I.

Es ist beinahe ein psychologischer Allgemeinplatz: Wir füllen in der modernen Gesellschaft verschiedene Rollen aus, je nach Kontext, Alter und Rollenverständnis. Flankiert wird diese soziale Rolle von Erwartungen an uns und von unserem Vermögen, dem eigenen Bild von uns gerecht zu werden. Vielfältig sind die Friktionen und Komplikationen im Alltag, wenn die Differenzen zu groß werden. Nicht zuletzt schwingt in dem englischen Wort determination etwas von dieser Doppeldeutigkeit mit: Es bedeutet Entschlossenheit und Bestimmung gleichermaßen. Was hier sprachlich zusammen geht, bleibt uns im Leben oft verschlossen, selten erhalten wir Harmonie und Autonomie über unser Rollenverständnis, aber auch kaum über unser Rollenbewusstsein. Viele Menschen werden den Prozess der eigenen Charakterentwicklung nur selten bewusst durchlaufen können, viel zu verwirrend wäre eine permanente Reflexion. Aber sie gelingt uns punktuell, wenn wir uns selbst in einem gewissen Alter vorstellen, etwa wenn wir uns an die Kindheit erinnern. Wir haben unterschiedliche Rollen, sowohl hinsichtlich im Vergleich zu den einzelnen Lebensabschnitten, in denen wir tendenziell fortlaufend erfahrener werden – oder werden sollten –, und uns durch Erfahrung verändern, als auch jeweils während der einzelnen Lebensabschnitte, in denen wir in den unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Rollen einnehmen. Manche davon mögen wir, weil sie zu uns passen, andere mögen wir weniger, weil sie uns aufgezwungen werden, etwa weil wir Opfer schwerer Schicksalsschläge geworden sind, die uns in unserer Existenz aufgebürdet werden.

Vieles wäre gewonnen, wenn man versuchte, die Künstler zu verstehen in ihren Konflikten mit ihrem Rollenverständnis und ihrem Rollenbewusstsein, das sich aufspannt einerseits zwischen den Anforderungen und Erwartungen ihrer Kontexte und andererseits immer wieder auch Ausdruck findet in den Kunstwerken, die diese Erwartungshaltungen reflektieren und in gewisser Hinsicht immer ein Selbstverständnis artikulieren, das den Friktionen und Konflikten antwortet. Dieser Schatten fällt auf all jene, die diese Kunstwerke betrachten, er weist nicht nur auf die Friktionen und Konflikte hinter dem Kunstwerk hin, sondern erinnert an unsere eigenen Kontexte, Friktionen und Erwartungshaltungen.  Es wäre auch ein interessanter Gegenstand für die Literaturgeschichte, und der Gedanke an Walter Benjamins Anmerkungen zu dem Werk von Leskow wäre sicherlich nicht verkehrt. Und auf dieser Spur, in diesen Biographien findet sich ein wichtiger Hinweis, um uns über unsere eigenen Rollen bewusst zu werden: Es gibt eine intellektuelle Integrität, die wir ausfüllen und ausleben, die geschieden ist von anderen Rollen, da sie Wünsche, Ansprüche und Erwartungen verkörpert, die anderen Wünschen, Ansprüchen und Erwartungen in unserem Leben widersprechen. Wer kennt etwa nicht die hohen moralischen Ansprüche an uns selbst, vorgegeben durch die Nachrichten vom baldigen Untergang der Welt, wenn wir nicht dieses oder jenes Verhalten ändern und zum Pfad der Gerechten zurückkehren. Meist sind diese moralischen Apelle verbunden mit politischen Forderungen, und es wird verlangt, dass diese Einsicht in die Richtigkeit des Argumentes, sobald es uns einleuchtet, unser Leben dominieren oder zumindest zu einer Verhaltensänderung führen solle. Dies geschieht aber meist nicht, und viele von den wenigen, bei denen diese Verhaltensänderung zu einem Einstellungswechsel führt, werden zu Fanatikern ihrer Sache über die Frustration, dass sie zu den wenigen Erleuchteten gehören, die sich in die Konsequenz selbst getrieben haben. Und so ergibt sich wieder eine neue Rolle, entweder im Umgang mit einem solch Erleuchteten, oder als Erleuchteter selbst gegenüber anderen.

