Man könnte meinen, der Sinn und Zweck von Liebesgedichten sei schnell erklärt: Es geht um den Ausdruck einer erfüllten oder unerfüllten Zuneigungsbekundung einem anderen Menschen gegenüber. Das mag in den meisten Fällen so sein (denn manchmal drehen sich Liebesgedichte um die Bedingungen von solchen Zuneigungsbekundungen), aber es verweist eigentlich auf etwas anderes, viel tiefer Liegendes, das diese Liebesgedichte aufwühlen. Es geht um das Transzendente, um das, was von der Metaphysik übriggeblieben ist.

Metaphysik versteht man als die  Grundbestimmung der abendländischen Rationalität. Diese beginnt mit der griechischen Philosophie und es geht um die Selbst- und Naturbeherrschung. Sie fängt an mit Homer und Odysseus und mündet letztlich in der Aufklärung und der Französischen Revolution. Charakteristisch für die Rationalität in der abendländischen Tradition ist der Versuch der Befreiung des Individuums von der Kontingenz natürlicher Ereignisse. Es ist, wenn man so will, die Lehre vom geschichtslos Unveränderlichen: Wenn wir nicht mehr von den Zufällen und Schicksalsschlägen und ähnlichem abhängig sind, weil es überzeitliche Prinzipien für uns gibt, dann sind wir frei von den Zwängen der Existenz. Allerdings führt das zu einem Denken in gleichbleibenden Begriffen, in denen diese metaphysischen Begriffe (Freiheit, Hoffnung, Wahrheit, etc.) stabil identifiziert werden. Ziel dieser Selbst- und Naturbeherrschung ist es, Freiheit zu erlangen, um von den Kontingenzen des Lebens unabhängig zu sein. Diese Denkbewegung mündet letztlich im Zeitalter der Aufklärung, in der andere Welterklärungssysteme, wie etwa religiöse, von wissenschaftlichen Erklärungssystemen in der Wirkungsmächtigkeit abgelöst wurden. Wenn jetzt aber dieses metaphysische Denken vom geschichtslos Unveränderlichem bedeutet, dass es überzeitliche Begriffe für das Individuum festschreibt, dann sind die Menschen diesen Begriffen ebenso ausgeliefert wie vormals den Kontingenzen der Existenz. Das metaphysische Projekt des Abendlandes macht also unfrei, weil es das Unveränderliche immanent setzt und das Individuum auf einer höheren Ebene an sich kettet als vormals die existentiellen Kontingenzen es vermochten. Soweit ist es mit der Metaphysik gekommen.

Es gibt jetzt allerdings in der metaphysischen Tradition des Abendlandes ein Moment, auf den ich gerne hinaus möchte. Und das ist das Moment des Transzendenten, das, was man auch schon als das Nichtidentische bezeichnet hat. Es ist das Unverfügbare, das, was durch Rationalität und Identifikation nicht direkt erfassbar ist und sich nicht direkt bestimmen lässt. Ein Beispiel, das manchmal dazu angeführt wird, ist die Bedeutungsgeschichte eines Begriffes. Ein Begriff hat eine ganz bestimmte Bedeutung, und keine andere; der Begriff ist identisch mit dem Gegenstand, den er beschreibt: Ein Tisch ist ein Tisch und kein Stuhl. Aber auf dem ‚Weg‘ dorthin hat der Begriff andere Bedeutungen verdrängt, die eben nicht diesen Gegenstand beschreiben, sondern etwas Anderes. Dieses andere ist nicht bestimmbar, denn, wenn man es in den Mittelpunkt stellte, dann wäre es Ergebnis eines neuen Verdrängungskampfes, in dem alle anderen Bedeutungen unterdrückt wurden und zu dem es wieder Begriffe gäbe, die nicht identisch mit diesem Begriff wären. Dieses Andere, dieses Nichtidentische, lässt sich also nicht direkt bestimmen, weil es ansonsten wiederum Ergebnis seiner eigenen Bedeutungsgeschichte wäre. Wenn also nun metaphysische Erfahrung auch bedeutet, ‚zwischen den Zeilen zu lesen‘, dann müssen wir Kunstwerke auf uns wirken lassen, um diesem Transzendenten, nicht näher bestimmbaren nachzuspüren. Der Grund, weshalb Kunstwerke dazu geeignet sind, liegt darin begründet, dass sie Einspruch erheben gegen die Wirklichkeit, in der wir leben und über sie hinausweisen. Das ist, wenn man so will (und etwas kurzgefasst), der metaphysische Gehalt von Kunstwerken.

