Ist es übertrieben zu sagen, dass die Literatur ganz verschiedene Realitäten hat? ‚Realität‘ meint ja ‚Wirklichkeit‘ – wie kann es also mehr als eine Wirklichkeit geben, also außer der, in der wir leben, noch eine existieren? Und dann noch Literatur – ist sie nicht im wahrsten Sinne des Wortes irreal? Ja und nein: Sie ist irreal in dem Sinne, dass die belletristischen und philosophischen Welten, die Logik in den Gedichten und die Handlungen in den Dramen erfunden, erdichtet und/oder montiert sind. Ein Hans Castorp hat nie einen Fuß auf diesen Planeten gesetzt und das Licht der Mondscheinsonate nie auf uns herab geschienen. Und doch sind sie irgendwie real, vorhanden in unserer Welt, nichtwahr?

Und das auf ganz verschiedenen Ebenen: Die Welt, in der sich Hans Castorp bewegt, dort oben auf dem Zauberberg, die ist für ihn ziemlich real. In der Logik der Geschichte existiert diese Realität und wir können sie nachvollziehen. Das gilt für Hans Castorp genauso wie für Ham und Clov, was uns übrigens viel eher beunruhigen sollte, weil es eigentlich unsere Welt heute ist. Und wenn das tatsächlich gelingt, dieses nachvollziehen, dann erreicht die Literatur, diese ‚irreale Literatur‘, unsere Realität, unsere Lebenswirklichkeit. Literatur ist also real in dem Sinne, dass sie uns in unserer Wirklichkeit beeinflusst. Und wie oft habe ich mich schon gefragt, wie es wohl Tomas und Teresa heute gehen würde, hätten sie nicht diesen tragischen Autounfall gehabt. Dahingegen habe ich eine gute Vorstellung davon, wie sich Hans Castorp fühlt, wenn er andächtig seine Kamelhaardecke in der vorgegebenen Art und Weise faltet.

Ist Literatur vielleicht realer als unsere Welt? Diese Frage wurde schon öfters ins Spiel gebracht, und sie könnte einem in den Sinn kommen, wenn man von der Vollkommenheit eines Gedichtes oder von der Klarheit der Sprache in einem Drama beeindruckt ist. Und tatsächlich, manchmal hat man den Eindruck, dass die Sprache sich des Individuums bedient, und nicht umgekehrt. Jedenfalls hat man das etwa bei den späten Hölderlingedichten so gesehen. Ich denke, diese Frage wird wohl jeder für sich selbst beantworten müssen. Sie berührt Platons Ideenlehre genauso wie Hegels Vorstellung von dem Weltgeist, der sich in den gelungenen Kunstwerken manifestiere. Und in der Tat ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Kunstwerke manchmal Wirklichkeit transzendieren. In Kafkas Werk erfährt man viel mehr über die Deformationen des Individuums in der Moderne als es einem die Reality-Shows heute in immer krasseren Superlativen vorführen wollen. Sie werden nicht die Tiefe erreichen, egal wie sehr man sich in der Darstellung überschlagen muss. Und manchmal manifestiert sich der Zeitgeist in den Kunstwerken, was erst Jahre oder Jahrzehnte später so wirklich erkannt werden kann. So ist es mit Paul Celan passiert: Während man sehr schnell sein Talent erkannt hat, so wird erst heute deutlich, dass mit ihm etwas unwiederbringlich zu Ende gegangen ist, das mit Goethe einst begann. Und das ist eine Art der Realität, die uns spüren lässt, dass es eine Welt in den Texten gibt, die lebt, die atmet, und von der wir leben und von der wir atmen. Es gibt also vielleicht doch, wie man Horatio wissen ließ, mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt.

Und was hat die Mondscheinsonate mit Literatur zu tun? Nun, ist sie nicht in einem ganz ähnlichen Sinne real und irreal wie die Literatur?

Foto: Exegese auf Zehenspitzen
Bild: Die Realität zwischen den Zeilen (Foto: Wolfgang Schnier)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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