Im August 2016 habe ich die Buchbloggerin und Journalistin Birgit Böllinger sowie Schriftsteller und Buchhändler Matthias Engels zu einem Sommergespräch eingeladen. Es ging uns dabei darum, Themen zu besprechen, von denen wir denken, dass wir als BücherbloggerInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen und SchriftstellerInnen etwas beizutragen haben. Im ersten Teil dieses Sommergespräches soll es um die Frage des literarischen Kanons und seine gesellschaftliche Relevanz heute gehen. 

Wolfgang Schnier:

Nichts ist wohl im ‚Buch-Milieu‘ so umstritten wie der literarische Kanon. Zu Recht, denn das Wort von Golo Mann, dass sich jede Generation ihren eigenen Begriff von Geschichte machen muss, gilt verwandelt vermutlich auch für die Literatur, dass sich nämlich jede Generation selbst über ihren Kanon bewusst werden muss – und genau hier kann man schon einhaken: Ist es denn nicht Sinn und Zweck des literarischen Kanons, Aussagen über etwas Überzeitliches zu treffen? Oder muss diese Diskussion wirklich deshalb geführt werden, weil der Kanon sich immer ändert, ändern muss, oder dienen diese Debatten einzig dazu, ihn zu verfestigen? Vielleicht stimmt in Zeiten, in denen der Sinn eines Kanons generell angezweifelt wird, auch beides insoweit, als dass der Kanon nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.
Ein bekannter (wenn auch nicht unumstrittener) Kanon im deutschsprachigen Raum ist die Liste der 100 Bücher der Zeit-Redaktion. Und hieran lassen sich schon einige Probleme einkreisen: Es gibt von der Zeit-Redaktion auch eine Schüler-Bibliothek mit 50 Büchern für Schüler, und es gibt eine Auswahl mit 100 Sachbüchern. Aber auch das ist etwas unbefriedigend, denn so ist etwa die Liste für die Schulempfehlungen nicht eine eingedampfte Liste der vormals empfohlenen 100 Bücher, die ja anscheinend das Maß der Dinge sein sollen, sondern wieder eine eigene Liste. Da fragt man sich allein beim Überfliegen: Also was denn und wie denn nun? Ist so ein Kanon also letztlich ein einziger Kompromiss, womöglich ein schlechter?
Nun, über diese und weitere Fragen, die schon bei diesem kurzen Nachdenken über den literarischen Kanon aufkommen, möchte ich mich mit der Buchbloggerin und Journalistin Birgit Böllinger sowie mit dem Schriftsteller und Buchhändler Matthias Engels unterhalten.

Zum Einstieg die Frage an euch Beide: Brauchen wir einen Kanon? Wozu ist er gut oder könnten wir nicht auch ohne zurecht kommen?

Matthias Engels: 
Meiner Meinung nach kann es EINEN Kanon gar nicht geben. Das zeigen die Schwierigkeiten der vielen Versuche, einen zusammenzustellen. Ratschläge und Anregungen, was man lesen sollte — oder vielmehr: könnte — gehören aus meiner buchhändlerischen Erfahrung heraus zum Schwierigsten überhaupt, da Geschmack und Neigung sich individuell und in zeitlichen Abständen verändern. Daher kommt ja der Wunsch, etwas Allgemeingültiges bei der Hand zu haben. Etwas, bei dem man über die Qualität vermeintlich sicher sein kann. Nur oft hat das mit dem Gefallen nichts zu tun. Ein Kanon stellt somit eigentlich immer ein subjektives Projekt dar, da man Literatur eben nicht mit wissenschaftlichen oder statistischen Mitteln „vermessen“ kann. Die Bestseller-Liste, die verkaufte Exemplare als Maßstab anlegt, tut dies auf sehr pragmatische Weise und wir wissen, wie viel sie über Qualität aussagt…wenig. Wenn wir ehrlich sind gibt es so viele Kanons wie Leser und wenn ich mich selbst befrage, fällt meiner jeden Tag anders aus.

Birgit Böllinger: 
Den EINEN Kanon gibt es sicher nicht — er ist Zeitläuften, Geschmacksfragen, auch nationalen Interessen unterworfen. In der Zeit-Bibliothek sind weitaus mehr deutsche und englischsprachige Titel zu finden, in einer ähnlichen Aktion von „Le Monde“ weitaus mehr Bücher französischer Schriftsteller. Dennoch halte ich den Versuch, auf dieser Ebene immer wieder um einen Kanon zu ringen (und alle diese Versuche waren immer umstritten), wichtig — da wird einfach unabhängig vom aktuellen Markt, Verlagsinteressen und Verkaufszahlen erst einmal um die Frage gerungen: Was ist gute Literatur? Was macht einen guten Roman aus? Darüber wird m.E. viel zu wenig diskutiert — das geht in den Fluten der Neuerscheinungen, die man oft ein, zwei Jahre später schon auf den Mängelexemplarstischen findet, unter.

Wolfgang Schnier: 
Birgit, als Buchbloggerin hast du eine hohe Schlagzahl auf Deinem Blog und eine beachtliche Anzahl von Büchern bereits besprochen, angesprochen und vorgestellt. Sind das alles kanonische Bücher?

