In dem zweiten Teil unseres Sommergepräches zwischen Birgit BöllingerMatthias Engels und mir soll es um die Frage des Stellenwertes von Literatur und den Intellektuellen in der (post-)modernen Konsumgesellschaft gehen. Die Frage ist schon bei dem ersten Teil am Rande gestreift worden und soll nun hier vertieft werden.

Birgit Böllinger: 
Mir drängte sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Stellenwert der Literatur im vergangenen Jahr nochmals auf, als nach Siegfried Lenz 2014 auch Günter Grass starb — ich trug so das Gefühl mit mir herum, dass waren die letzten Schriftsteller, die einen großen Bekanntheitsgrad nicht nur durch ihre Literatur erreicht hatten, sondern auch als eine Art „moralisch-politische“ Instanz. Ich weiß, dass Du Wolfgang, Dich ja bereits in einem Blogbeitrag mit diesem Eindruck, dass die letzten Intellektuellen sterben, beschäftigt hast?

 

Wolfgang Schnier: 
Ja, mir kamen diese Gedanken beim Tod von Egon Bahr, den ich auch als einen profilierten Intellektuellen der alten Bundesrepublik wahrgenommen habe (unabhängig davon, wie man politisch zu ihm stand). Darüber habe ich dann auch in einem Beitrag nachgedacht, das stimmt. Die Frage, die mich dabei umtrieb und immer noch umtreibt, das ist die Frage nach dem Stellenwert der Intellektuelln in der heutigen Gesellschaft: Denn was ist das für eine Gesellschaft, in denen Menschen, zu deren Attitüde ein gewisses Maß an Reflexion, Einfühlungsvermögen und eine gewisse Reichweite der eigenen Gedanken (und das Wissen um deren Begrenztheit) nicht mehr nur in der öffentlichen Wahrnehmung an den Rand gedrängt werden, sondern schlicht nicht mehr in dieser gesellschaftlichen Funktion wahrgenommen werden? Zu dem Schluss musste man kommen, als man sich die Reaktionen auf Egon Bahrs Tod ansah, denn er wurde von seiner Partei in irgendein tagesaktuelles politisches ‚Strategiepapier‘, oder wie man es dieses Mal nannte, eingebunden, als sei das sein Lebenswerk gewesen — von diesen tagespolitischen Aussagen weiß heute übrigens niemand mehr etwas, es ist schon wieder Schnee von gestern. Aber sein Tod wurde als Anlass genommen, um diese Eintagsfliegenstatements in die Medien zu bekommen — ich konnte da weder Skrupel noch irgendeine Pietät oder ein Grundmaß an Respekt erkennen. Leben und Sterben in der Mediendemokratie, dachte ich mir da.

 

Birgit Böllinger: 
Egon Bahr ist ein gutes Beispiel für einen Intellektuellen und Denker, der in eine politische Partei integriert war — da kommen mir Bilder von ausgestorbenen Mammuts in den Kopf. Mir fällt auf Anhieb beim aktuellen parteipolitischen Personal niemand ein, den man als „Vordenker der Partei“ (irgendeiner) bezeichnen könnte. Aber das ist vielleicht auch ein Ausdruck davon, dass Parteipolitik sich immer mehr nach dem „Markt“ richtet, nicht mehr in der Lage ist, langfristige Strategien oder auch Visionen zu entwickeln und da sind Denker und Intellektuelle eher Hemmschuhe. Das lässt sich natürlich auch auf andere gesellschaftliche Strukturen übertragen. Es gibt einen guten Beitrag über den Begriff des Intellektuellen; — der „Tod der Intellektuellen“ war demnach immer wieder ein gesellschaftliches Thema, vor allem seit dem Zusammenbruch des einen ideologischen Lagers (Ost), das Ende des Kapitalismus (Ideologie West) wird ja immer wieder in den Raum gestellt.
Mich interessiert vor allem – und darüber würde ich gerne mit euch reden — wie hier auch die Rolle insbesondere der Schriftsteller ist. Meine Wahrnehmung ist schon so, dass „man“ sich gerne einmal mit Navid Kermani im Bundestag schmückt, mit Juli Zeh in einer Podiumsdiskussion (es ist ja nicht so, dass es keine politisch engagierten Schriftsteller gäbe), dass diese Autoren jedoch eher als „Vorzeige-Intellektuelle“ dienen, mit denen man sich ein gewisses Image verschaffen kann, aber dass sie im Grunde nicht ernst genommen werden. Oder täusche ich mich da?

