Bücher haben ja bekanntlich den Vorteil, dass sie über Ereignisse viel ausführlicher nachdenken können als ein Zeitungsartikel oder der Newsfetzen in den Radionachrichten. Sie haben allerdings den Nachteil, dass sie manchmal etwas hinterher hängen und eben einmal tagesaktuelle Entwicklungen nicht so recht einfangen können. Meistens ist das kein wirklicher Nachteil, weil Bücher selbst nicht den Anspruch haben, auf tagesaktuelle Ereignisse reagieren zu müssen (eben auch, weil sie es nicht in der gleichen Form können wie andere Medien). Bei einem Buch über den islamistischen Terror in unserer Zeit, vor allem aus dem Blickwinkel der französischen Gesellschaft, fällt aber auf — beunruhigend und verstörend zugleich –, dass Gila Lustigers Buch geschrieben wurde, als die aktuellsten Terroranschläge noch gar nicht stattgefunden hatten und sie somit nicht mehr in die Reflexion einbezogen werden konnten. Das kann aber auch sein ‚Gutes‘ haben — beunruhigend und verstörend zugleich –, man kann nämlich die Thesen mit der Wirklichkeit überprüfen und feststellen, ob die Analysen zutreffend ist. Und das ist bei Gila Lustiger der Fall.

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Foto: Wolfgang Schnier

Bei dem Buch wird allerdings auch deutlich, dass Lustiger nicht aus ihrer Haut heraus kann, will heißen, dass man schon viele dieser Dinge, die sie nun explizit ausbuchstabiert hat, bereits implizit in ihrem letzten Roman hat lesen können. Und so kann ich gleich aus meiner Rezension zu ihrem Buch aus dem letzten Jahr zitieren, denn ich weiß nicht, wie (und wieso) ich das auch anders formulieren könnte oder sollte. Aber dazu gleich mehr. Lustiger beschreibt ihre persönliche Verarbeitung und ihr individuelles Nachdenken von den Charlie Hebdo Anschlägen (ja, das ist auch schon wieder fast zwei Jahre oder drei oder vier weitere Terroranschläge in Europa her) und dem Anschlag aufs Bataclan im November 2015. Dies ist eine interessante Herangehensweise, weil sie dadurch die Perspektive für den Leser Stück für Stück erweitert und man ihre Gedanken und Argumente gut nachvollziehen kann. Es ist also keine nüchterne und trockene Analyse, ein Pflichtbuch aus einem soziologischen Seminar, sondern ein Nachdenken aus dem  Zentrum der Ereignisse: Gila Lustiger lebt und arbeitet seit über dreißig Jahren in Paris und kennt die französische Gesellschaft wie kaum sonst jemand. Und ihre Perspektive wird auch an manchen Stellen sehr persönlich: Da liest man etwa über die Leseprobleme ihrer Tochter und wie sie dieses Problem angegangen ist. Allerdings wird dabei auch sofort deutlich, was das mit den Anschlägen zu tun hat, so jedenfalls Lustigers These: Es gibt eine tiefe Spaltung in der französischen Gesellschaft, stärker vermutlich noch als in Deutschland. Und diese Spaltung trennt immer stärker die Menschen voneinander: Hier die Gewinner, dort die Verlierer. Die westlichen Demokratien sind einmal mit dem Versprechen angetreten, ihre Bürger in eine freie und wirtschaftlich bessere Zukunft zu führen. Und schon immer gab es den sozialen Konflikt zwischen den Gewinnern und den Verlierern dieses Glücksversprechens. Und so deutet Lustiger auch die aktuellen Entwicklungen in der französischen Gesellschaft: Hier die Gewinner, die sich die Nachhilfe für ihre Kinder leisten können, und dort die Abgehängten, die Verlierer, die „sozial Schwachen“. Eigentlich sind sie aber die „wirtschaftlich Schwachen“, aber das würde vermutlich den Finger zu sehr in die Wunde legen, daher apostrophiert man sie lieber als Menschen mit einem Defizit im Sozialen. Und so denkt Gila Lustiger zum Beispiel überzeugend darüber nach, wieso bei jedem Aufstand in den Pariser Vororten als erstes die Bibliotheken brennen. Das ist ein verstörendes und beunruhigendes Detail, worüber anscheinend noch niemand so recht nachgedacht hat. Nun, in ihrem Roman Die Schuld der Anderen kam dieser Aspekt bereits zur Sprache, jedenfalls am Rande. Und so schrieb ich in der Rezension letztes Jahr:

