Es gibt vermutlich nicht viele Bücher von Günter Grass, die aus dem Blickfeld der öffentlichen Wahrnehmung heraus treten. Am ehesten könnte dies noch bei einem nichtfiktionalen Buch von ihm geschehen, genauer, bei seinem Tagebuch aus dem Jahre 1990. Wir erinnern uns: Grass war wohl der bekannteste Intellektuelle, der einer Wiedervereinigung Deutschlands kritisch und ablehnend gegenüber stand, und zwar weil er befürchtete, es wäre der Anfang eines neu erstarkenden Großdeutschlands, das wieder die Vormachtsstellung in Europa anstreben würde. Die Geschichte hat ihm insofern Recht gegeben, als dass Deutschland heute tatsächlich eine Vormachtstellung in Europa hat, politisch wie ökonomisch (aber es vermeidet so zu formulieren). Seine Befürchtungen zielten allerdings nicht auf eine solch subtile Vormachtstellung, sondern eher auf ein Wiedererstarken nationalsozialistischer oder zumindest extrem rechter Kräfte. Grass sprach sich nicht für eine Wiedervereinigung aus, sondern für eine Konförderation beider deutscher Staaten; ein Vorschlag, der ihm den Vorwurf eines ‚vaterlandslosen Gesellen‘ einbrachte, mit dem er kokettierte und positiv wendete, ähnlich wie zu Emile Zolas Zeiten der Begriff ‚Intellektuelle‘ als ein Schmähwort gedacht war und später zur Selbstbeschreibung diente.

Nun, nach dem Mauerfall reiste Grass durch ganz Deutschland und teilweise auch durch Europa und schrieb dabei ein Tagebuch, welches das gesamte Jahre 1990 umfasst. Es ist eine eigentümliche Vermischung aus privaten Eintragungen und einer öffentlichen Analyse, das dieses Tagebuch auszeichnet. Wie meistens, wenn Menschen bewusst ist, dass sie Teil der Zeitgeschichte sind und wissen, dass ihre Tagebücher irgendwann veröffentlicht werden, ist auch dieses Tagebuch glatt und frei von charakterlichen Widersprüchen und Zweifel (oder ähnlichem), sodass man den Eindruck gewinnt, einem literarischen Werke gegenüber zu stehen, und eben nicht einem Tagebuch (diesen Eindruck bekommt man etwa auch bei den Tagebüchern von Thomas Mann). Das lässt den Schreiber meist unnahbar erscheinen. Das Ziel von Grass war bei diesem Tagebuch allerdings ein anderes: Er wollte seine politische Position dokumentieren und aus einem sehr persönlichen Blickwinkel darlegen, sodass sie auch aus einer völlig anderen Perspektive nachvollziehbar wird. Somit ergänzt sich das Tagebuch mit seinen Interventionen in den Zeitungen und Zeitschriften, den Interviews und Fernsehauftritte und auch mit seiner Poetikdozentur, die er im Jahre 1990 in Frankfurt unter dem Titel Schreiben nach Auschwitz hielt.

Tagebuch Günter Grass
Foto: Wolfgang Schnier

In dem Tagebuch kommt immer eine Formulierungauf, die nicht auf den ersten Blick erklärt wird (jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern), die aber wichtig ist für das Selbstverständnis von Günter Grass als auch von Kritikern allgemein. Vor allem in Deutschland besteht oft die Nötigung, beim Vorbringen von Kritik an einer Sache etwas ‚Positives‘ beizutragen, dem Wort ‚Kritik‘ wird so oft das Adjektiv ‚konstruktiv‘ beigestellt um den Anspruch deutlich zu machen, dass eine Kritik nur mit dieser Einschränkung erwünscht ist. Das hat nicht nur schon Adorno scharf kritisiert und zurückgewiesen, sondern bereits Erich Kästner musste sich damit auseinandersetzen. Das ging ihm ziemlich auf die Nerven, sodass er diese Haltung in seinem Spottgedicht Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner beißend aufs Korn nahm. Darauf nimmt also Grass Bezug, wenn er sich mit der ständigen Frage konfrontiert sieht, wo denn bei seiner Kritik an der deutschen Wiedervereinigung das Positive sei.

Das Tagebuch aus dem Jahre 1990 ist heute ein Zeitdokument, eine historische Quelle, bei der man allerdings im Hinterkopf behalten muss, dass sie zur Veröffentlichung geschrieben wurde, also nicht ohne eigene Intentionen des Autors ist. Das macht das Buch allerdings nicht weniger interessant, sondern es hilft, die Sicht und die politische Position von Günter Grass in diesem unbestreitbar historischen Augenblick des Jahres 1990 nachzuvollziehen. Man kann zum Beispiel auch die eigenen Gefühle und die eigene Sichtweise der damaligen Zeit dem Buch entgegen halten und vergleichen (wenn man alt genug dafür ist). Allerdings sollte man das Tagebuch nicht isoliert betrachten, sondern in seinem Kontext der Äußerungen und Texte von Grass aus dieser Zeit sehen. Hat man diese noch im Ohr, so ist dieses Buch eine hervorragende Ergänzung und allemal einen Blick wert.

img_20160920
Foto: Wolfgang Schnier

——————————————————-

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990. Göttingen 2009.
ISBN: 9783865218810

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s