 

Wolfgang Schnier: 
In einer aktuellen soziologischen Studie lese ich den Satz: „Wir neigen dazu, den Intellektuellen als einen Experten zu bezeichnen, dessen Expertise von der Gesellschaft nicht gewünscht wird.“ Um da an Gedanken von unserem ersten Gespräch anzuknüpfen: Eine Gesellschaft nun, die nicht mehr liest, ist im Umkehrschluss auch nicht mehr in der Lage überhaupt zu verstehen, was ihr eigentlich heutzutage fehlt, wenn diese Interventionen ausbleiben. Der gesellschaftliche Außenseiter ist seit Emile Zolas Zeiten der Intellektuelle — es war ein weiter Weg bis zu den Protestbewegungen und zum Punk, die sich heute als Außenseiter fühlen (und damit den Mainstream erst bilden, von dem sie vorgeben sich abzusetzen)  —, und als ein solcher Außenseiter wird er Intellektuelle ja auch wahrgenommen; aber das Defizit, das in unserer konsumfixierten Gesellschaft auftritt, kann doch gar nicht mehr erkannt werden. Ich möchte jetzt nicht behaupten, um auch darauf wieder zurückzukommen, dass uns der Faust im Deutschunterricht davor bewahren könnte; man müsste das schon als eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung sehen. Aber was nutzen einem all die engagierten politischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller in einer Gesellschaft, die nicht mehr liest?

 

Birgit Böllinger:
Mal etwas ketzerisch dazwischengefragt: War es denn nicht schon immer so? Dass politisch engagierte Bücher eben nicht von einer breiten Bevölkerungsschicht gelesen wurden? Mir fällt auf Anhieb zwar „Im Westen nichts Neues“ ein, das ein Bestseller wurde, aber Remarque traf da ja in eine große, klaffende Wunde. Aber war es auch nicht schon zu Zeiten der Weimarer Republik so, dass engagierte Schriftsteller und Intellektuelle eben nicht die Massen erreichten — sondern jene, die Tucholsky, Arnold Zweig & Co. aus Interesse und Deckungsgleichheit der Überzeugung lasen bzw. jene, die aus einer anderen Überzeugung heraus auf den nächsten journalistischen Text, auf den nächsten Roman als Futter für den nächsten politischen Streit warteten? Aber hat das die breite Masse berührt und interessiert?

 

Wolfgang Schnier:
Dies scheint eine eigene Brisanz zu enthalten: Die Intellektuellen der alten Bundesrepublik, die sich im engeren oder weiteren Umfeld der Gruppe 47 fanden, oder im Dunstkreis der Frankfurter Schule, sie sahen sich in der Tradition einer moralischen Instanz, die Einspruch erhoben gegen gesellschaftliche Missstände und Fehlentwicklungen. Sie hatten dabei solche Intellektuellen als Vorbild wie Kurt Tucholsky und Karl Kraus. Auf den beiden Schriftstellerkongressen 1947 und 1948 kam man zu dem Schluss, dass die Interventionen der Intellektuellen in der Weimarer Republik nicht ausreichend gewesen sind, um den Nationalsozialismus zu verhindern. Daraus schloss man, dass die Interventionen nicht ausreichend und weitreichend genug waren, man also das Engagement noch intensivieren müsse. Das war dann das intellektuelle und schriftstellerische Selbstverständnis von Günter Grass, Uwe Johnson, Anna Seghers, Hans Magnus Enzensberger, Alfred Andersch, Günter Anders, Peter Handke, Heinrich Böll, Alexander Kluge und vielen anderen mehr. Diese Schwungkraft lässt mittlerweile nach, sei es, weil diese Generation langsam ausdünnt, sei es, dass die Gesellschaft andere Prioritäten setzt, als ewigen Warner, Querulanten und nachdenklichen Interventionisten zuzuhören.