Wenn nun politische und moralische Argumente nicht immer dazu geeignet sind, uns in unserem Verhalten und unserer Einstellung zu ändern, was bleibt dann noch an Überzeugungskraft übrig? Man muss hier eine Einschränkung vornehmen: tagesaktuelle politische Argumente schätzen wir in ihrer Ausstrahlungskraft auf unsere moralische Integrität anders ein als grundlegende Überlegungen, die unser Wertesystem gebildet haben oder es umformen. Und das geschieht in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken, seien es literarische Kunstwerke, der Architektur oder der Bildenden Künste. Und so wirkt etwa ein Kunstwerk, das unsere Aufmerksamkeit schärft für unsere unterschiedlichen Rollen in unserem Leben, auch und besonders auf unsere moralische Integrität ein. Wir werden uns unser Selbst bewusst in dem Moment der Auseinandersetzung, denn das Kunstwerk wirft uns in letzter Instanz immer auf uns selbst zurück, denn die Frage ‚Was will das Kunstwerk mir sagen?‘ kann niemand anders beantworten als wir selbst. Sei es, dass wir uns zugehörig fühlen zu dem intellektuellen Diskurs der Moderne, oder gar als Mensch der Menschheit den Nominalismus vertreten ohne es zu ahnen, in jedem Falle ist es das Kunstwerk, das uns als Gesellschaft oder als Individuum beobachtet und uns erst auf die Fragen stößt, die uns in der Selbstreflexion helfen, uns selbst zu finden.

Frida Kahlo by Charis Tsevis
Foto: Frida Kahlo for Womankind Australia by Charis Tsevis (CC BY-NC-ND 2.0)

II.

Unter all ihren bemerkenswerten Bildern stechen die Selbstportraits im Werk von Frida Kahlo besonders hervor. Sie zeigen in den unterschiedlichen Lebensabschnitten deutlich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, der eigenen Rolle im Leben und den Erwartungen, die sie an sich anlegte oder die von außen an sie herangetragen wurden. Ihre Selbstportraits versteht man nur vor dem hier skizzierten Hintergrund der unterschiedlichen Rollenerwartung, die das Leben uns aufnötigt, und so unterschiedlich die Bewältigungsstrategien sind, so einzigartig sind auch die Bilder von Frida Kahlo. Gezeichnet von Schicksalsschlägen, die ihre physische und psychische Integrität verletzten, widmen sich ihre Selbstportraits der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ihr Stil wird manchmal als surrealistisch beschrieben, mit dem Wissen um den Symbolismus. Was bis heute an Faszination des Surrealismus geblieben ist, findet sich in dem Werk von Frida Kahlo, und hier ganz besonders in ihren Selbstportraits: Es ist das Überzeitliche, das Transzendente, das Hinter-dem-Vorhang-Verborgene, das auf die Leinwand gebannt wurde.

