Zugegeben, der Mythos des Sisyphos von Camus ist nun kein Buch, dem wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde. Zusammen mit dem Roman Der Fremde und dem Theaterstück Caligula ist der Essay Teil der Trilogie des Absurden, von der Sartre sagte, dass der Mythos die Erklärung zu dem Roman sei. Und dennoch hängt dem Mythos heute ein wenig Mottengeruch an: Ist er denn in der Postmoderne überhaupt noch relevant? Sind nicht Erklärungsmuster für unsere Existenz in der postdemokratischen Konsumgesellschaft zutreffender, die die Fragmentiertheit  des Einzelnen und das Verschwinden des Individuums hinter den Konsumenten analysieren? Doch gerade wenn das so ist, können Theorien und Erklärungsansätze aus einer Zeit vor der völligen Beliebigkeit uns helfen zu erklären, wie es so weit kommen konnte. Zugestanden, dieser Gedankengang ist nicht besonders optimistisch, denn wäre ein solches Vorgehen nicht sinnlos angesichts der Diagnose, dass wir diesen point of no return schon überschritten hätten? Und genau dieser Gedankengang beschreibt schon sehr gut das eigentliche Anliegen des Mythos: Das Aufzeigen des Absurden, in dem wir gefangen sind. Und, wie man aus diesen kurzen Überlegungen sieht, sind Gedankengänge, die am Mythos geschult sind, durchaus noch aktuell.Existential Threat

Man kann sich nun dem Mythos nähern, in dem man über den Existentialismus nachdenkt und ein paar Vergleiche herausarbeitet. Durch Vergleiche wächst zwar nicht ein Begriff der Sache selbst, aber durch Vergleiche werden die Unterschiede deutlich, und das kann durchaus fruchtbar sein. Dabei denke ich einmal unkonventionell, denn wenn man an den französischen Existentialismus denkt, dann fallen sofort die Namen Sartre und Simone de Beauvoir. Aber das kann man in den Lehrbüchern nachlesen, das möchte ich hier nicht wiederkauen. Man kann sich dem Gegenstand auch nähern, wenn man einmal über die Differenz zwischen Brecht und Bukowski nachdenkt.

Beide sind irgendwie dem Existentialismus zuzuordnen, mit unterschiedlicher Ausprägung und Intensität, allerdings nicht unumstritten (Brecht ein Existentialist?! Liebe Schüler, schreibt das nicht einfach so ab, das ist keine Lehrbuchmeinung!), und vor allem muss man sich von einem engen Begriff lösen, den vor allem die Franzosen geprägt haben. Aber ist es nicht so, dass Brecht versucht, zwischen den objektiven gesellschaftlichen Zwängen und dem subjektiven Elend zu vermitteln in dem Sinne, dass der einzelne Mensch Spielball dieser Zwänge ist und letztlich durch das Lehrstück Herr über sein Schicksal werde. Dass der Mensch daran zerbrechen kann, erfährt man in der Mutter Courage, und dass der Mensch zu etwas Höherem fähig ist (vielleicht auch zu Höherem berufen), im Leben des Galilei. Und in beiden Fällen geht es um die Freiheit des Individuums und um deren Konsequenzen — ein klassisches Thema des Existentialismus. Und Bukowski? Er ist irgendwann als Mensch gebrochen und artikuliert diese existentielle Erfahrung, die sein ganzes Leben ausgefüllt hat. Ich mag seine Gedichte, vor allem an dieses hier denke ich oft. Es hat eine klare Sprache und spricht in seiner Individualität doch etwas Objektives aus, nämlich einen Weltschmerz, der, individuell erfahren, kaum allgemein vermittelbar ist. Und doch kann man sich darüber austauschen, über dieses Wort ‚Weltschmerz‘, über die Sprache und über dieses Gedicht.

Und Brecht? Adorno sagte mal, Gedichte seien eine ‚geschichtsphilosophische Sonnenuhr‘. Damit meinte er, dass ein Gedicht eine gewisse Tendenz seiner Epoche, seiner Zeit in sich trage, und, ob gewollt oder nicht, sich somit in dem Indivdiuellen des Gedichts ein Allgemeines findet. Es gibt ein fast schon peinlich-pathetisches Gedicht von Brecht auf Lenin. In ihm findet sich sein eigenes Requiem. Und genau hier steckt im Subtext so viel an Erklärung drin über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, dieses gescheiterte halbe Jahrhundert, welches ja auch den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Mythos von Camus bildet. Das Projekt, die Welt vernünftig einzurichten, ist endgültig gescheitert, und alles, was dem Menschen als Philosoph noch bleibt, das ist entweder ein Nachdenken über die Ursachen dieses Scheiterns, oder ein Nachdenken über das, was dem Menschen noch bleibt. Und das ist für Camus eine Existenz, ein Verharren im Absurden. Es gibt nun mehrere hochinteressante Passagen aus dem Mythos, die verdeutlichen können, was er damit meint. Eine eindrückliche davon ist diese hier, aber den eigentlichen Kern des Buches findet man im letzten Kapitel.

