Die Geschichte von David und Bathseba ist hochinteressant: Es ist die Geschichte von Verrat und Machtmissbrauch, von Liebe und Verlangen — und letztlich von Menschlichkeit, wie es kaum eine bessere Beschreibung in der westlichen Literatur gibt. Gerade wegen seines Machtmissbrauchs erhält David die Frau, die er haben will. Dafür muss er ihren Ehemann umbringen lassen, Prinzipien übertreten und Gesetze umschreiben. Aber das funktioniert. Jedoch zürnt ihm Gott: „Aber mißfällig war die Sache, die Dawid getan, in den Augen des Ewigen.“ Er, der von Gott Auserwählte, der Gesegnete und Gesalbte, der König Israels, er frevelt und die Strafe ist der Tod seines Erstgeborenen.

Vermutlich ist es eine gute Erzählung um zu verdeutlichen, was Walter Benjamin meinte, als er vom Hinzutretenden sprach. Benjamin meinte, dass es notwendigerweise ein Hinzutretendes zum Menschlichen geben muss, es geht nicht ohne das messianische Licht, denn der Mensch ist unvollkommen, und je mehr sich die Gottberufenen und Eiferer bemühen und sich geißeln, desto mehr zeigt sich, wie groß die menschliche Unvollkommenheit eigentlich ist. Das schlechte Gewissen, katholischste Eigenschaft von allen, die falsch verstandene Moral, wird zum Maß des Übels. Der Mensch und das Menschliche sind fragmentiert, sie sind gebrochen und verstoßen, der Mensch hat Schwächen und Fehler, er ist sterblich und schwach. Nur dieses Hinzutretende kann ihm helfen und verspricht Erlösung.

Mit einer gewissen Lebenserfahrung sind spirituelle Erfahrungen nicht ungewöhnlich. Diese Erfahrungen sind so individuell und verschieden, sodass sie auf andere Menschen oft distanzierend und fremd wirken — meistens auch zurecht. Allerdings gibt es ein Muster, eine Erfahrung, die viele Menschen in ihrem Alltag und in ihrem Leben schon nachvollziehen konnten: Wir verspüren eine unstillbare Sehnsucht, einen Drang einem anderen Menschen gegenüber, das wir meistens als Liebe oder (schwächer) als Zuneigung umschreiben und was die Verhaltensforscher und Biologen und Psychologen in ihre Triebstrukturen und andere Erklärungen pressen wollen. Aber oft kommt es vor, dass in einer längeren Zeit in einer Beziehung diese Sehnsucht nicht befriedigt werden kann, sondern man sich oftmals fragt, wo denn dieses Verlangen, diese Sehnsucht von einst abgekommen ist im Laufe der Jahre. Manchmal denkt man, dass sich diese Sehnsucht auf einen anderen Menschen übertragen hat. Viele lange Beziehungen lehren uns, dass wir austauschbar sind, dass wir Emotionen von einem Menschen auf andere übertragen können. Wenn wir dies nicht selbst tun oder schon getan haben, dann erleben wir womöglich, wie es unserem Partner vielleicht schon passiert ist und wir es indirekt und dann doch direkt verspüren.

Das frappierende: Diese Sehnsucht ist nicht die Sehnsucht nach einem anderen Menschen, sondern vermutlich eine der wenigen metaphysischen Erfahrungen, die die meisten Menschen in ihrem Leben machen, und sie verwechseln sie mit einer Sehnsucht nach einem anderen Menschen. Eigentlich ist es aber eine  Suche nach dem Licht, wie man es beschreiben könnte, oder nach dem Hinzutretenden, wie es Benjamin genannt hat. Es ist dieses Wissen um die Unvollkommenheit und die Sehnsucht nach einem Zustand, die diesen Mangel aufhebt. Dieses Licht können wir sehr wohl in einem anderen Menschen sehen, aber es ist nicht mehr als eine Art Platzhalter für das, was eigentlich dahinter steht.