Kurz nach der Scheidung von Diego Rivera malte Frida Kahlo ein Selbstportrait, auf dem sie zweimal zu sehen ist: Beide Darstellungen repräsentieren unterschiedliche Aspekte ihrer Persönlichkeit, einmal den Teil, der sich verbunden und hingezogen fühlt zu Rivera, der andere Teil, der distanziert die europäische Seite ihrer Persönlichkeit darstellt. Bei beiden Portraits liegt das Herz offen, und zwar nicht als symbolisiert-stilisiertes Herz, sondern in einer anatomisch-korrekten Darstellung. Somit wird diese anatomisch-korrekte Darstellung Symbol für das symbolisiert-stilisierte Herz, Symbol der Kraft, des Lebens, der gesammelten Energie von Denken und Fühlen, der Schöpferkraft und der Liebe. Der Weg der Deutung wird umgekehrt, das Echte soll das Symbolische kennzeichnen, und nicht das Symbolische auf etwas Echtes verweisen. Das ist die irritierende Kraft in diesem Bild, das Überzeitliche, der Bruch in der Erwartungshaltung wird zum Index des Metaphysischen. Außerdem bricht sie mit dem Symbolgehalt: Das offenliegende Herz wird Ausdruck ihres Schmerzes und ihrer Sehnsucht nach Integrität. Es sind zwei Herzen, die in verschiedenen Rhythmen zu unterschiedlichen Rollen schlagen, und wenn sie sich auch getrennt darstellen lassen, so stellen sie doch in der jeweiligen Rolle den selben Schmerz dar: Die Diskrepanz zwischen nicht erfüllten Erwartungen und den Ansprüchen an das Selbst. In kaum einem anderen Bild der westlichen Moderne findet die Sehnsucht ohne Hoffnung auf Erfüllung deutlicher einen Ausdruck.

III.

Frida Kahlo wurde am 6. Juli 1907 geboren. Zeit ihres Lebens gab sie als Geburtsdatum den 10. Juli 1910 an, um eine Verbindung zu dem revolutionären Mexiko herzustellen. Sie spielte mit der Erwartungshaltung und dem Rollenverständnis, die aus dieser Symbolik zu den Menschen sprach, die dafür empfänglich gewesen sind. Allerdings zeigt diese Anekdote, wie sehr sich Frida Kahlo mit Emiliano Zapatas Ideen und Idealen identifizierte. Sie suchte ihre politische Überzeugung mit ihrer persönlichen Identität zu überblenden, um beides miteinander zu verbinden und dadurch zu verstärken. Menschen, die diesem Rollenverständnis nicht entsprachen, stand sie skeptisch gegenüber, auch wenn sie die gleichen Signalwörter diskutierten mit denen sie sich verbunden fühlte. An ihren Liebhaber Nickolas Muray schrieb sie 1939 aus Paris über ihre Eindrücke aus der Hauptstadt der Décadence: „Also musste ich tagelang wie ein Idiot warten, bis ich schließlich Marcel Duchamp kennenlernte (ein wunderbarer Maler), der einzige in diesem Haufen durchgedrehter Surrealistenärsche, der mit beiden Beinen auf der Erde steht. Er hat meine Gemälde sofort ausgelöst und versucht, eine Galerie zu finden. (…) Du kannst dir nicht vorstellen, was diese Leute für Kanaillen sind. Ich könnte kotzen. Sie sind so verdammt ‚intellektuell‘ und mies, daß ich sie nicht länger ertragen kann. Es ist wirklich zuviel für mich. Lieber hocke ich mich auf den Markt von Toluca und verkaufe Tortillas, als etwas mit diesen schäbigen Pariser ‚Künstlern‘ zu tun zu haben. Sie sitzen stundenlang in ihren ‚Cafés‘, wärmen ihre feinen Ärsche und quatschen ununterbrochen über ‚Kultur‘, ‚Kunst‘, ‚Revolution‘ und so weiter, und so fort. Sie halten sich für Gott, phantasieren den aberwitzigsten Unsinn zusammen und verpesten die Luft mit immer neuen Theorien, die nie Wirklichkeit werden.“

IV.

