Menschen, die sich mit Kraftausdrücken, Fäkalsprache oder Invektiven gegenüber Nichtanwesenden verständigen und mitteilen, filtern ihre Wirklichkeit in schrillen Farben. Ein sensibles Wort, eine mehrdeutige Nuance, das reicht nicht, um dem eigenen Innenleben Gehör zu verschaffen. Es gibt nicht wenige, die dies abstößt — aber ist das nicht ebenso ein Filter, der die Wirklichkeit in schöneren Farben malt? Es zeigt sich: Sprache ist ein Nivellierungs- und Distinktionswerkzeug gleichzeitig. Was dem einen instinktiv als kultureller Code dient, um sich einer bestimmten sozialen Gruppe zugehörig zu fühlen, zeigt dem anderen an, dass er dieser bestimmten Gruppe nicht angehören möchte. Letztlich sind die meisten damit zufrieden.

Dieser Wirklichkeitsfilter der Sprache ist auch bei Vornamen wirksam.  Und er funktioniert in einer ganz ähnlichen Weise als Soziolekt, etwa in der Jugendsprache. Sprache haftet somit immer etwas Gesellschaftliches an, da sie immer aus gesellschaftlichen Zusammenhängen stammt. Und das gilt auch für die Lyrik: Die Rede von dem ‚reinen Wort‘ zeigt gerade an, dass dies einem bestimmten gesellschaftlichen Habitus verhaftet ist, die das Eingedenken auch an die Invektiven negativ in sich aufgenommen hat. Nichts ist gesellschaftlicher als die poésie pure und die Fäkalsprache.

Bild: Wirklichkeitsfilter in schrillen Farben (Foto: Wolfgang Schnier)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s