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Bild: Le penseur de la Porte de l’Enfer (Foto: Wolfgang Schnier)

Matthias Engels:
Ich kann euren Feststellungen nur zustimmen, aber leider auch keinen Grund dafür benennen. Fakt ist tatsächlich, dass unsere heutige Zeit — warum auch immer — Richtlinienkompetenzen eher in der Wissenschaft sieht als in der Kultur. Das schlägt sich ja wunderbar in der Betrachtung der jeweiligen Staatsbudgets im Haushalt nieder. Wann ist das so geworden und warum? Schwer zu sagen.
Schon in der Zeit der Studentenbewegung lagerten draußen vor dem Tagungsort der in die Jahre gekommenen Gruppe 47 junge Leute und riefen provozierend „Dichter, Dichter“, was sie nicht als Kompliment, sondern abschätzig meinten. Genau die Autoren, die angetreten waren, um — wie du eingangs schilderst — politisch zu sein, gesellschaftlich relevant zu schreiben, waren den Studenten zu mustergültigen Bewohnern des Elfenbeinturmes geworden. Warum wollen wir die Expertise des Intellektuellen nicht? Scheint er uns wegen seiner Beschäftigung mit Schöngeistigem per se weltfremd? Trauen wir ihm kein klares Urteil zu? Ich weiß es nicht.

Der einfache Mann misstraute den Intellektuellen meiner Meinung nach schon länger — nur: damals sagte man es nicht, ließ es nicht heraushängen. Heute scheint es mir in gewissen Kreisen geradezu attraktiv zu sein, seine Bildungsfernheit offensiv zu vertreten. Und wiederum: wie kommt’s? Und wiederum: Keine Ahnung. Wo war der Sündenfall oder gab es keinen konkreten Punkt? Wer weiß!?

 

Wolfgang Schnier:
Ich bin mir nicht sicher, ob die Frage nach einem ‚Sündenfall‘ zielführend ist. Man könnte es vielleicht abstrakter als eine postmoderne Konstellation, als eine Krise der Moderne, bezeichnen. Aber ob man damit weiter ist?

 

Birgit Böllinger:
Ich möchte an der Stelle auf ein sehr interessantes Interview in der Zeit im November 2015 hinweisen: Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer und Ilija Trojanow im Gespräch mit Ijoma Mangold über Literatur, die sich einmischt. An deren Bücher lässt sich etwas, auf das wir vielleicht noch kommen, festmachen: Sie sind engagiert, aber literarisch nicht unbedingt herausragend (bis auf den Peltzer-Roman, den ich grandios auch in der Sprache fand). Sie sind Zeitthemen verhaftet. Was mir fehlt, ist ein visionäres Element, ein Gegenentwurf zum Zustand der Gesellschaft, in dem sie sich befindet und der über singuläre Themen hinausgeht (Ökologie, Flüchtlingskrise, Neoliberalismus). Ich meine mit dem Schriftsteller als intellektuelle Instanz nicht die politisch engagierten Autoren, die sich parteipolitisch engagieren oder — da ja auch das politische Engagement der Bürger sich grundsätzlich wandelt, durchlässiger wird, sich mehr an aktuellen Themen und weniger an Parteien festmacht — eben für bestimmte Anliegen eintreten. Sondern mir fehlen die Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die es erreichen, überparteilich wahrgenommen zu werden — als Vertreter humaner Werte, als Anwälte einer Gesellschaft, als Personen, die mit ihrem Werk Gegenentwürfe beziehungsweise bessere Weltentwürfe vermitteln könnten. Der Schriftsteller als Vordenker. Ich kann nicht behaupten, ich hätte einen guten oder vollständigen Überblick über die zeitgenössische deutschsprachige Literatur. Aber mein Eindruck ist, dass da etwas fehlt, dass zwischen Künstlerromanen, Histotainement und Befindlichkeitsliteratur eine Lücke klafft (sehr überspitzt gesagt). Aber vielleicht ist das auch ein hoffnungslos altmodischer Gedanke, der a) die Literatur in ihren Funktionen eh überfrachtet und b) in der heutigen Zeit auch keinen Platz mehr hat.

Sommergespräch
Bild: Wolfgang Schnier

 

Matthias Engels:
Es ist vermutlich nicht gerade hilfreich, dass man die Intellektuellen und Autoren, die sich öffentlich politisch äußern, doch seit Längerem zu einem großen Teil einem politischen Lager zuordnen kann. Sie scheinen keine überparteiliche Instanz mehr zu sein, keine Glaubwürdigkeit für die breite Masse zu besitzen. Dies ist in etwa seit den späten 1960er und frühen 1970er Jahren so, wenn wir schon einen Anfangspunkt dieser Entwicklung suchen. Mir scheint ein Heinrich Böll so ziemlich der Letzte gewesen zu sein, der in der Lage war, alle Seiten mal zu loben und mal zu tadeln und damit große Zustimmung in unterschiedlichen Lagern fand. Wenn er sich zu weit links positionierte — wie im Streit um die RAF und seine verlorene Ehre… — war es damit vorbei.
Wenn wir aber schon über Literatur, Politik und die Gesellschaft sprechen: vergessen wir nicht, dass eine Masse, die mir der Masse, die Literatur und Kultur verschmäht, sehr ähnlich scheint, genauso die Politik verschmäht. Sie läßt sich gesellschaftliche Themen und politisches Geschehen nicht nur nicht mehr von Intellektuellen erklären — sie hat nicht mal mehr Lust, sich dies von Politikern erklären zu lassen.

