Man könnte ein Resumée aus den Sommergesprächen mit Birgit Böllinger und Matthias Engels wie folgt beschreiben: Zurück zu den Klassikern! Neben dem Blick auf die tagesaktuelle Literatur kommen die Klassiker der Literatur oftmals zu kurz. Hier und da habe ich zwar schon mal einen Blick auf sie geworfen, etwa bei dem Blick auf die Odyssee oder kürzlich bei Camus‘ Mythos des Sisyphos, aber ich denke, es schadet nicht, das Ganze etwas systematischer anzugehen. Daher möchte ich in einer losen Folge hin und wieder auf einige Klassiker zu sprechen kommen, von denen ich denke, dass sie auch heute noch unbedingt lesenswert sind und auch Lesespaß bereiten. Und nichts liegt ja da näher als — nicht mit Goethe oder Schiller anzufangen. Ich denke, und auch das ist klar geworden in den Sommergesprächen, dass ein Kanon oder auch nur die Zuordnung eines Buches als ‚Klassiker‘ Schwierigkeiten bereitet und die Frage aufgeworfen wird, welche Kriterien denn da einer Auswahl zu Grunde liegen. Nun, ein Nachdenken darüber wäre nun allerdings ein besonderer Beitrag und eben keine Besprechung eines Klassikers. Ich möchte mir diese Frage vielleicht für später aufheben und diese Serie unkonventionell beginnen, nämlich mit den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg von Winston Churchill.

Great Books
Bild: Dan Smith (CC BY-SA 2.0)

Was vielleicht manchmal etwas untergeht: Churchill erhielt vor allem für sein mehrbändiges Werk über den Zweiten Weltkrieg den Nobelpreis für  Literatur im Jahre 1953. Dieses ursprünglich in sechs Bänden und zwischen 1948 und 1955 erschienene Werk liegt in einer einbändigen Ausgabe vor, die Churchill noch selbst besorgen konnte. Er hatte durch seine Position als Großbritanniens Premier von 1940 bis 1945 nicht nur einen privilegierten Zugang zu Zeitdokumenten, sondern war auch als einer der wichtigsten Staatsmänner seiner Zeit einer der Hauptentscheidungsträger. Somit vermischen sich in dem Buch oftmals Autobiographie und historische Darstellung. Und das tut dem Werk insgesamt gut, denn wenn man im Hinterkopf behält, dass es eine subjektive Darstellung ist, die aber letztlich auf einer ungeheuren Zahl an Quellenmaterial und Zeitdokumenten beruht, man also durchaus einen sehr privilegierten Zugang zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges präsentiert bekommt, dann ist man sich genauso gut über die blinden Flecke bewusst, die Churchill nicht ausleuchtet. So ist sein Erzählerstandpunkt der eines großen Staatsmannes, der Geschichte macht — genauso, wie der Historismus des 19. Jahrhunderts Geschichte geschrieben hat. Das ist nun eine Schwäche, aber auch eine ungeheure Stärke: Die Schwäche daran ist, dass dieses Geschichtsverständnis hoffnungslos überholt ist und heute kaum mehr zur historischen Analyse taugt. Aber das ist das Problem der Historiker, denn die zeitlose Stärke in diesem Verfahren liegt in der beispiellos packenden Art und Weise, wie dem Leser der Zweite Weltkrieg dargelegt wird: Da liegt die Welt im Kampf zwischen den Mächten der Dunkelheit, den Nazis, Faschisten, den Schmeißfliegen der Geschichte auf der einen Seite, und den Mächten des Lichts, der Demokratie und Freiheit auf der anderen Seite. Und wir können einem Helden bei den Mächten des Lichts über die Schulter sehen, können lesen, wie Churchill um Entscheidungen rang und wie er den Kriegsverlauf nicht nur erlebte, sondern mitprägte. Das ist eine äußerst privilegierte Sicht auf den Zweiten Weltkrieg und in der Art einzigartig. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war ein gescheitertes halbe Jahrhundert und über weite Strecken war es die Hölle auf Erden, viele Augenzeugenberichte und Erinnerungen etwa an die Shoah kann man kaum als Nachtlektüre empfehlen und erfordern starke Nerven. Churchills Darstellung kommt diesem Grauen nicht nahe, er analysiert kühl und berechnend, und da wir ja wissen, dass die Guten gewonnen haben, kann man das Buch trotz seitenlanger Spannungskurven und nervenaufreibenden Passagen ganz gut lesen. Somit eignet sich das Buch auch für jüngere Leserinnen und Leser, wenn sie denn Spaß haben, sich durch über 1100 Seiten zu fressen und ein Faible für Geschichte haben. Allerdings sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass auch ein solches Monumentalwerk nicht alles umfasst, sondern genaugenommen nur einen kleinen Ausschnitt bietet. Churchills Darstellung ist eine reine Beschreibung der ‚großen‘ Politik und Diplomatie sowie der Militärgeschichte; sozialgeschichtliche Aspekte oder eine Reflexion auf die Shoah fehlen gänzlich (und wieso, verdammt nochmal, niemand Auschwitz bombadierte — ‚Auschwitz‘ und ‚Oświęcim‘ kommen nicht einmal als Stichworte im Register vor). Auch erzählt Churchill eine Erfolgsgeschichte, die sich im Nachhinein so darstellt. Aber Untersuchungen wie etwa von dem britischen Militärhistoriker Richard Overy zeigen, dass der Sieg alles andere als sicher war, sondern genaugenommen sehr, sehr knapp ausfiel — zu knapp eigentlich, dass es uns heute behaglich damit sein sollte (nachzulesen etwa in Richard Overy: Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen. Stuttgart 2000).

Was erwartet den Leser, auf was sollte man sich einstellen? 

u1_978-3-596-16113-3Es ist die Darstellung eines direkt am Kriegsgeschehen beteiligten Staatsmannes, die packend, spannend und mitreißend geschrieben ist und durch die privilegierte Erzählposition hochinteressante Einblicke in den militärischen und politischen Verlauf des Zweiten Weltkrieges bietet. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die erzählt wird, und auch wenn Churchill sich in vielen Kapiteln bemüht darzustellen, dass dieses Kriegsende alles andere als vorhersehbar gewesen ist, so trägt dies doch letztlich nur zu einer weiteren Erhöhung des historischen Erfolges im Auge des nachfolgenden Betrachters bei — und wer möchte das dem Mann verdenken, dessen Charakterstärke, Starrsinn und dessen Durchhaltevermögen wir es maßgeblich zu verdanken haben, dass der Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert besiegt wurde?

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Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg. Mit einem Epilog über die Nachkriegsjahre. Aus dem Englischen von Eduard Thorsch und anderen. Frankfurt am Main 2003 (Fischer-Taschenbuch).
ISBN: 9783596161133

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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