls Buch findet sich auch eine der wenigen Rekonstruktionsversuche, was sich im Wilnaer Ghetto im Juli 1943 zugetragen hat.

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Ingrid Strobl: „Sag nie, du gehst den letzten Weg“. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung. Frankfurt am Main 1989.
ISBN: 3596247527

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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