 

Birgit Böllinger:
Gerade dann aber, wenn die Politik in der Krise ist oder in Erklärungsnöten — und unsere heutige Zeit empfinde ich durchaus als krisenhaft, wenn ich das Erstarken rechter Parteien und Bewegungen beobachte, diese Ansammlungen Unzufriedener, die sich bei Pegida und andernorts finden, gerade dann wäre das doch der Platz für außerparteiliche Figuren, meinetwegen auch Instanzen, hier Lücken zu füllen, eine Debatte anzustoßen, auch eine Diskussion über den Status quo des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der Intellektuelle praktisch als außerpolitische Instanz. Allerdings ist das vielleicht auch eine deutsche Besonderheit — der Germanist und Politikwissenschaftler Alfred Grosser hat einmal darüber geschrieben — über die Tendenz deutscher Intellektueller, insbesondere von Schriftstellern, sich der Politik fernzuhalten, entweder weil sie sich nicht kompetent fühlten oder aus einer Art „Politikverachtung“ heraus. Der berühmte Elfenbeinturm.
Es ist ja wohl auch so: Als Schriftsteller kannst du mit einem aktiven politischen Engagement wenig Lorbeeren gewinnen. Und mein Eindruck ist auch, wenn beispielsweise die Namen von Juli Zeh oder Trojanow fallen, dass dann sofort die Debatte losgeht (oft aus einer bestimmten eigenen politischen Prägung heraus), ob denn deren Literatur „gut“ sei: Also, weil sich einer politisch engagiert, wird von vornherein sein literarisches Vermögen in Frage gestellt.

 

Matthias Engels:
Ja, da ist in der Tat so. Vielleicht wird die Literatur, der Zweck der Literatur dieser AutorInnen dadurch ein Stück weit entzaubert. Man weiß aus den öffentlichen Auftritten: Autor A, Autorin B möchte mir mit seinen/ihren Büchern die eigene politische Haltung vermitteln, auf Missstände hinweisen. Die Möglichkeiten der Literatur gehen ja aber eigentlich weit darüber hinaus und ich muss hier mal wieder meinen geliebten Oscar Wilde zitieren, der während seines Prozesses sagte: „Bücher vertreten keine Ansichten. Ansichten gehören zu Menschen.“ Literatur und ihr Zweck müssen meiner Einschätzung nach und vielleicht im Erachten vieler Leser, „offener“, freier sein als das. Mit der Wahl des Schwerpunktes: nennen wir ihn nun „Aufklärung“, oder auch negativ „Belehrung“, engt sich die Literatur, engt sich der Autor ein und das kann — nicht ganz zu Unrecht — als Defizit empfunden werden. Es gibt großartige AutorInnen, die in ihren Büchern gesellschaftliche Themen behandeln, aber in aller Regel sind diese weit davon entfernt, sich selbst „politischer Autor“ zu nennen oder genannt zu werden. Ich stelle auch immer wieder fest, dass vieles, was sich engagierte, politische Literatur nennt, auf gewisse Weise an seine Zeit geknüpft ist. Betrachten wir nur mal vieles der extrem politischen Lyrik der Zeit der Studentenbewegung. Zu weiten Teilen ist die heute einfach nur irrelevant, schwachbrüstig und überholt — weil ihre Auslöser überholt sind. Auch ein Roman wie Lenz von Peter Schneider, der das Büchner-Fragment in die Zeit der 68er transportiert ist heute kaum noch genießbar. Vielleicht scheuen viele Autoren auch diese Falle: mit den eigenen Büchern allzu brisant und gegenwärtig und morgen überholt zu sein.