Birgit Böllinger: 
Nein, im Grunde kommen die kanonischen Bücher und Klassiker leider auch auf meinem Blog zu kurz. Das liegt an zwei Gründen: Zum einen wurde über diese Bücher, denkt man beispielsweise an den Kanon von Marcel Reich-Ranicki, schon hinreichend Kluges und weniger Kluges geschrieben. Zum anderen lese ich mich zwar gerne schwerpunktmäßig fest — einer der Themenschwerpunkt ist die Literatur der Weimarer Republik — aber oftmals „funkt“ dann doch die Neugierde auf Neuerscheinungen oder Buchtipps, die ich von befreundeten Bloggern erhalte, dazwischen. Die Auswahlkriterien, welche Bücher ich auf dem Blog bespreche, orientieren sich eher an meinen augenblicklichen Interessen, Leseneigungen und nicht an einem Kanon.

Wolfgang Schnier: 
Matthias, setzt man sich als Schriftsteller hin und denkt sich „heute schreibe ich ein Buch für den Kanon“? Oder gibt man sich mit weniger zufrieden? Gibt es eine Existenzberechtigung für Bücher außerhalb des Kanons?

Matthias Engels:
Ich kann ja nicht pauschal für alle Kollegen sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass ein Grass oder ein Martin Walser es so taten und tun, ich ganz sicher nicht. Man orientiert sich natürlich an Vorbildern, schaut, wie der große Kollege A oder B dies oder jenes gelöst hat, aber vornehmlich setze ich mich hin und versuche erstmal, ein Buch zu schreiben, das meinen Vorstellungen entspricht, meiner Idee und dem Stoff gerecht wird. Natürlich gibt man sein Bestes, aber man weiß in der Regel doch um die Marktsituation und die damit verbundenen Chancen, erfolgreich zu sein — was für jeden Autor etwas anderes heißt –. Dann auch noch daran zu denken, eventuell kanonisiert zu werden, kann und sollte vielleicht eher keine Option sein.

Und: natürlich gibt es eine Existenzberechtigung für nicht kanonisierte Bücher — sie sind schließlich deutlich in der Überzahl und die Masse, vor der sich Kanon-Titel auszeichnen.
Jedes Buch kann — zur richtigen Zeit gelesen — für einen Leser im entscheidenden Augenblick bedeutend sein und Teil von dessen persönlichem Kanon werden.
Gäbe es eine solche Existenzberechtigung nicht — man bräuchte eigentlich gar nicht mehr schreiben, denn die Plätze auf dem Olymp sind knapp und die Notwendigkeit, einen Thomas Mann oder Flaubert von dort zu verdrängen oder sich zumindest zwischen ihnen einzureihen, wirkte sich sicher nicht sehr motivierend aus.

Wolfgang Schnier: 
Was macht ein Buch zu einem Klassiker? Gibt es eurer Meinung nach Kriterien, die ein kanonisches Buch auszeichnen?

Great Books
Bild: Dan Smith (CC BY-SA 2.0)

 

Matthias Engels: 
Ich denke, ein Kanon-Buch bringt irgendetwas auf den Punkt: ein Thema, ein Zeitgefühl oder auch eine stilistische Technik. Irgendetwas daran ist allgemeingültiger gelungen als in den 5, 10, 100 Romanen, die sich der gleichen Mittel bedienen, das gleiche Thema gewählt haben oder sich an der gleichen Epoche abarbeiten.
Ein Aspekt, den ich immer wieder ins Spiel bringe, ist die Verbreitung des Werkes. Kanontitel sind im Laufe der Zeit bekannt und immer bekannter geworden. Ich möchte aber zumindest mit dem Gedanken spielen, dass es vielleicht „bessere“, allgemeingültigere Titel zu einer bestimmten Thematik oder in einem bestimmten Stil gibt, die nur eventuell das Unglück hatten, in einer Startauflage von 100 Exemplaren in einem heute vergessenen Kleinverlag erschienen und bald verramscht worden zu sein — oder noch schlimmer: geschrieben worden sind, aber nie veröffentlicht wurden!
Wir sehen es am Beispiel des Romans Stoner von John Williams, der 1965 erstmals veröffentlicht wurde und keinen groß gekratzt hat. In den letzten drei Jahren wurde dieser nun neu aufgelegte Text zu einem europäischen Phänomen und es ist nicht auszuschließen, dass er bald einmal als Kanon-Titel bezeichnet werden wird, obwohl er anfangs durchgefallen war und fast 50 Jahre in der Vergessenheit ruhte. Stellen wir uns vor, er wäre nie neu aufgelegt worden — seiner Qualität tut das ja keinen Abbruch.
Kurzum: einen Kanon-Titel macht auch seine Verfügbarkeit und Reichweite aus.

