Meine Mutter erzählte mir von einem Spaziergang der Frauenclique, den sie schon länger geplant hatten, der aber wegen leichten Nieselregens auf der Kippe stand. Sie standen alle etwas unschlüssig an dem Treffpunkt und dann kam die Bauersfrau und entschuldigte sich überschwänglich, sie sei gerade eben erst im Stall fertig geworden. Sie freue sich schon die ganze Woche auf den Spaziergang, das bisschen Nieselregen solle niemanden abhalten. Und so war die Entscheidung getroffen, sie gingen spazieren.

Auf dem Spaziergang kam das Thema dann irgendwie auf das Zeitungslesen. Einige der älteren Frauen wollten als besonders gebildet gelten, weil sie die Regionalzeitung abonniert hatten und diese, nach eigenem Bekunden, auch regelmäßig lesen würden. Die Bäuerin bemerkte nebenbei, dass ihre Familie ein Digitalabo habe und sie die Zeitung auf dem Tablet lese. Stille. Der Bauer liest die Zeitung digital? Auf einem, was? Tablet?? Das hat mächtig Eindruck gemacht und so wurde sie ausgefragt: Ist so ein Digitalabo billiger? Muss man dafür an den Kiosk oder wird das auch geliefert? Was passiert mit gelesenen Zeitungen? Bekommt man die auch im Urlaub?

Die alten Frauen haben sich ausführlich informiert, weil ja niemand hinter dem Bauer bleiben möchte, der ziemlich fortschrittlich zu sein scheint. Meine Mutter erklärte mir aber, dass sie entschieden habe, dass sie die Zeitung weiterhin als Papier lesen wolle. Das Haptische sei ihr wichtig (sie drückte es anders aus).

Etwa zur gleichen Zeit träumte ich von Ceaușescu. Das war der letzte stalinistische Diktator Rumäniens, der Weihnachten 1989 vor laufender Kamera von einem Erschießungskommando hingerichtet wurde. Ich war mit meinen Eltern bei meinem Großvater zu Besuch, wir feierten Weihnachten im Familienkreis. Ich war alleine im Fernsehzimmer und meine Eltern hatten sich beim besten Willen nicht denken können, dass im Weihnachtsprogramm zur Nachmittagszeit eine Hinrichtung live übertragen wird. Jedenfalls, und das ist von diesem Spektakel geblieben (seine Frau hatte man gleich mit erschossen), ich weiß, wie man den Namen Ceaușescu richtig ausspricht. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob die Liveübertragung mit einem Originalton geliefert wurde und daher andauernd der Name fiel, oder ob ein kundiger deutscher Journalist die Szenen wie ein Fußballspiel kommentierte und über den Namen und ähnliches fachsimpelte. Auch weiß ich nicht, was den zuständigen Programmleiter geritten hatte, das Standgericht samt Hinrichtung live am ersten Weihnachtstag im deutschen Fernsehen zu übertragen. Aber diese Fragen sind müßig und geblieben ist jedenfalls mein Wissen um den Namen. Ich stellte schon bei verschiedenen Gelegenheiten fest, dass es heute nicht mehr unbedingt zum Allgemeinwissen gehört, wie der Name Ceaușescu ausgesprochen wird. Der technische Fortschritt hat ihn mir eingebrannt wie die Weihnachtsbilder aus dem Jahr 1989. Und so träumte ich davon, Studenten zu erklären, wie man den Namen Ceaușescu richtig ausspräche.

Somit verband sich auf eine eigentümliche Weise der technische Fortschritt heutzutage mit dem von vor 27 Jahren. Gemeinsam ist ihnen ein Staunen über die Zustände, die sich da jeweils manifestierten. Aus den durch den technischen Fortschritt aufgelockerten Schollen festgefügter Vorstellungen entspringen neue Ideen und neue Konstellationen des Sozialen. Und so ist es immer schon gewesen, es ist, als schaue man heute noch durch Galileis Fernglas und staunte, wie fluide Weltbilder heutzutage sind. Und so, könnte man die Träume selbst steuern, müsste man Studenten wohl eigentlich erklären, was der Name Ceaușescus mit dem Digitalabonnement einer Regionalzeitung zu tun hat.

Bild: Der technische Fortschritt im Wandel der Zeit (Foto: Wolfgang Schnier)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Ich frage mich, ob die älteren Damen in ihrer Jugend nicht auch sehr fortschrittlich für ihre Verhältnisse waren. Vielleicht mag man an einem bestimmten Punkt nicht mehr alles lernen, was neu ist.
    Ich wünsche den Damen jedenfalls viel Freude mit ihrem Digitalabo. 😉

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