 

Birgit Böllinger:
Ich hätte jetzt noch eine Frage an euch beide: inwieweit lasst ihr euch in eurem eigenen Leseverhalten von gesellschaftlichen oder politischen Äußerungen von Schriftstellern beeinflussen? Es wird ja immer wieder der Anspruch formuliert, man müsse das Werk unabhängig von den Aktivitäten und ethischen Haltung, politischer Meinung etc. seines Schöpfers bewerten. Ich kann hier nur für mich sprechen: Ich kann das nicht beziehungsweise nicht immer trennen. Ja, ich finde „Reise ans Ende der Nacht“ ein grandioses Buch, aber der Antisemitismus von Celine ist beim Lesen in meinem Hinterkopf. Hansum, selbe Geschichte. Oder Walser und Handke — ich kann sie nicht mehr „vorurteilsfrei“ lesen seit der Frankfurt-Rede des einen und der Milosevic-Grabrede des anderen. Kurzum: Mir gelingt diese Trennung zwischen Werk und öffentlichem Auftreten, insbesondere wenn es um Schriftsteller gibt, deren Kunst im Umgang mit Sprache liegt, nicht.

 

Matthias Engels:
Wenn es einfach nur fehlende Sympathie für den Autor ist, kann ich seine Bücher dennoch genießen. Geht es aber in den Bereich der völligen Ablehnung von dessen öffentlichen Äußerungen, einer grundlegend anderen Haltung, dann taugen seine Bücher auch nicht für mich. Das konnte ich mehrfach feststellen. Der notwendige Gleichklang fehlt einfach. Es ist mir schon so gegangen, dass ich mehrere Bücher eines Autoren angelesen und angewidert weggelegt habe und erst später erfuhr, für welche Partei der sich stark macht. Da wurde mir einiges klar. Wobei es spannend sein kann, solche Autoren dennoch zu lesen. Da, wo sich der Autor von der Haltung löst und einfach „nur“ Erzähler ist, können unerwartete Leseeindrücke schlummern — vielleicht gerade weil dieser Autor die Welt eben anders sieht als ich.

 

Wolfgang Schnier:
Mir fallen da zwei Dinge ein: Zum einen führte die Debatte um Lewitscharoff vor einiger Zeit dazu, dass ich ihre Bücher als nicht interessant oder zumindest relevant für mich eingestuft habe. Das geschah irgendwie ganz unbewusst, so wie eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung: Damit willst du wirklich deine Zeit verbringen und sie womöglich verschwenden? Andererseits hat mich Sibylle Bergs Kolumne und ihre Präsenz in den sozialen Medien sehr neugierig werden lassen, da ich diese Beiträge klug und ansprechend finde, und so machte ich mich auf, einmal in ihren Dramen nachzulesen und finde, es gibt kaum eine relevantere Gegenwartsdramatikerin als Sibylle Berg. Das hört man ja öfter, von Lewitscharoff hört man so etwas nicht, sondern eher, dass ihre Bücher wirklich langweilig sind.
Meistens ist das politische Engagement auch direkt mit dem Werk untrennbar verknüpft, das liegt uns doch heute wohl kaum deutlicher vor Augen als bei Büchner. Allerdings, das muss ich dazu sagen, habe ich eine gewisse Skepsis gegenüber engagierter Literatur, wie sie etwa Sartre propagierte. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Birgit Böllinger:
Stimmt. Mir ist auch während unseres Gespräches auch ab und an durch den Kopf gegangen, dass wir zum Teil die Begrifflichkeiten — aber das kann ja in einer temperamentvollen Unterhaltung geschehen — ein wenig durcheinanderwirbeln beziehungsweise hätten definieren sollen. Also, nicht jeder Schriftsteller ist ein Intellektueller und vice versa und ebenso schreibt nicht jeder politisch engagierte Autor auch engagierte Literatur — es kann einer ja sein politisches Eintreten in der Öffentlichkeit klar von den Inhalten seiner Bücher trennen. Auch wenn mir jetzt im Moment kein konkreter Name einfällt. Mist.

 

Wolfgang Schnier:
Ein Goethe konnte das wahrscheinlich noch, vermutlich ist das seit Emile Zola jedoch nicht mehr so ohne weiteres möglich.
Das wäre tatsächlich der Anfang einer ganz anderen, aber viel zu weit führenden Diskussion.