Birgit Böllinger: 
Dieser Einschätzung von Matthias kann ich nur zustimmen: Ein Klassiker bzw. Kanon-Buch zeichnet sich dadurch aus, dass Sprache, Stil aber auch die inhaltlichen Aussagen Menschen über Generationen hinweg ansprechen oder sogar faszinieren. Sie haben aber auch eine themenunabhängige Zeitlosigkeit. Warum lesen wir beispielsweise heute noch „Ehebruchsgeschichten“ wie „Anna Karenina“ oder „Madame Bovary“ — in unserer Gesellschaft wäre die bloße Tatsache des Ehebruchs kein Beinbruch mehr. Aber das Schicksal dieser Figuren, die psychologische Zeichnung rührt uns immer noch an.
Darüber hinaus dient ein Kanon jedoch auch dazu, Autoren und Werke im Bewußtsein aufgrund ihrer literarischen Qualität zu halten, die vielleicht ohne die Kanonisierung und literaturwissenschaftliche Beurteilung weniger bekannt geworden wären — man denke an den Ulysses, sicher kein Buch, das heute, in der Bücher immer mehr zur Massenware und ganz leichtem Konsumgut werden, eine Chance auf einen Verlag hätte, seinerzeit ja auch nicht ohne engagierte Joyce-Anhänger.
Wie Matthias denke ich auch, dass es „vergessene“ Bücher gibt, die Kanon-Qualitäten hätten, aber zu ihrer Zeit nicht wahrgenommen wurden.

Wolfgang Schnier:
Was bedeutet der Kanon für eine Buchbloggerin/einen Buchblogger?

Birgit Böllinger: 
Für mich ist ein Kanon eine gute Orientierung: Immer mehr neuerscheinende Bücher werden mit den Etiketten „Meisterwerk“, „meisterhaftes Debüt“ etc. versehen. Da ich nun doch etliche Leserjahre hinter mir und daher auch etliche kanonische Bücher gelesen habe, hilft mir das auch, die Qualität neuerer Werke etwas einzuordnen.

Wolfgang Schnier: 
Matthias, welche Bedeutung hat der Kanon für dich als Schriftsteller?

Matthias Engels:
Erstmal glaube ich, wie erwähnt, dass es DEN Kanon eigentlich nicht gibt. Wie du ja schon eingangs darlegtest, gibt es zig Versuche, aber keine „gültige“ Liste. Für mich gibt es als Leser großartige, gute und weniger gute Bücher, an denen ich mich dann als Autor orientiere. Ich finde die Aura, die ein Buch über den Inhalt hinaus erhält, wenn es kanonisiert ist, spannend, da der Autor eigentlich wenig dazu beitragen kann. Aber mehr bringt mir ein Kanon als Autor eigentlich nicht. Ich habe meinen eigenen, der hier und da aus der Nähe der kanonisierten Titel, aber definitiv auch aus der abgelegenen Seite der „vergessenen“ Titel bestückt ist

Wolfgang Schnier:
Arno Orzessek gab sich im DRadio Kultur radikal: Es geht auch ohne Faust, raus mit ihm aus den Lehrplänen. Wie haltet ihrs denn mit dem Faust? Ist der Faust heutzutage verzichtbar?

Birgit Böllinger:
Vielleicht ist der Faust sogar mit Schuld daran, dass so vielen jungen Leuten die Lust an klassischer Literatur verdorben wird (ich denke immer noch mit Schrecken an Faust II kurz vor meinem Deutsch-Abitur). Für Schüler würde ich mir einen anderen Zugang (aber keinen Verzicht darauf) zum Kanon wünschen.

Matthias Engels:
Ich hätte als Schüler auf den Faust verzichten können, andererseits — im Rückblick — auch wieder nicht, da er dennoch eine Leseerfahrung war. Eine, die forderte und mitunter ratlos zurückließ, aber die Erfahrung, dass Lektüre „Arbeit“ sein kann und manchmal sein MUSS, ist m.E. nicht wertlos. Es kann ja nicht immer alles Unterhaltung sein oder mundfertig serviert werden. Allein aus diesem Lernzweck heraus wollte ich den Faust nicht streichen.

Wolfgang Schnier:
Mir scheint eine Beobachtung eine Rolle zu spielen, die eigentlich nur beunruhigend sein kann: Es wird eine neue Form des Bürgertums analysiert, das nicht mehr liest. Angesichts dieses Befundes, muss das nicht Auswirkungen auf den Kanon haben? Und könnte vielleicht ein Kompromiss darin liegen, dass man nicht mehr die Bücher selbst liest, sondern lediglich über die Bücher? So behelfen wir uns doch auch, mit Rezensionen. Oder gibt es keine Alternative zu der eigenen Lektüre der Klassiker? Aber wenn immer weniger gelesen wird, was bedeutet das für den Kanon?

Birgit Böllinger:
Neulich fragte ich in einem kleineren, unabhängigen Buchladen nach „Wahrheit und Dichtung“. Musste bestellt werden. Die Inhaberin sagte mir: „Goethe, der geht im Grunde meist nur auf Bestellung, meist für die Schulen.“ Ist es denn nicht immer schon so, dass einige Klassiker — man denke an die Goethe- und Schiller-Ausgaben in etlichen deutschen Wohnzimmer — ins Regal gehörten wie die Bibel, quasi als Teil der Inneneinrichtung? Aber nie gelesen wurden? Oder wieviele haben tatsächlich den Ulysses gelesen?
Ich denke, ein Kanon wird von solchen Statistiken nicht berührt.
Und ich denke auch: Leidenschaftliche und neugierige Leser lesen diese Bücher — und wollen es nicht beim Lesen von Rezensionen belassen. Eine Alternative zur eigenen Lektüre gibt es nicht — aber, und das könnte auch ein „Auftrag“ an die Literaturblogs sein, die sich Klassikern widmen: Anderen die Scheu vor diesen „Literatur-Denkmälern“ zu nehmen, sie aus den hohen, hehren Hallen der Literaturwissenschaft herabzuholen zum Leser – unlesbar ist beispielsweise der Ulysses nicht, der macht sogar Spaß. Oder auch Arno Schmidt.