Die meisten Menschen werden nun wohl am ehesten Kontakt mit metaphysischer Erfahrung machen, wenn sie über den Begriff der Liebe nachdenken und ob dies identisch ist mit dem, was sie einem anderen Menschen gegenüber empfinden. Diese Sehnsucht verweist vermutlich allerdings über das Ziel hinaus, nämlich auf etwas Tieferliegendes, auf die metaphysische Transzendenz, die sich in der Sehnsucht nach einem anderen Menschen manifestiert (dass man andere Menschen zu Sehnsuchtsobjekten degradiert, denen befohlen wird, die eigene innere Leere auszufüllen, habe ich bereits hier ausgeführt).

Liebesgedichte sind nun daher interessant, weil sie als Kunstwerke indirekt auf etwas Transzendentes verweisen und gleichzeitig diese Sehnsucht behandeln, die man selbst als eine metaphysische Erfahrung beschreiben kann. Daher haben Liebesgedichte oftmals einen doppelten Fokus und viele Liebesgedichte beschreiben diesen doppelten Fokus deutlich. Bei Mascha Kaléko etwa lauten die letzten Verse ihres Gedichtes Mit einem Jugendbildnis: „Dann tröste dich: So jung und schaumgeboren/ Bleibt nur die Liebste, die man früh verloren.“ Es geht ums Altern und die Schönheit der Jugend. In den ersten Zeilen betrachtet das lyrische Ich Jugendbilder und bezeichnet sich selbst als „gealtertes Original“. Hier geht es um die Frage nach Schein und Sein vor dem Hintergrund der zeitlichen Distanz, und nicht zuletzt um eine unerfüllbare Sehnsucht. Und diese wird mit der Jugendlichkeit assoziiert, als wäre der jugendliche Mensch besonders empfänglich für diese Sehnsucht (er hat, darauf wird es wohl hinauslaufen, noch keine Erfahrung und ist daher davon überwältigt).  Und bei Brecht heißt es:

Sieben Rosen hat der Strauch
Sechs gehör’n dem Wind
Aber eine bleibt, daß auch
Ich noch eine find.

Sieben Male ruf ich dich
Sechsmal bleibe fort
Doch beim siebten Male, versprich
Komme auf ein Wort.

In diesen Zeilen geht es um die Freiheit des lyrischen Ichs und seine Gebundenheit an seine Sehnsucht. Und auch hier kommen die Vergänglichkeit und das Altern ins Spiel, denn weiter heißt es am Ende des Gedichtes: „Die Liebste gab mir einen Zweig/ Mit gelbem Laub daran. / Das Jahr, es geht zu Ende/ Die Liebe fängt erst an.“ In der Gedichtslogik geht es also um die Gegensätze zwischen Freiheit und Sehnsucht einerseits und zwischen Vergänglichkeit und der Liebe selbst. In dieser Spannung zeigt sich der doppelte Fokus des Liebesgedichtes.

Einen Versuch, sich dem zu nähern, was hier eigentlich Gegenstand der Erfahrung ist, kann man unternehmen, in dem man über das Bilderverbot nachdenkt, das die gelungensten Liebesgedichte über das lyrische Du verhängen: In der Tradition seit Petrarca gibt es kaum gelungene Beschreibungen des lyrischen Dus, die über Allegorien oder metaphorische Beschreibungen hinausgingen; auch in Petracras Sonett Nr. 90 finden sich nur Andeutungen:

Ihr goldenes Haar wehte lose im Wind
und ringelte sich zierlich tausendfach;
über die Maßen brannte das Zauberlicht
der schönen Augen, die nun so glanzlos sind;

Dieses „Zauberlicht“ aus den Augen ist ein wiederkehrendes Motiv, etwa bei Heine. Und kaum ein gelungenes Liebesgedicht wird das lyrische Du näher bestimmen als Heine es getan hat:

Dein Angesicht so lieb und schön,
Das hab‘ ich jüngst im Traum gesehn;
Es ist so mild und engelsgleich,
Und doch so bleich, so schmerzenbleich.

Und nur die Lippen, die sind roth;
Bald aber küßt sie bleich der Tod.
Erlöschen wird das Himmelslicht,
Das aus den frommen Augen bricht.

Das „Himmelslicht“, dieses „Zauberlicht“, das das lyrische Ich  in den Augen sieht, kann man mit Benjamin verstehen als einen ‚messianischen Splitter‘ in der ‚Jetztzeit‘, der auf das Transzendente verweist. Das ist im Grunde das Licht, das wir suchen, das wir mit ‚Liebe‘ verwechseln und umschreiben, wenn wir versuchen uns die Sehnsucht zu erklären, die wir in Bezug auf einen anderen Menschen spüren. Das ist der metaphysische Gehalt von Liebesgedichten.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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