David und Bathseba
Foto: Wolfgang Schnier

Und daher ist die Geschichte von David und Bathseba nicht nur eine Geschichte über Mord und Machtmissbrauch, wie sie in den Kirchenpredigten profanisiert wird, sondern es ist die Beschreibung dieser Sehnsucht, dieser Verwechslung, die die Menschen überfällt, wenn sie eigentlich auf der Suche nach dem Licht sind.

Leonard Cohen schrieb einen sehr populären Song über die Geschichte von David und Bathseba. Der Song wurde tausendmal interpretiert und es scheint, dass jeder Interpret noch eine Facette zu dem Song beitragen möchte. In den meisten Interpretationen kommt allerdings eine Zeile gar nicht erst vor. Ich finde aber, dass sie eine zentrale Bedeutung hat, und Cohen singt die Strophe meistens, in der die Zeile vorkommt:

„There’s a blaze of light in every word; / it doesn’t matter which you heard, / the holy, or the broken Hallelujah“

Genau darum geht es: Das heilige Wort ist gleichzeitig gebrochen und fragmentiert, weil es ein menschliches Wort ist. Und doch spiegelt sich in den Wörtern, in der Literatur und in den gelungenen Gedichten das Licht, die Sehnsucht, das, was wir eigentlich suchen, wenn wir dem geliebten Menschen in die Augen sehen. Oder zwischen seinen Zeilen lesen.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Diese Sehnsucht nach dem Metaphysischen – ich persönlich glaube, dass sie nur im Zusammenspiel und in der Verantwortung zwischen Menschen füreinander entsteht – sie ist vor-moralisch und (natürlich) vor-katholisch. Auch keine einsame metaphysische Naturerfahrung. Eine zwischenmenschliche Atmosphäre, die den anderen unendlich achtet, weil der andere unendlich anders ist als ich selbst – ein Ideal, das wahrscheinlich nur in Gedanken erreichbar ist. Der Moment der Nähe kann metaphysisch sein, dieser eine kleine Moment des Angenommenseins in der Andersheit, bevor wir wieder in Verstand, Gewissen und Moral versinken. Ein kleiner Morgengruß von Emmanuel Lévinas und Danke für die Anregung, lg

    1. Vielen Dank für Deine Gedanken und für den Hinweis auf Lévinas. Was du schreibst erinnert mich auch an Bubers „Philosophie der Begegnung“ bzw. der Gedanke des Dialogs.

  2. „sondern es ist die Beschreibung dieser Sehnsucht, dieser Verwechslung, die die Menschen überfällt, wenn sie eigentlich auf der Suche nach dem Licht sind.“ – finde ich sehr schön.

  3. Was für Klassiker, Samuel, David und Bathseba. Das „Hinzutretende“ spricht mich an, und ich möchte es bei Walter Benjamin nachsehen.
    Als „Hinzutretendes“ im Falle einer Liebesgeschichte würde ich dazu den „vor-katholischen“ Platon einbringen. Im „Symposion“ ist es der Eros, den die Freunde im Gespräch preisen und über den Sokrates von Diotima aus Mantinea lernte. Wie im Beitrag geschildert, mag Eros sich zuweilen zurückhalten oder hinzutreten.
    Leonard Cohen und sein Song sind wohl schon kanonisch geworden …

    1. Ich empfehle dazu vor allem drei Texte von Benjamin: Das ‚theologisch-politische Fragment‘ (der Name ist nicht von Benjamin), ‚Kapitalismus als Religion‘ und die Geschichtsthesen. Die Sekundärliteratur ist beinahe uferlos, aber hier könnte man die Einführung von Sven Kramer und das Benjamin-Handbuch aus dem Metzler-Verlag nennen, um weiterzugraben.

      Vielen Dank auch für den Hinweis auf Platon. Und ich finde auch, dass Cohens Lied kanonisch geworden ist und, um ehrlich zu sein, eine Interpretation des Liedes, die ich vorher noch nicht gehört hatte, brachte mich auf die oben ausgeführten Gedanken, ausgehend von dem fehlenden Vers.

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