Matthias Engels:
Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass wir über ein absolutes Nischen-Phänomen reden. Der kleinste Teil der Bevölkerung liest viel und hat überhaupt ein Interesse an derlei Diskussionen. Anders als zu den Hochzeiten der „bürgerlichen Bildung“ haben Bücher allgemein und die Klassiker an sich kaum noch Einfluss auf gesellschaftliche und politische Dinge. Das kann man beklagen, aber es ist so. Wenn schon die Staatsmänner nicht mehr Rat bei Voltaire oder Goethe suchen — was sollen sie dem Bürger sagen? Als Buchhändler erlebe ich oft eine ablehnende Haltung der Leser gegenüber den Klassikern — mitunter sogar Frust, frei nach dem Motto: „Was man alles gelesen haben soll! Wie soll man das alles schaffen?!“ Da wird ein Kanon eher als Knute empfunden, die einen in der Wahl der eigenen Lektüre einengt und bevormundet.
In der heutigen, hektischen Zeit scheint es vielleicht sogar angemessen, sich nur noch kurz den Inhalt „draufzuschaffen“ und das ist immerhin etwas. Aber eine echte Lektüre ersetzt es m.E. nicht, da eine Zusammenfassung oder Rezension immer auch schon eine Interpretation enthält und aus der Perspektive des Germanisten oder Rezensenten heraus sortiert, was wichtig ist und was nicht.

Wolfgang Schnier:
Kann es einen übergreifenden, internationalen Kanon der Weltliteratur geben? Wie würde ein solcher Kanon aussehen, also, wie könnte man den zusammenstellen? Und liegt in der Frage vielleicht schon unter der Oberfläche die Antwort, dass wir einen pluralistischen Kanonbegriff brauchen und wir uns entscheiden müssen, welchem wir unsere Aufmerksamkeit schenken wollen?

Matthias Engels: 
Da ist ja die Frage, worüber wir bisher gesprochen haben: einen deutschen Kanon? Einen europäischen? Oder was?
Ich bin ja, wie man oben schon lesen konnte, der Meinung, dass praktisch jeder einzelne Leser seinen eigenen Kanon entwickelt: ich bin auch der Meinung, das jede Nation oder zumindest jeder Kulturkreis seinen eigenen bräuchte. Afrikanische Bücher sagen mir als Mitteleuropäer eher selten viel, ebenso asiatische. Und: was kann Goethe den Indonesiern bieten oder den Kamerunern? Aber sagen wir jetzt mal spaßeshalber, jedes Land kürte seinen „Super-Roman“ und dann hätten wir eine Liste mit Siegern aus allen Staaten der Erde? Wäre das in etwa im Sinne der Frage und was würde es bringen? Abgesehen davon, dass das alles schon zwanzig Jahre später vermutlich ganz anders ausfallen würde? Am Rande:
Ich habe kürzlich in Tim Parks‘ neuem Band mit Essays einen hervorragendenText gelesen, der sich damit befasst, wie der Buchmarkt sich peu a peu internationalisiert. Europäische Verlage und Autoren schielen aus wirtschaftlichen Gründen auf den englischsprachigen Markt und passen ihre Titel daran an. Dabei verlieren sie mitunter ihre Verknüpfung mit dem Millieu, aus dem sie stammen und werden merkwürdig unbestimmt. Wir schätzen ja an vielen Büchern gerade das unverwechselbar Deutsche, Britische, Französische etc. — wenn dies nun abgespeckt wird, um z.B. in Amerika tauglich zu sein, fände ich das fatal.
Kurzum: wohin man geht, wird man immer einen anderen Kanon vorfinden –oder besser: verschiedene –. Fragte man dann an gleicher Stelle eine Generation später: wieder andere.