 

Matthias Engels:
Ob ein tradiertes Herrschaftssystem mit einem darin integrierten Autor für diesen angenehmer war als eine Demokratie, in der der Schriftsteller für (zumindest theoretisch) mitbestimmende Leser auf Augenhöhe schreibt, von denen er Gefahr läuft, abgelehnt zu werden, da sie politisch anders denken. Eine Frage, die sich für die Zeitgenossen Goethes wohl eher gar nicht stellte…
Ich ziehe mal für mich persönlich ein Fazit: Engagierte Literatur ist dann gut, wenn die Literatur gut ist. Wenn nur das Engagement daran etwas taugt — dann taugt die Literatur nicht (für mich).

 

Wolfgang Schnier:
Das ist ein gutes Schlusswort, vielen Dank Matthias. Sicherlich konnten wir nicht die Probleme dieser Welt lösen, allerdings hatten wir auch nichts dergleichen angekündigt oder uns vorgenommen für unser Sommergespräch. Ich bedanke mich bei Birgit Böllinger und Matthias Engels für diese überaus interessanten und anregenden Gedanken und eure Bereitschaft zur Teilnahme. Vielen Dank auch an alle Leserinnen und Leser, die durchgehalten haben, ich hoffe wir konnten den ein oder anderen Denkanstoß weitergeben. Noch ein Hinweis zum Schluss, wer noch nicht genug von dem Thema hat, dem möchte ich den ersten Teil unseres Sommergespräches nahelegen und auch darauf hinweisen, dass in der letzten Ausgabe der ‚Jüdischen Allgemeine‘ der niederländische Schriftsteller Leon de Winter auch kurz zu der Frage Stellung nimmt, wie politisch Literatur sein darf.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

17 Kommentare

  1. Euer Sommergespräch über den Stellenwert von Literatur und Intellektuellen freut mich zu lesen. Danke für die Muße, Beiträge und Gedanken.

    Manchmal werde ich von Mitmenschen als „intellektuell“ oder „Intellektueller“ bezeichnet, wenn ich mal Bücher oder Autor*innen ins Gespräch bringe. Das ist gelegentlich respektvoll gemeint, hin und wieder auch bemitleidend oder gar herabsetzend. Von mir selber als einem „Intellektuellen“ zu sprechen, das liegt mir nicht. Wir haltet Ihr es selbst damit, die Ihr Bücher schreibt, besprecht oder Diskussionen entfacht?

    Mir scheint fast, es gibt mehr Intellektuellen-Schelte und –Verfolgung als konstruktive Bestimmungen ihrer Rolle in Politik, Kultur und Gesellschaft.

    Günter Grass wurde in Eurer Debatte genannt, der diese Rolle in der Bundesrepublik und darüber hinaus über Jahrzehnte hinweg lustvoll und streitbar gelebt sowie den Literatur-Nobelpreis dafür erhalten hat. Im Zusammenhang mit seiner Selbstbekundung, als Jugendlicher der Waffen-SS angehört zu haben, wurde 2006 die NS-Vorgeschichte weiterer Intellektueller zur Sprache gebracht, so die Mitgliedschaft im Jungvolk von Jürgen Habermas, der seinerseits öffentliche Debatten jahrzehntelang maßgeblich geprägt, initiiert und begleitet hatte. Dies sorgte damals für Irritation und Aufklärung. Selbsterkenntnis über Fehlbarkeit gehört dazu. Vielleicht ist in jener Zeit die Erwartungshaltung des Publikums und der Medien an öffentliche Intellektuelle etwas zurecht gerückt worden, sowie die Bereitschaft von Literat*innen, sich mit exponierten Stellungnahmen ins Rampenlicht zu begeben.

    Zwischenzeitlich hat sich auch die Medienwelt stark verändert. Wie viel schwieriger ist es, mit einem klugen Essay wahrgenommen zu werden als mit einem Tweet von 140 (?) Zeichen? Was zählt das Argument gegenüber der Macht des Bildes in der medialen Bilderflut?

    Beispielhaft heranziehen lässt sich die Flüchtlingspolitik vor einem Jahr, im Sommer und Herbst 2015. Diskurs, Debatten und Entscheidungsbildung bezogen sich auf die Fotoaufnahmen ertrinkender Menschen, Kinder, im Mittelmeer, erstickender Geflüchteter in Lastwagen auf der Autobahn, schikanierender Situationen an Grenzzäunen und Bahnhöfen, Selfie-Willkommen live in Echtzeit. Argumentation, Reflexion und Textarbeit folgt darauf.

