Wenn Leute von Anarchismus reden, dann meistens in zwei unterschiedlichen Bedeutungen. Die einen legen Wert darauf, dass sie den Begriff mit Bedeutungen füllen, die mit dem landläufigen Missverständnis der Regel- und Gesetzlosigkeit nicht viel zu tun haben, sondern sie mit dem Begriff die ursprüngliche Bedeutung von der Liebe zur und dem Streben nach Freiheit für jeden Menschen stark machen wollen und dies als ein Maß nehmen, um an gesellschaftliche Phänomene heranzugehen. Die anderen legen meist Wert auf die Uminterpretation oder Festlegung des Begriffs in die Nähe des politisch und moralisch Illegitimen. In ersterem Fall ist der Begriff also eine politische Analysekategorie für die Wirklichkeit, im letzteren ein Kampfbegriff der politischen Propaganda.

Gibt es in dieser Polarität so etwas wie Zwischentöne? Eigentlich ist ja klar, dass die Welt weder schwarz noch weiß ist, sondern vielmehr aus allerlei bunten Zwischenstufen besteht. Will heißen: Eine Bipolarität ist meistens eine allzu arge Verkürzung. Ein solcher Zwischenton könnte zum Beispiel lauten: Der Anarchismus, verstanden als radikale Forderung von Freiheit für jeden Menschen, ist eine politische Position, der im gesellschaftlichen Kräftespiel eine Rolle spielt (ob man das will oder nicht), aber eben eine Position von mehreren ist (ob man das will oder nicht). Und dass der Anarchismus sehr vieles mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat, das macht dieses Buch von James C. Scott mehr als deutlich.

Das fängt etwa schon damit an, dass jede Menge Miniaturen zur Sprache kommen, die deutlich machen, wie das Gegenteil von Regellosigkeit, nämlich eine zentralistische Planung von Allem und Jedem, völlig an unserer Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Da ist zum Beispiel der Hinweis auf eine Streikform der Pariser Taxifahrer: Sie besteht darin, dass die Taxifahrer sich an alle Verkehrsregeln buchstabengetreu halten, Dienst nach Vorschrift sozusagen. Damit bringen sie den Verkehr in Paris zum Erliegen, da in der Realität, „auf der Straße“, jeden Tag tausend kleiner Anpassungen und flexible Reaktionen notwendig sind, um den Verkehrsfluss nicht ins Stocken zu bringen. Und diese sind schlicht nicht in normative Regeln zu packen. Oder, auch originell, der Hinweis, dass ein Universitätscampus eine neu angelegte Grünfläche nicht mit Wegen versehen hatte, sondern man zunächst schaute, welche Wege sich im Alltag bewährten und erst einige Zeit lang tausende von Fußgängern sichtbare Pfade einliefen, die dann gepflastert wurden. Wenn man sich diese beiden Miniaturen vor Augen hält, wird klar, wie komplex der Begriff des Anarchismus eigentlich ist und wie wenig oftmals das Verständnis eines politischen Kampfbegriffes mit ihm zu tun hat.

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Foto: Wolfgang Schnier

Der Blickwinkel des Buches eröffnet überraschende Perspektiven. Scott nennt die einzelnen Kapitel „Fragmente“, es sind kurze Schlaglichter und messerscharfe Beobachtungen unseres Alltags, die es ihm ermöglichen, eine bestimmte Perspektive einzunehmen. Er geht nämlich der Frage nach, was einem Mehr an Freiheit für den Menschen im Wege steht und an welchen Stellen sich die Menschen aus ihrem Freiheitsdrang heraus immer wieder selbst Autonomie und Freiräume erstritten haben, etwa in dem Arbeiter die Fließbänder sabotieren, um ein menschlicheres Arbeitstempo einzurichten oder wenn Kinder viel lieber in unfertigen und scheinbar chaotischen Baustellen spielen als auf durchgeplanten aber langweiligen Spielplätzen. Mit dieser Perspektive wird auch deutlich, weshalb die Behandlung von Menschen in Pflegeheimen oftmals der in einem Terrorregime gleicht und weshalb Institutionen wie etwa die Schule selten charakterstarke Persönlichkeiten hervorbringen, sondern viel eher eine Untertanen-Mentalität anerziehen, viele Menschen also eher gebrochen als gefestigt dort herauskommen. Dies ist eine wichtige Erkenntnis, denn sie erklärt auch ein stückweit die Krise der westlichen Demokratien zur Zeit: Die kapitalistischen Demokratien sind nicht mehr in der Lage, eine breite Masse an kritischen, charakterstarken, gefestigten und mündigen Bürgern groß zu ziehen, die dem Tagesgeschehen interessiert, aufmerksam und kritisch folgen können. Und das, so Scott, liegt auch an dem Schulsystem: Gerade dadurch, dass nur eine ganz spezifische Form der Intelligenz getestet und gefördert wird, bleiben andere Ressourcen nicht nur ungenutzt, sondern stumpfen geradezu ab und werden unterdrückt. Menschen mit einer herausragenden künstlerischen Intelligenz, einer herausragenden sozialen Intelligenz oder einer herausragenden emotionalen Intelligenz haben in unserem Schulsystem nicht nur deutliche Schwierigkeiten und Nachteile, sondern bleiben oftmals auf der Strecke. Das ist nicht nur eine ungeheure Ressourcenverschwendung (um es einmal so zu formulieren), sondern stempelt viele Menschen in einer ungerechten Art und Weise zu gesellschaftlichen Verlierern, anstatt die Qualitäten und Fähigkeiten individuell zu erkennen und zu fördern. Ein unmenschlicher Leistungsdruck und das Damokles-Schwert, dass man für den Rest des Lebens in eine bestimmte Bahn gedrückt wird, wenn man in dieser kurzen Phase am Beginn des Lebens versagt, sind nicht dazu geeignet, gefestigte Persönlichkeiten hervorzubringen, sondern sie fördern viel eher einen autoritären Charakter und Opportunisten, die sich in dieses System anpassen können. Und es fördert Menschen mit einer analytischen Intelligenz, die eben auch die Welt zu dem gemacht haben, wie sie heute ist.