Birgit Böllinger:
Um hier anzuknüpfen: Bücher schon beim Schreiben auf Lesegewohnheiten und Vorlieben eines Marktes anzupassen — also eigens für den „amerikanischen“ Markt zu schreiben oder europäische Bücher zu amerikanisieren, wie es schon im Film geschieht: Eine fürchterliche Vorstellung. Gerade das Lesen fördert doch Toleranz (oder soll im besten Falle fördern), Empathie und das Einfühlungsvermögen in anderen Menschen, Länder, Welten.
In und mit Büchern kann ich an Orte reisen, die ich — aus Zeit- und Geldmangel und mangels Gelegenheit — nie kennenlernen würde. Kann wirklich in das „Herz“ eines Landes vorstoßen, dass ich auch als „Tourist“ nie so erfahren würde. Und von daher: Ein Kanon der Weltliteratur — auf jeden Fall! Auch wenn dies immer nur einen vorübergehenden Status quo vermitteln würde — weil in einigen Jahrzehnten wieder andere Bücher aus Afrika, Südamerika, Asien bedeutsam sind. Aber mir ist allgemein alles, was an Literatur hier vermittelt wird, ob in den Feuilletons, auf Blogs, über Buchpreise etc. noch viel zu eurozentrisch. Schauen wir allein einmal den Literaturnobelpreis an, egal, was man von ihm an sich hält: Die asiatischen, arabischen und afrikanischen Preisträger kann man an zwei Händen abzählen. Wenn man einen Kanon allein als Instrument zur Förderung von Leseinteresse und Neugier begreift, dann finde ich einen Kanon der Weltliteratur längst überfällig.
Übrigens: Goethe selbst war ja einer derjenigen, die ein hohes Interesse an der orientalischen Literatur hatten — diese Offenheit hat ihm sicher nicht geschadet. Wie man zu solch einem Kanon kommt? Schwierige Frage. Von Sigrid Löffler liegt schon lange das Buch „Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler“ ungelesen bei mir … vielleicht kann ich dann noch Erhellenderes zum Thema beisteuern. Aber eines ist gewiss: Allein durch die Migrationsbewegungen wird die Literatur dieser lange vernachlässigten Kontinente immer präsenter werden und gibt es bereits zunehmend mehr Schriftsteller, die einen anderen familiäre und nationale Herkunft haben, aber in deutscher Sprache schreiben … das ist alles im Wandel, und das ist auch gut so.

Sommergespräch
Bild: Wolfgang Schnier

Wolfgang Schnier: 
Ping-Pong-Spiel: Ich gebe euch jeweils zwei Titel zur Auswahl, ihr sagt, welchem ihr den Vorzug gebt:

Camus Der Fremde oder Sartres Der Ekel?

Matthias Engels:
Klipp und klar: Camus. Wie schon bei meinen oberen Antworten entscheide ich hier aus der Rolle des Autoren heraus und natürlich aus dessen — sprich: meinem — persönlichen Geschmack. Der Fremde ist für mich schlichtweg ein nahezu perfektes Stück Prosa; in der Sprache wie in der Haltung.

Birgit Böllinger:
Camus, für mich immer schon die erste Wahl. Er spricht bei mir als Leserin Hirn & Herz an, setzt Gedanken und Gefühle frei, Sartre dagegen nur ein Hirn-schreiber, lässt mich kalt.



Joseph Roths Hiob oder Lion Feuchtwangers Jud Süß?

Matthias Engels: 
Aus der gleichen Sicht und dem gleichen Grund: Hiob. Feuchtwanger ist vielleicht zeitgeschichtlich brisanter, aber Roths Buch m.E. ebenso einer dieser annähernd perfekten Prosa-Texte wie Der Fremde.

Birgit Böllinger:
Schwer, schwer, schwer: Hiob ist sicher sprachlich brillanter, Feuchtwanger plakativer, aber ich lese ihn gern. Nun gut, Hiob knapp vorne.



Goethes Leiden des jungen Werther oder Schillers Kabale und Liebe?

Matthias Engels: 
Goethe, weil der Werther einen ersten Meilenstein in Sachen Verbreitung, Reichweite und Vermarktung von Romanen darstellte. Ein perfektes Projekt des jungen Goethe, wie mir scheint.

Birgit Böllinger:
Kabale und Liebe: Das Drama behandelt Themen, die heute noch hochaktuell sind und zeigt gesellschaftliche Misstände auf — Machtgier, Intrigantentum, Kabale, die den einzelnen zerstören.
Der Werther ist in seiner Liebesleidenschaft ein Egozentriker, mir schon als Charakter unangenehm. Habe ihn neulich wiedergelesen — wenn man selbst die pubertäre Sturm- und Drangphase gut überstanden hat, kann man den Werther nicht ohne Stirnrunzeln lesen. Ich gebe es gerne zu: Der junge Mann hat mich genervt. (Matthias Engels: Das kann ich durchaus nachvollziehen.)



Kafkas Schloss oder Becketts Warten auf Godot?

Matthias Engels: 
Gemein, gemein! Einfach wegen meiner großen Neigung zu Kafka: Das Schloss, auch, wenn der Godot natürlich wichtig ist.Wenn ich nochmal drüber nachdenke allerdings nicht so sehr wie das Schloss.

Birgit Böllinger: 
Ich mag mich hier nicht entscheiden. Als Kompromiss: Lesenderweise Kafka, schauenderweise Beckett.



Knut Hamsuns Hunger oder Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray?

Matthias Engels:
Noch gemeiner, weil beide Autoren zu meinen Säulenheiligen gehören und Protagonisten meines aktuellen Romans sind. Letztlich — bei allem Herzblut für Dorian — Hunger, der Radikalität wegen und weil es seiner Zeit um mindestens zehn Jahre voraus war.

Birgit Böllinger: 
Hmm… ich grübele darüber nach, wie Du auf diesen Vergleich kommst. Das Lesen von Hunger liegt bei mir Jahre zurück, ich habe es als eindrückliche Verfallsstudie in Erinnerung, aber doch deutlich anders als der Gray … also, auch hier fiele mir eine Entscheidung schwer.

Wolfgang Schnier: 
Die zwei kamen hinein, weil Matthias ein Buch über beide geschrieben hat und ich ihn dazu bringen wollte, sich zu entscheiden — und ich wissen wollte, was er sagt, wenn er vor diese Wahl gestellt wird. (Matthias Engels: Lump, hinterhältiger!!!)