    Euer Sommergespräch über Literatur und Intellektuelle hat mit dem vorangegangenen Sommergespräch „Brauchen wir einen Literaturkanon“ gemeinsam, dass gefragt wird, wer, was und wie Orientierung anbietet. Es gibt Bedarf an und Sehnsucht nach Orientierung in Zeiten der „Unübersichtlichkeit“. Was erwarten oder erhoffen wir? Die kritische Position, eine provokative Stimme, vielleicht die visionäre Perspektive oder eine integrierende Haltung?

    Ich freue mich, an dieser Stelle mehr als 140 Zeichen tippen zu können …

    1. Danke zurück für Deine ausführliche Antwort, die neue Gedanken und Anregungen einbringt – so haben wir uns das gewünscht …
      Intellektuellenschelte: Das ist in Deutschland im Grunde seit jeher gängig. Woran das liegt, weiß ich nicht, aber mir scheint das auch eine Besonderheit zu sein – dass hierzulande Intellektuelle misstrauisch beäugt werden, dass das Wort eine Abwertung in sich trägt.
      Ich selbst – für die anderen beiden kann ich nicht sprechen – würde mich nicht als solche bezeichnen – aus einem gegenteiligen Grund heraus: Für mich ist ein Intellektueller schon jemand, der dank einer sehr hohen Intelligenz (Weisheit) nochmals einen anderen (Über)Blick auf die Dinge hat.
      Ja, darin enthalten ist natürlich das Moment des Wunsches nach Orientierung. Aber mein Eindruck ist, dass – sicher auch bedingt durch die veränderte mediale Gesellschaft – langfristiges, übergeordnetes Denken verloren geht, jeden Tag wird eine andere Sau durchs Dorf gehetzt, usw.
      Interessant ist Dein Aspekt bzgl. Grass/Habermas: Ich fand es zum Teil erschütternd, mit welcher Häme insbesondere die konservativen Medien über Grass hergefallen sind. Dass auch einer, der moralische Maßstäbe an das Handeln anlegt, fehlbar ist, ist eigentlich natürlich: Es geht hier ja nicht um Götzenverehrung. Aber das war natürlich ein gefundenes Fressen für jene, denen der Kritiker und Einmischer Grass auf die Nerven ging.

      1. Danke für die Resonanz. Überblick zu haben, Weisheit dazu, und sie öffentlich einzubringen, das macht wohl eine intellektuelle Person aus, nicht zu vergessen die Stimme. Den Abend, als ich Euer Gespräch las, hätte ich auch in der Nachbarstadt Erlangen zubringen können. Beim dortigen Poetenfest im Schlossgarten und in den benachbarten Sälen gab es wieder ein ausgesprochen reizvolles Programm mit Lesungen und Diskussionen, zum Teil auch mit Übertragung des Bayerischen Rundfunks („Diwan“ und „Nacht der Poesie“). Zu Gast waren unter anderem Herta Müller und Ililja Trojanow und aus aktuellem Anlass zahlreiche Autorinnen und Autoren aus der Migrations-Literatur. Für Buch-Blogger dürfte dies ein dankbares Ziel sein, nächstes Jahr 2017 vom 24. bis 27. August.

        http://www.poetenfest-erlangen.de/presse.asp
        http://www.br.de/radio/bayern2/index.html
        Suche: Poetenfest

    2. Sehr interessante Gedanken bringst Du hier ins Spiel als promovierter Politikwissenschaftler! Nun, es gibt verschiedene Definitionsversuche für ‚Intellektuelle‘. Die einen meinen, es sei eine Schichtbeschreibung, also eine Zuordnung zu einer Schicht, die sich vor allem durch ihren höheren Bildungsgrad auszeichnet. Gramcsi meinte zum Beispiel, jede Klasse habe ihre eigene Intellektuellen-Schicht. Andere knüpfen den Begriff ‚Intellektuelle‘ an ihre gesellschaftliche Funktion, dass sie also in der Öffentlichkeit (gesellschafts-)politische Positionen vertreten, die a) nichts mit ihrem eigentlichen Beruf/Profession zu tun haben und b) aus einer unabhängigen Position heraus Einspruch erheben gegen gesellschaftliche Entwicklungen.
      Die Intellektuellen-Schelte geht in Deutschland zurück auf das Misstrauen gegenüber kritischen Stimmen gegen den Staat und die Nation. Der Intellektuelle widerspricht einem national (oder wie auch immer) verstandenen Kollektiv, er ist ein Querulant, ein Quertreiber, derjenige, der auf die gesellschaftlichen Verwerfungen aufmerksam macht und inne hält. Durch sein öffentliches Nachdenken und Mahnen stört er den Wunsch nach einer homogenen Gesellschaft, er durchbricht ein Wir-Gefühl allein dadurch, dass er sich dem nicht unterordnet.
      Das ist ein Phänomen nicht nur in Deutschland, sondern auch zum Beispiel in Frankreich, dort war die Erfindung des Begriffs „Intellektueller“ eigentlich gedacht als Schmähbegriff und wurde erst dadurch zu einer Selbstbeschreibung derjenigen, die sich gegen den gesellschaftlichen Antisemitismus in der Dreyfus-Affaire stellten.