Camus Mythos
Bild: Wolfgang Schnier

Für Camus ist nämlich Sisyphos das Paradebeispiel für den modernen Menschen: „Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, einen Felsblock unablässig den Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein kraft seines eigenen Gewichts wieder hinunterrollte. Sie meinten nicht ganz ohne Grund, es gäbe keine grausamere Strafe, als unnütze und aussichtslose Arbeit.“ Nicht von ungefähr erkennt sich der Mensch in der Moderne hier wieder: Die tägliche Arbeit hört niemals auf, man ist Teil eines größeren Ganzen, das man nicht unbedingt durchschaut und versteht, aber das einen nicht loslässt, als wäre man darin gefangen. Chaplins Modern Times hat dieses Leben bereits in den 1930er Jahren eindrucksvoll thematisiert (was übrigens in Deutschland erst 20 Jahre später passierte). Camus meint hier mit ‚Arbeit‘ nicht nur die werktägliche Arbeit im Büro oder hinter Pflug und Schraubstock, sondern vielmehr das Mühen und die Zwänge des Menschen, die sich durch unsere Pflichten, Wünsche und das gesellschaftliche Ganze ergeben. „Sisyphos ist der absurde Held. Ebensosehr auf Grund seiner Leidenschaften wie seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Haß auf den Tod und sein leidenschaftlicher Lebenwille haben ihm die unsagbare Marter eingebracht (…). Das ist der Preis für die Leidenschaften dieser Welt.“ Während also Brecht noch hoffen kann, dass das gesellschaftliche Ganze sich so biegen lässt, dass es für das Individuum endlich erträglich wird, und Bukowski nicht mehr nur gebogen, sondern gebrochen wurde, so bezahlt der Mensch in der (westlichen) Moderne für seine Leidenschaften, den Konsum, den Wunsch nach Zerstreuung und der Suspendierung von allem ‚Schweren‘.  Es gibt aber diese unschätzbaren Momente, in denen das moderne Individuum inne hält und über das Leben, den Lauf der Welt und den eigenen Platz darin nachdenkt. „Auf diesem Rückweg während dieser Pause interessiert mich Sisyphos.“ Es sind die Momente, in denen der Mensch nicht in das Getriebe eingespannt ist, von dem er sich ab und an erholen muss, es ist der Moment, in dem er vielleicht ein Buch zur Hand nehmen kann und einen Schritt zurücktritt von seinem eigentlichen Leben und nachdenkt. „Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde des Bewußtseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verläßt und allmählich in die Schlupfwinkel der Götter entschwindet, ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels.“ Und das ist der Mensch nur, wenn ihm die Absurdität seines alltäglichen Tuns bewusst wird und er sich dieses Bewußtsein bewahrt. „Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewußt ist.“ Dieses Bewußtsein ist seine Macht und aus ihr zieht er seine Kraft und sie bewahrt ihn davor zu springen, herausspringen zu wollen, eine Abkürzung zu suchen, die es nicht gibt. Und so ist auch der Selbstmord das erste, was Camus verwirft.  Wie das Gedicht als eine heimliche geschichtsphilosophische Sonnenuhr den Stand der jeweiligen Epoche verrät und dem nicht entkommt, so ist auch der Mensch in seiner Zeit an sein Schicksal gefesselt, dem er nicht entrinnen kann. Aber gerade darin liegt eine Chance, denn „Glück und Absurdität sind Kinder ein und derselben Erde. Es macht aus dem Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muß. Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.“ Ohne das Mühen und das Hadern mit unserem Leben und unserer Existenz würde uns auch der Moment fehlen, in dem uns dies bewusst wird. Der Kreis schließt sich, erst in der Reflexion gehört das Schicksal uns, und nicht umgekehrt. „Es gibt kein Licht ohne Schatten, und man muß die Nacht kennen. Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. “ 

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Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Deutsch und mit einem Nachwort von Vincent von Wroblewsky. Reinbek bei Hamburg, 2005. 

Cartoon used with kind permission from Mark Stivers: http://stiverscartoons.com/

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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7 Kommentare

  1. Ich hatte den Titel schon mal in der Hand, wollte es nochmals lesen, habe es verworfen. Jetzt setze ich es auf meine Liste. Mal sehen.

  2. Was Camus, über Sysiphos schrieb, habe ich vor vielen vielen jahren mal gelesen und es hat mich schwer beeindruckt; schön, hier wieder von Camus‘ Sisyphos“ zu erfahren.

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