Moderne westliche Gesellschaften integrieren durch Gegensätze. Indem die Gesellschaften einen Rahmen bieten, innerhalb dessen die partikularen Gruppen ihre Vorstellungen, Überzeugungen, Religionen oder Tätigkeiten ausleben können, integrieren sie die unterschiedlichen Mitglieder einer Gesellschaft über Differenz, da die Zustimmung zu dem gemeinsamen Rahmen die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist. Diese Basis besteht im Westen seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution aus den Werten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, sowie die Universalität der Menschenrechte mit ihren persönlichen Freiheitsrechten. Diese Überzeugungen sind mit ein Grund für die Attraktivität Europas, allerdings werden diese Werte oft auch als eine Schwäche angesehen. Eine Demokratie mit ihrem oftmals unbequemen Prozess der öffentlichen Meinungsbildung und einer unkontrollierten, freien Presse ist prinzipiell schwieriger zu regieren als ein autokratisches System. Und nicht zuletzt gelten die persönlichen Freiheitsrechte auch für die Menschen, die nicht von ihnen überzeugt sind und ihnen einen Rahmen geben, sie zu bekämpfen. Die immerwährenden Unruhen in den USA zeigen, dass selbst in einer Gesellschaft, die seit 200 Jahren Erfahrung als Einwanderungsgesellschaft hat, der Integrationsprozess ein schwieriges Geschäft ist und Rassismus und soziale Exklusionsmechanismen ebenso zu einer heterogenen Gesellschaft gehören. Prinzipiell ist das ein unabgeschlossener Diskussionsprozess, der schon alleine deshalb nicht zu einem Ende kommt, weil jede Generation wieder von Neuem ihren Platz in der Gesellschaft finden muss. (…)

Die jüdische Community fühlt sich von der Zivilgesellschaft in Frankreich allein gelassen. Das, und nicht nur der steigende Antisemitismus, sind Gründe für die sprunghaft angestiegende Flucht von Juden nach Israel. Dort sind sie vor innergesellschaftlichem Antisemitismus sicher. Aber die Frage geht weiter: Wie geht man mit den Menschen mit Migrationshintergrund um, die nach Deutschland oder Frankreich aus dem Makreb, Südeuropa, der Türkei oder dem Mittleren Osten eingewandert sind? Die Probleme in Deutschland und Frankreich sind nahezu die selben: Die Kinder von Einwandererfamilien haben von kleinauf gesehen, wie ihre Eltern sich von morgens bis abends abgemüht haben, um sich als Teil der Gesellschaft zu integrieren, um aufgenommen und akzeptiert zu werden. Aber das Aufstiegsversprechen war ein trügerisches: Die vertikale Mobilität, der soziale Aufstieg, blieb ein Versprechen, das in den meisten Fällen nicht eingelöst wurde. Stattdessen sind selbst die Kinder, die in Deutschland oder Frankreich geboren wurden, Rassismus und Ausgrenzung ausgesetzt, als seien sie Fremde. Manche — nicht alle! — treibt das in eine Radikalisierung eines Do-it-yourself-Islams, den sie sich als krassen Gegenentwurf der befriedeten westlichen Gesellschaften zusammenreimen. Muslime selbst nun können aufgeklärt sein, aber der Islam ist es nicht. Damit hat er eine offene Flanke gegenüber dem Extremismus, der in seinem Namen mordet. Und in der Tat: In den Nachwehen zu den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren die meisten Islamverbände in Deutschland wie in Frankreich sehr defensiv mit dem Thema umgegangen. Ein explizites Bekenntnis der Islamverbände zu der Universalität der Menschenrechte und den individuellen Freiheitsrechten, das heißt auch Religionsfreiheit verstanden als Freiheit von Religion, steht nach wie vor aus. Genau das ist eine emanzipatorische Kritik am Islam, die mit der Fremdenfeindlichkeit der Abkürzungsnazis nichts zu tun hat: Es fehlt schlicht ein offenes Bekenntnis aus innerer Überzeugung zur Aufklärung, zu den Ergebnissen der Französischen Revolution, zur Universalität der Menschenrechte, zu den individuellen Freiheitsrechten, zur Religionsfreiheit. Damit aber steht der Verdacht im Raum, dass die gemeinsame Basis, über die unsere Gesellschaften integrieren, in Frage gestellt wird.