Birgit Böllinger:
Sorry, auf den Bezug kam ich nicht sofort — da stand ich gedanklich auf dem Schlauch. Ist aber auch fies von dir.



Brechts Leben des Galilei oder Büchners Woyzeck?

Matthias Engels: 
Büchner, weil mir dessen Mut und Modernität in seiner Zeit noch größer erscheint und ich ohnehin kein Freund von Brechts Lehrstücken bin.

Birgit Böllinger:
Brecht … wie oben beim Werther angedeutet: Mir liegt das Sachliche, ich bin nicht unbedingt eine Freundin allzugroßer Exaltiertheit.

 

Wolfgang Schnier:
Eine letzte Frage an euch beide: Wenn man nur zehn Bücher in seinem Leben lesen könnte, welche müssten das sein?

Matthias Engels:
Ich habe vor einiger Zeit tatsächlich schon einmal eine Liste erstellt, die 10 Bücher enthält, die für MICH unverzichtbar sind. Aber das ist rein persönlich. Aus meinen Antworten wird ja klar, dass ich der Meinung bin, derartiges für andere gar nicht sagen zu können. Ich werde es aber im Folgenden dennoch versuchen.
Ich persönlich beziehe mein Wissen über Menschen und die Welt zu einem guten Teil aus meiner Lektüre, lerne Figuren in Ausnahmesituationen kennen und „lese“ ihre Gefühle und Gedanken. Daraus lerne ich über die Welt und letztlich auch über mich. Je zahlreicher, je unterschiedlicher die Bücher, die ich mir „anfresse“, umso differenzierter mein Bild davon, wie ähnlich oder komplett anders andere Menschen denken, fühlen, lieben, hassen.
Wenn man in seinem Leben nun nur zehn Bücher lesen könnte, dann müssten diese Titel wohl alles abdecken, was die Literatur kann -im Guten wie im Schlechten. zehn Bücher, die sozusagen alle anderen enthalten. Da fiele es mir schwer, das allein mit Belletristik — und sei sie noch so gut — zu bewerkstelligen. Wenn uns aber die Art und das Genre der Literatur, die wir zur unbedingten Lektüre empfehlen sollen, völlig freigestellt ist, dann müssten es vielleicht Texte sein, die klarmachen, wie viel Gutes und Schreckliches aus dem geschriebenen Wort entstehen kann und wie wandelbar die Wahrnehmung und Auslegung von Literatur sein kann. Da müsste dann also theoretisch eine Liste her, die von der Bibel, dem Koran und anderen heiligen Schriften über das Kommunistische Manifest bis hin zu Hitlers Mein Kampf reichte, um eine komplette Menschen- und Lebensbibliothek zu ersetzen. Ich fände auch das Nibelungenlied sowie das BGB tauglich, wenn es auch — zugegebenermassen — keine page-turner sind.

Birgit Böllinger: 
Zehn Bücher? Ich kann allenfalls einige Bücher/Schriftsteller nennen, die für mich als Leserin in der einen oder anderen Art sehr bedeutsam waren und die ich deswegen persönlich nicht missen möchen. Aber das ist ähnlich wie mit einem Kanon: Auch das ändert sich mit den Jahren. Ich möchte in meinem Leserleben nicht missen: Die Kinderbücher von Erich Kästner, weil sie mir, als ich anfing zu lesen, etwas über Gerechtigkeit und Freundschaft erzählten. Die Bücher von Hesse in meiner Jugendzeit, weil sie mir das Gefühl gaben, dass ich nicht alleine mit meinen Gedanken bin und dass es sich lohnt, in der Welt einen Sinn zu suchen. Später die Gedichte von Brecht, weil sie Kraft geben für Veränderungen. Dann Max Frisch, um zu lesen, wie klar und scharf da einer denkt. Dann folgten Joseph Roth, Stefan Zweig und Heimito von Doderer. Einige Amerikaner.
So, und weil das mit den zehn Büchern eh nicht hinhaut: Ich würde jedem empfehlen, zu lesen — aber erst einmal nicht das, was heute als das Meisterwerk des Tages angeboten wird, sondern tatsächlich „die Alten“ zu lesen, um das eigene Lesen und Verstehen zu schulen.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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30 Kommentare

  1. Auf den Kanon von Pachelbel möchte ich nicht verzichten…

    Auf alle literarischen Kanons aber sehr gerne,
    besonders den des ehemaligen Kritikerpapstes Reich-Ranicki,

    der fast ausschließlich die langweiligsten Bücher aufführt, die ich las in meinem Leben…

    Liebe Sommergrüße vom Lu

      1. Stimmt, lieber Wolfgang, ich musste den Fin aus diversen Gründen leider „privatisieren“…

        Aber für dich ist er natürlich offen, also bitte nur kurz anklopfen, ich mache dann sofort auf! 🙂

  2. Ich denke, mit dem Kanon ist es wie mit der Gesellschaft insgesamt, er wird immer individueller und internationaler. Wenn ich daran denke, auf welchen Wegen man heute an die verschiedensten Bücher gerät, oder plötzlich durch eine Reise oder einen Auslandsaufenthalt einen besonderen Bezug zu einem anderen Kulturkreis erhält, dann wird deutlich, dass es „den“ Kanon nicht geben kann.