      Dass Intellektuelle heute kaum noch wahrgenommen werden, ist ja ein Punkt, den wir in dem Gespräch thematisieren. Ich würde das insofern zuspitzen, dass wir mit dem heutigen Medienkonsum und dem erforderlichen Fernsehformat mit Schnittfolgen von unter 10 Sekunden eigentlich auf der Empfängerseite kaum mehr die Fähigkeit haben, einen klugen Essay oder ähnliches noch wahrzunehmen. Es haben sich die Bezüge verändert, während man früher etwa noch über eine Stunde lang einem klugen Interview mit Hannah Arendt zuhörte, bezweifle ich, dass heute noch überhaupt die Fähigkeit dazu vorhanden ist, dass dies in einer breiten Form rezipiert werden könnte — von der Bereitschaft dazu ganz zu schweigen. Das ist, um dem Bedürfnis einer Begründung, wieso das so ist, kurz nachzukommen, meiner Meinung nach einer Entwicklung geschuldet, die mit der Herausbildung der Massenkultur in den 1920er Jahren begann, als plötzlich Kultur zu handelbaren Kulturgütern degenerierte. Den vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung kann man im Privatfernsehen heute beobachten, wenn man das einmal durchhalten würde und sich ein paar Minuten ansehen könnte. Das ist die Entwicklung des mündigen Bürgers zum infantilen Kunden genauso, wie Bildung heute nicht mehr den Horizont erweitern, sondern das Individuum einzig zur Ausübung einer Berufstätigkeit befähigen soll. Das ist völlig auf einen bestimmten Zweck zugerichtetes Verständnis von Vernunft, die auch ein stückweit dem Selbstverständnis eines Intellektuellen widerspricht, der sich doch erheblich dieser instrumentellen Vernunft verweigert.
      Von daher wundert mich weder der Wunsch nach Orientierung, den Du ansprichst, noch das Unvermögen zu erkennen, wer diese denn eigentlich liefern könnte und müsste, nämlich Literatur und Intellektuelle. Schön, wenn unsere Gespräche darauf hinweisen konnten!

  2. Klar, Intellektuelle müssen bleiben. Sie haben seit jeher einen schwierigen Stand, ähnlich wie „Expert/innen“, mit denen sie gerne – wie ihr sagt – verwechselt werden: Sie vereinfachen nicht unbedingt, sie argumentieren aus der Fülle der Bezüge, sie suchen nicht unbedingt einfache Worte. Für mich sind Intellektuelle immer eine Herausforderung gewesen. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, da waren Intellektuelle die natürlichen Feinde (ja, fast). Anfangs wollte ich sie auch überflüssig finden, aber ich habe dazu gelernt. Es muss einfach Leute geben, die komplex denken, auch wenn es hier und da zu weit in die Wolken führt. Ich denke übrigens nicht, dass sie weniger gehört werden als zu anderen Zeiten. Aber die Angst vor ihnen bleibt bei vielen in den Köpfen. Weil sie sich eben nicht so geschmeidig sind und sich mit Gegebenheiten abfinden.

    Die Gespräche weiter zu führen fände ich eine prima Idee. Weil sie länger sind als die meisten „normalen“ Titel, würden mir Zwischentitel ganz gut gefallen. Ist aber natürlich nur ein Vorschlag.

    1. Ach, Zwischentitel! Verdammt, daran hatte ich auch noch gedacht, aber dann wieder vergessen! Ja, das ist eine gute Anregung, vielen Dank!!

      Und danke für Deinen Hinweis, dass die Rolle des Intellektuellen immer auch unterschiedlich wahrgenommen wird. Ich würde das auch gerne selbst kritisch sehen und auch vor einer Idealisierung Abstand nehmen.

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