Das findet sich nun mehr oder weniger ausbuchstabiert in diesem Buch. Und das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt, den Lustiger da stark macht. Allerdings gibt es auch Stimmen, die betonen, dass man den islamistischen Terror nicht verharmlosen solle, indem man aus ihm das herauskürzt, um was es ihm eigentlich geht, nämlich einen Terror im Namen des Islam. Wenn man Menschen nicht ernst nimmt, was sie tun und sagen, dann finde ich es schwierig, darauf Analysen zu bauen, die dann von dem Kern dessen absehen, was diese Menschen eben tun und sagen. Will heißen: Schon lange gibt es Stimmen wie die von Mina Ahadi oder von Ayaan Hirsi Ali, oder von Hamed Abdel-Samad und Ahmad Mansour, die eine aufgeklärte und emanzipatorische Kritik aus der islamischen Gesellschaft heraus formulieren und die sich deutlich Gehör verschaffen. Es sind diese Dissidenten, denen wir zuhören müssen, wenn wir etwas über die aktuellen Entwicklungen in unseren eigenen Gesellschaften erfahren möchten. Und mitreden möchten.

Nun, Lustiger verharmlost nicht den Anteil des Islams an dem Terror in seinem Namen, sondern im Gegenteil, sie hat den passenden Begriff parat: Was wir da erleben, das ist eine neue Spielart des Faschismus. Hat der etwa auch was mit Deutschland zu tun? Bevor jemand womöglich und ungerechtfertigt zusammenzuckt: Auf den letzten Seiten schlägt Lustiger den Bogen zu der Situation in Deutschland, zur Silvesternacht 2015/2016 in Köln. Und sie schreibt es aus ihrer jüdischen Perspektive, die sich auch immer bewusst bleibt, dass sie, die jüdische Perspektive, immer schon von Ressentiments, Vorurteilen und mörderischer Ausgrenzung betroffen gewesen ist. Wenn nun also in der Silvesternacht Jagd auf Frauen gemacht wurde, dann macht es keinen Sinn, das isoliert zu betrachten:

Die Juden erhielten hier [in Frankreich] 1791 den Status eines Bürgers. Sie wurden Citoyen und gaben im Gegenzug ihren Status als Gemeinde auf. Die Juden sind hier so französisch wie die deutschen Frauen deutsch sind. Was ich damit sagen will? Die bürgerliche Aufklärung ist dann gescheitert, wenn denjenigen das Recht auf Gleichheit verwehrt wird, die, aus welchen Gründen auch immer, als Außenseiter erachtet werden. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das gilt nicht nur für Männer, sondern für Männer und Frauen, nicht nur für Christen, sondern für Christen, Juden und Muslime, nicht nur für Heterosexuelle, sondern für Heteros, Homos, Lesben, Trans und Queer, nicht nur für die ‚Normalen‘. Dort wo man Frauen, Juden, Schwule, Journalisten, Zeichner, Lehrer, Bibliothekare, Flüchtlinge und Muslime angreift, sollten wir uns nicht nur für die Gleichberechtigung der Frauen starkmachen, nicht nur für Religions- und Pressefreiheit, nicht nur für die Kultur und das Recht zu lieben, wen wir wollen, sondern auch und vor allen Dingen für unsere Grundgesetze. Es geht jedes einzelne Mal ums Ganze. Es muss ums Ganze gehen, selbst dann, wenn einer Frau ’nur‘ unter den Rock gegriffen wird.