    Danke für das interessante Interview.

    1. Ich glaube, der Hinweis auf einen anderen Kulturkreis ist sehr gut, denn im Grunde hat jedes Buch seine eigene Kultur, die man entdecken muss. Natürlich folgen Bücher immer einer Gewissen Geisteshaltung, einem gewissen Zeitgeist, aber genau das gilt es ja dann auch zu entdecken!

    2. Das sehe ich ähnlich: Schaut man auf die bisherigen kanonischen Listen (Wikipedia führt dazu einige unter dem entsprechenden Stichwort auf), sind diese sehr auf die europäische Literatur ausgelegt und schließen andere Kulturkreise aus. „Den Kanon“ gibt und kann es nicht geben – aber einfach um die Bekanntheit der Literaturen anderer Kontinente zu steigern, wäre ein – ständig zu überarbeitender Kanon der Weltliteratur – schon einmal hilfreich. Ich hatte zufällig heute abend ein Gespräch mit einer Freundin, die für die Buchauswahl im örtlichen Weltladen zuständig ist – die Buchhandelsreisende, die kleinere Verlage vertritt, die sich auf Übertragungen von Büchern aus Afrika, Asien etc. spezialisiert haben, bekommt diese in den üblichen Buchhandlungen nur stückweise unter. Die Bekanntheit ist zu gering, ergo auch das Interesse der Käufer und des Handels. Schade – es gäbe noch soviel zu entdecken außerhalb unseres Kulturkreises. Literatur soll doch auch den Horizont erweitern können…

  3. Ich denke, einen Kanon sollte es nicht geben, vielleicht unter einer anderen Bezeichnung oder aus einem anderen Verständnis heraus. Es müsste ein Angebot sein wie eine Bibliothek, die mit der Zeit wächst, wo jeder sich bedienen kann, aber auch nicht verpflichtet sein muss, die Bücher zu lesen. Mit einem „MUSS “ wird ein obligatorischer Stempel aufgedrückt. Jeder sollte da eher seine ganz persönliche Liste von Herzensbücher führen, denn jeder hat auch andere Lebenserfahrungen gemacht, die von den jeweiligen Bücher in irgendeiner Form begleitet wurden. Wenn ich auch sehe, wie viele Werke und Autoren wiederentdeckt und ihre Bedeutung anerkannt worden ist, kann es kein verbindliches Maß, keine starre Liste geben. Vielen Dank für dieses wunderbare Blog-Gespräch, eine sehr schöne und inspirierende Idee, wie ich finde. Viele Grüße

    1. Vermutlich ist es eine Mischung zwischen persönlichen Vorlieben und Empfehlungen – denn so verstehe ich „Kanon“, nicht als eine verbindliche Liste, sondern als eine Empfehlung von jemandem, der sich damit beschäftigt hat und kompetent hält. Dass kein ‚persönlicher Kanon‘ dem anderen gleicht, ja, das denke ich auch!

    2. Liebe Constanze, das freut uns alle drei, wenn dieses Gespräch als inspirierend empfunden wird … ähnlich wie Wolfgang verstehe ich einen Kanon jedoch auch nicht als Pflicht, sondern eher als Angebot und Leitfaden mit dem Anspruch, erst einmal eine gewisse Bandbreite abzudecken – und vielleicht manche Leser auch auf „schwierig“ erscheinende Werke neugierig zu machen. Aber im Grunde sind wir uns einig: „DEN“ Kanon gibt es nicht, sondern lesende Menschen „erlesen“ sich im Laufe ihres Lebens ihren eigenen – sowie Du ja beispielsweise locker einen Kanon der norwegischen/Skandinavischen Literatur aufstellen könntest 🙂 Und bei uns Blogkollegen einfach auch Interesse an dieser literarischen Weltecke weckst…

  4. Ich glaube schon, dass ein Kanon dazu beitragen kann, Literatur in ihrer Entwicklung zu verstehen – nur wird in den Schulen meist zu früh damit angefangen, die Schüler mit den Klassikern zu „quälen“. In diesem Alter hat man noch nicht unbedingt die nötigen Erfahrungen gemacht und dadurch die Weitsicht gewonnen, die man für manche der Klassiker einfach benötigt. Und Klassiker können für mich auch so etwas wie der erwähnte Stoner von Williams sein – der eine unglaubliche Strahlkraft auch heute auf mich ausübt, weil er eben grundsätzliche Wahrheiten aufzeigt, die über die Zeiten hinweg Menschen mit einem bestimmten Weltbild anspricht. Ein Kanon sollte Entwicklungsstufen aufzeigen und wird natürlich immer erweiterbar sein müssen. Er ist ein „Instrument“, um sich in der weiten Welt der Literatur zurechtzufinden – und das hat für mich persönlich nicht unbedingt nur etwas mit dem Inhalt zu tun, sondern vor allem mit der Ausführung. Ein tolles Gespräch – danke dafür.