Zu Beginn erzählt der Anthropologe Scott eine denkwürdige Begebenheit aus seiner Feldforschung. Und zwar aus Neubrandenburg, kurz nach dem Mauerfall. Sie macht zum einen deutlich, wie in dem Buch argumentiert wird, zum anderen ist es ein gutes Beispiel für eine Außenwahrnehmung der deutschen Gesellschaft und Mentalität. Auch wenn dieses Fragment keinesfalls Allgemeingültigkeit beanspruchen kann und auch nicht repräsentativ ist, so ist es aber doch bezeichnend für eine gewisse Mentalität, die mehr oder weniger tief im kollektiven Bewusstsein sitzt.

Scott erzählt also von seinen Erfahrungen in Neubrandenburg, wo er zur Verbesserung seiner Sprachkenntnisse in einer landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft (LPG) einige Wochen unterkam und dort das „Scotts Gesetz der anarchistischen Freiübungen“ ersann. Während seinen Wochen in dieser LPG fuhr er einmal in die Woche in eine nahe gelegene Kleinstadt, um sich und seinen Gastgebern eine Verschnaufpause zu gönnen, denn den Alltag mit jemandem ohne rechte Sprachkenntnisse in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs und persönlichen und beruflichen Neuorientierung kann man nicht als einen reibungslosen Ablauf bezeichnen. Und in dieser Kleinstadt beobachtete Scott, dass jeden Abend die Menschen an einer roten Fußgängerampel stehen blieben, obwohl meilenweit kein Auto zu sehen war:

Die Ampelzeiten waren, wie ich vermute, für den mittäglichen Autoverkehr geschaltet worden und entsprachen nicht dem starken Fußgängerverkehr am Abend. Immer wieder aufs Neue warteten fünfzig oder sechzig Leute geduldig an der Straßenecke darauf, dass die Ampel für sie umsprang: vier, fünf Minuten, vielleicht länger. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Die Landschaft um Neubrandenburg, in der Mecklenburger Tiefebene, ist platt wie ein Pfannkuchen. In welche Richtung man an der Kreuzung auch blickte, man konnte annähernd zwei Kilometer weit die Straße hinabschauen, auf der üblicherweise kein Verkehr herrschte. Nur ganz gelegentlich erreichte ein einzelner kleiner Trabant in langsamer Fahrt und mit qualmendem Auspuff die Kreuzung.

Und so steht man an einer roten Fußgängerampel, was in dieser Situation nicht so wirklich mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar ist. Scott erzählt weiter, wie er manchmal aus dieser Gruppe von Menschen heraus trat und bei Rot die Kreuzung überquerte. Und wieviel Überwindung es ihn kostete und welches Zetern und welchen Palaver er sich aus der Menschenmenge heraus anhören musste (was er vermutlich nicht im Detail verstand). Und in einem fiktiven Gespräch, in dem er in perfektem Deutsch den Ampelmännchen und -frauchen seinen Standpunkt darlegen würde, formuliert er daraufhin seine Vorstellung von den anarchistischen Freiübungen:

Tja, Sie und vor allem Ihre Großeltern hätten mehr Widerspruchsgeist gegen die Ordnung der Gesetze brauchen können. Eines Tages wird man Sie auffordern, im Namen von Gerechtigkeit und Vernunft ein schwerwiegendes Gesetz zu brechen. Alles wird von Ihnen abhängen. Wie wollen Sie sich auf diesen großen Tag vorbereiten, an dem es darauf ankommt? Sie müssen ‚in Form‘ bleiben, damit Sie bereit sind, wenn der große Tag kommt. Was Sie brauchen, sind ‚anarchistische Freiübungen‘. Sie sollten so gut wie jeden Tag gegen irgendein belangloses unsinniges Gesetz verstoßen, und wenn es sich nur darum handelt, bei Rot über die Straße zu gehen. Gebrauchen Sie Ihren Kopf, um zu beurteilen, ob ein Gesetz gerecht oder vernünftig ist. Auf diese Weise bleiben Sie fit; und wenn der große Tag kommt, werden Sie bereit sein.

Zwei Dinge werden dabei deutlich: Erstens beinhaltet die moderne demokratische Theorie einen Moment des Rückfalls in einen Zustand, in dem die Grundlagen einer demokratischen Ordnung wieder hergestellt werden müssen. Im philosophischen Diskurs der Moderne wurde dies oftmals unter dem Begriff des ‚Naturzustandes‘ diskutiert, und das Grundgesetz in Deutschland hat den so genannten Widerstandsparagraphen, in dem das Recht zum Widerstand festgehalten wird für den Fall, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung abgeschafft werden soll. Von dieser Perspektive aus gesehen hat also diese ‚anarchistische Freiübung‘ etwas zutiefst Demokratisches, und so ist es übrigens auch kein Wunder, dass die spanische Republik im Spanischen Bürgerkrieg vornehmlich von Anarchisten verteidigt wurde. Zweitens wird auch deutlich, dass es nicht ohne den gesunden Menschenverstand geht, man sich diesen also nicht sparen kann, und das in mehrfacher Hinsicht: Man braucht den gesunden Menschenverstand beim Brechen des Gesetzes um etwa zu entscheiden, welche Vorschrift in welcher Situation belanglos ist, und man braucht den gesunden Menschenverstand um zu verstehen, dass es zum Beispiel eine schlechte Idee ist, bei Rot über die Ampel zu gehen, wenn Kinder zuschauen und sich dies zum Vorbild nehmen könnten (und in ihrem Urteilsvermögen noch nicht gefestigt genug sind,  um souveräne Entscheidungen zu treffen). Übrigens, und das nur nebenbei, ich habe ja den Verdacht, dass hinter jeder Regelpedanterie und Gesetzesfetischismus der heimliche Wunsch steht, den gesunden Menschenverstand obsolet werden zu lassen, weil er eben oft zu Ergebnissen kommt, die nicht nur schwer in Regeln oder Vorschriften gebannt werden können, sondern diesen oftmals widerspricht.

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Foto: Wolfgang Schnier

Wer hier also eine kohärente politische Theorie erwartet, der wird zu seiner Freude enttäuscht werden. In den Fragmenten geht es vielmehr darum, mit Hilfe eines neuen und ungewohnten Blickwinkels neue Erkenntnisse und innovative Herangehensweisen aufzuzeigen, die wir sonst in unserem Alltag viel zu häufig unter starren Vorschriften, überkommenen Traditionen und unhinterfragten Denkgewohnheiten begraben. Dabei geht es viel eher darum, die starren Grenzen des eigenen Denkens zu erweitern und uns mit ein paar gedanklichen Dehnübungen in die Lage zu versetzen, unabhängig von Institutionen, Traditionen oder Vorschriften dem eigenen gesunden Menschenverstand wieder mehr zu vertrauen und mehr zuzutrauen. Wenn man dies heutzutage ‚Anarchismus‘ nennen mag — bitteschön. Die Ironie dabei ist wohl, dass diejenigen, die am meisten davon profitieren würden, am ehesten von dem Begriff abgeschreckt werden.


James C. Scott: Applaus dem Anarchismus. Über Autonomie, Würde, gute Arbeit und Spiel. Aus dem Englischen von Werner Petermann. Wuppertal 2014 (Edition Trickster im Peter Hammer Verlag), 176 Seiten, 24,- €
ISBN: 9783779504894

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese Empfehlung. Die Welt würde sicher anders aussehen, wenn es mehr Anarchismus gäbe. Der Begriff ist zu Unrecht in Verruf geraten bzw. wird manchmal von bestimmten politischen Strömungen auch missbraucht. Ich wollte mich schon länger mal damit ausführlicher beschäftigen und jetzt scheint es das passende Buch dafür zu geben.

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