Nachdem der Terror einmal von der radikalen Linken ausging, etwa von den Anarchisten des 19. (1,2) oder den Antisemiten um die RAF und „Revolutionären Zellen“ im 20. Jahrhundert (1,2,3,4), ist er heute Gegenstand rechter und faschistoider Gruppierungen. Dass das rechtsextreme Weltbild eine Wesensverwandtschaft mit den Islamisten hat, habe ich bereits hier kurz angeführt. Mittlerweile ist auch deutlich, dass sich diese beiden Gruppierungen der gleichen Mittel bedienen: Nämlich Terror. Und das wird unsere Gesellschaft verändern, und das hat vermutlich schon begonnen. Umso dringlicher nimmt sich da der Blick nach Frankreich aus, wo die demokratische Zivilgesellschaft leidvolle und vor allem längere Erfahrungen mit den rechtsextremen Populisten haben — und mit dem Terror. Von Frankreich kann man daher viel lernen, vor allem auch, wie man es besser machen könnte — eben weil die französische Gesellschaft in manchen Entwicklungen schon beinahe Jahrzehnte voraus ist. Und einen solchen Ansatz kann man bei Lustiger finden. Alleine deswegen lohnt sich die Lektüre dieses Buches.

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Französisches Exportgut (Foto: Wolfgang Schnier)

Denn Lustiger erklärt auch souverän die wichtigen Aspekte aus den ökonomischen Zusammenhängen unserer modernen postdemokratischen Konsumgesellschaft, die den Feind sozusagen im eigenen Land in den letzten 30 Jahren herangezüchtet hat. Und, das wäre nun ein Einwand, den man vorbringen könnte: Vermutlich hat Lustiger noch die Debatten um Houellebecq deutlicher im Ohr als wir hier in Deutschland, falls diese überhaupt schon vollständig abgeklungen sind in Frankreich (eine exzellente Rezension zu Houellebecq erschien übrigens in der New York Review of Books. Allerdings ist der Artikel hinter einer Paywall verschwunden, es gibt jedoch noch einige full quotes im Netz). Daher muss man vermutlich Lustigers Standpunkt auch im Kontext mit den Debatten sehen, die sie in Frankreich hautnah miterlebt. Das ist dann etwas schwierig, wenn sie aus ihrer Pariser Perspektive heraus einen Diskussionsbeitrag auf Deutsch vorlegt, bei dem implizite Bezugnahmen auf eine französische Debatte im Subtext eine Rolle spielen. Das allerdings kann auch ein Vorteil sein: Wem die Debatte um Houellebecq völlig einseitig und eindimensional verlief und wer, wenn nicht eine dezidierte Gegenposition, so doch eine ernsthafte zweite Meinung, eine andere Perspektive vermisst hat, der wird Gila Lustiger dankbar sein. Und das funktioniert auch umgekehrt: Wer bisher nichts von den Debatten bei unseren Nachbarn in Frankreich mitbekommen hat, der erhält hier einen exklusiven und fundierten ersten Zugang.


Gila Lustiger: Erschütterung. Über den Terror. Berlin Verlag 2016, 160 Seiten, 16,- €
ISBN: 9783827013323

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis, die Besprechung und Kommentierung. Die Entwicklungen in Frankreich sind schwierig, die beschriebenen Ereignisse dort waren entsetzlich. Gibt es gute Beispiele, wer und wie hilft, in Frankreich anzukommen, sich einzufinden, die Sprache zu lernen und miteinander gut auszukommen?

    1. Lustiger gibt in ihrem Buch verschiedene Perspektiven zur Hand, praktische Hinweise, wie etwa von einem Imam und Rabbi, die durch die Vororte ziehen und zeigen, dass man trotz Glaubensunterschiede befreundet sein kann. Hart geht sie mit der französischen Elite ins Gericht, die abgeschottet eben jenen den Zugang verweigert, die da in den Vororten ein tristes Leben fristen müssen. Und das ungeachtet von Begabung oder Talent. Das ist der eigentliche Skandal und auch der Grund, den sie hauptsächlich für die vertrackte Situation in Frankreich verantwortlich macht. Letzlich führt sie Hannah Arendt als Gewährsfrau für eine politische Theorie an, die sie attraktiv findet; allerdings kursorisch und auf schillernde Details verhaftet. Trotzdem halte ich ihr Buch als einen der wichtigeren Diskussionsbeiträge, weil sie letztlich in Frankreich lebend doch eine Außenperspektive einnimmt und, man könnte an Luhmann denken, eine sehr gute Beobachterin zweiter Ordnung ist.

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