    1. Ich finde, dass es sehr auf die pädagogische Fähigkeiten des Lehrers ankommt. Ich hatte eine Deutschlehrerin, die hat mir richtig Lust auf den Faust machen können. Und ich hatte einen Englischlehrer, nach dessen Bausteine im Unterricht konnte man die Uhr stellen. Das war optimal für Grammatik und aktiven Spracherwerb, für Literatur war es eher suboptimal.

      Ich glaube, ein Problem bei der Lehrerfortbildung ist es, dass es meist nur fachliche Fortbildungen sind, aber kaum didaktische Weiterbildungsmöglichkeiten wahrgenommen werden. Aber ich kann mich täuschen, das ist das, was ich von Freunden und Verwandten mitbekomme.

      1. Sicher hängt das mit dem pädagogischen Geschick des Lehrers zusammen – aber evt. zum Teil auch mit der Starrheit der Lehrpläne. Wäre ich Lehrer, würde ich evt. nach Jahren auch die Lust verlieren, zum x-ten Mal den Faust schmackhaft zu machen – und gerade dieses Werk, da gehe ich mit Bri einher, finde ich für 16 – 18jährige einfach überfordernd und nicht altersangemessen. Da gäbe es andere Klassiker, die mehr Lust auf Literatur machen. Den Ansatz von Matthias, dass man auch lernen muss, sich Literatur zu erarbeiten, kann ich nicht widersprechen – Literatur sollte ja auch im schulischen Kontext keine reine Konsumware sein. Aber man muss ja auch nicht gerade mit den „Hämmern“ einsteigen, die inhaltlich und sprachlich all zu weit von der Lebenswelt eines ganz jungen Lesers entfernt sind.

      2. Didaktik kommt da sicher zu kurz – das kenne ich auch von Freunden, die selbst Lehrer sind und das bemängeln. Aber ich glaube, wenn man sich mit Literatur tatsächlich beschäftigen will, dann ergibt sich der Kanon fast von selbst durch die Lektüre. Im Studium gab es einen Pflichtkanon – ich habe ihn nicht geschafft und dadurch sind Lücken entstanden, die ich anderweitig füllen musste 😉 Aber solch ein Kanon hat auch etwas mit sozio-kulturellen Aspekten zu tun, finde ich. Man kann sich besser verorten, denn Literatur entsteht ja doch – meist – auch als Spiegel einer gewissen Wirklichkeit.

  5. Danke für Eure eingehende Debatte und die folgende Diskussion im Blog. Zu meiner Schulzeit waren Klassiker und entsprechende Kanons so was von out. Also gab es keinen Faust, und ich wundere mich heute manchmal darüber. Wir lasen „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf oder „Homo Faber“ von Max Frisch. Wenn auch die klassische Literatur ins Hintertreffen geriet, machte dies Lust auf zeitgenössische Literatur. Als der Deutsch-Lehrer einmal fragte, was wir lesen wollten, und ich antwortete: Erich-Maria Remarque, „Im Westen nichts Neues“ oder „Der Funke Leben“, kam ich mit dem Vorschlag nicht durch – Remarque war und ist wohl bis heute nicht kanonisch … Und Christiane Rochforts „Zum Glück gehts dem Sommer entgegen“ war ausgesprochen anti-kanonisch …
    Die Zeit-Empfehlungen der 100 Bücher und der 100 Sachbücher habe ich mit Gewinn gelesen, überwiegend wunderbare Besprechungen – an den Werken selber gibt es noch genug zu schmökern. Überblicksweise mochte ich ebenso die „Leseliste. Kommentierte Empfehlungen“ mit etwa 600 Titeln bei Reclam.
    In der Fragestellung bei der Debatte, Brecht oder Büchner, Goethe oder Schiller, Kafka oder Beckett, Camus oder Sartre, hätte ich gerne ein entschiedenes BEIDE
    vertreten beziehungsweise sowohl als auch oder eines nach dem anderen.
    Sich Zeit nehmen zu lesen, sich darüber austauschen oder still genießen; Lesetips aufzugreifen, wie den einer Mitstudentin zu Umberto Ecos „Der Name der Rose“; in den Bibliotheken herumzuschweifen, das bildet meinen persönlichen Kanon. Dabei bin ich dankbar für die vielseitigen Anregungen aus den Blogs, wie von „Sätze & Schätze“. Womöglich brauchen wir einen Kanon, damit sich alle Leser*innen den ihren erlesen …

    1. Ja, das stimmt, das ist eine gute Beobachtung: Wir brauchen vielleicht den Kanon, damit man seinen eigenen findet!
      Was die Schullektüre angeht: Bildungspolitik ist Ländersache und daher gibt es da sehr große Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern. Ich glaube manche überlassen die Lektürewahl sogar ganz den Schulen selbst, sodass es da höchstes Empfehlungen gibt. In anderen ist der Lehrplan so vollgestopft, dass man kaum adäquat alles behandeln kann. Ich habe erst kürzlich mit einem Freund darüber geredet, ob eine zentralisierte Bildunsgpolitik nicht vielleicht besser wäre, wenn sie gewisse Kernkompetenzen bei den Ländern ließe; ich denke da zum Beispiel an die Regionalgeschichte. Aber das wäre wieder Gegenstand einer ganz eigenen Debatte!

  6. Danke für das interessante Gespräch! Das Bild des persönlichen Kanons als stetig wachsende Bibliothek gefällt mir ganz hervorragend

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