Im Jahre 1944 war Frida Kahlos Gesundheit derart angeschlagen, dass sie wieder ein Stahlkorsett tragen musste, für ganze fünf Monate. Permanente Schmerzen und eine fundamentale Einschränkung ihres Bewegungsapparates zwangen sie die meiste Zeit ans Bett. In dieser Zeit entstand eines ihrer berühmtesten Selbstportraits. Es zeigt Frida Kahlo halbnackt weinend, ihr Körper übersäht mit Nägeln, und anstatt einer Wirbelsäule läuft eine gebrochene Säule quer durch ihren Körper. In vielen anderen Selbstportraits sieht man Frida Kahlo nicht alleine abgebildet, sondern zusammen mit Tieren und meist mit einem einengenden, begrenzenden Hintergrund. Hier sieht man sie alleine vor einem weiten und grenzenlosen Horizont, und die Symbolik ist eindeutig: Sie ist mit ihrem ungeteilten Schmerz allein. Geht nun von dem Bild ein Zeichen der Akzeptanz des eigenen Schicksals aus, oder muss man eine Verzweiflung angesichts der ausweglosen Situation annehmen? Man muss das nicht unbedingt entscheiden, denn offensichtlicher ist ein Rollen- und Selbstbewusstsein, das hier zum Ausdruck kommt: Ein Nagel in Höhe des Herzens ist größer und stärker hervorgehoben als die anderen. Der seelische Schmerz, der hier angedeutet wird, scheint den physischen Schmerz zu dominieren. Die gebrochene Säule als Symbol ihrer durch Schicksalsschläge angeschlagenen Konstitution ist dagegen integraler Teil ihres Selbstverständnisses, und somit scheint eine Akzeptanz des eigenen Schicksals in dem Bild zu dominieren. Zwischen dem Bild mit den zwei Fridas und diesem liegen lediglich fünf Jahre, jedoch könnte der Kontrast in Bezug auf das Selbstverständnis nicht größer sein.

V.

Frida Kahlo nahm an einer Stelle den französischen Existentialismus vorweg, nämlich in der Idee des Individuums und seinem Hadern und Mühen mit der Existenz. Anders als der Existentialismus, der in seinen helleren Momenten die Absurdität des Lebens als dessen tieferen Sinn unterstellte, versuchte aber Frida Kahlo der Existenz eine Berechtigung, einen Sinn, eine Bestimmung abzuringen. Ihr Engagement für das revolutionäre Mexiko zeugen von einem hohen Verantwortungsgefühl, das sie gegenüber ihrer Gegenwart und ihren Mitmenschen verspürte.

Frida Kahlos Bilder setzen sich weniger mit dem auseinander, was sie in der Welt sah, sondern eher mit dem, was sie in sich wahrnahm. Künstler brechen die Wirklichkeit in ihrem Bewusstsein und übersetzen sie in Kunstwerke. Dadurch sticht indirekt die Welt in den Kunstwerken durch, seien sie noch so introvertiert oder surrealistisch. Frida Kahlos Welt, wie sie sie auf die Leinwand bannte, zeugt von der Suche und der Sehnsucht des Individuums nach einem Ideal, das so unerreichbar schien angesichts ihres gepeinigten Lebens. Es wäre zynisch zu sagen, gerade die Marter eröffnete ihr den Blick aufs Paradies. Aber gerade im Schmerz weiß das Individuum, dass es anders sein könnte und sein müsste. Diese Sehnsucht nach dem Transzendenten, diese Suche nach dem Licht, schwingt in den verzweifeltsten Bildern mit, die uns von dem Schmerz und dem Leid genauso erzählen wie von der Sehnsucht und der Hoffnung. Und darin liegt der moderne Gehalt ihrer Bilder: Das Wissen und Gewissen eines Sinnzusammenhangs in der Welt und der Aufrechterhaltung einer unerfüllbaren Hoffnung auf Erlösung.

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Frida Kahlo: Dir sende ich mein ganzes Herz. Liebesbriefe. Mit einem Vorwort von Raquel Tibol. Aus dem Spanischen und Englischen von Lisa Grüneisen und Jochen Staebel. München 2007.
ISBN: 9783865550361

Bild: Frida Kahlo for Womankind Australia by Charis Tsevis (CC BY-NC-ND 2.0)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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