Die USA sind in aller Munde, die ganze Welt interessiert sich in dieser Zeit des Jahres sehr für die demokratischen Gepflogenheiten der letzten verbliebenden Supermacht auf diesem Planeten. Und so könnte man auf die Idee kommen, das ganze Spektakel sich aus der Nähe anzusehen, vielleicht noch Thanksgiving mitnehmen — oder gleich dort studieren. Gut, das akademische Jahr hat längst begonnen, aber für die nächsten Runden sitzt man schon in den Startlöchern. Wie sich also am besten auf die Reise vorbereiten? Natürlich mit einem Buch. Und zwar mit diesem hier: Fettnäpchenführer USA.

Die Sache ist relativ einfach: Wenn man für einen kurzen Zeitraum in ein fremdes Land geht, dann hat man einen Tourismus-Bonus, im Guten wie im Schlechten: Das Gute ist, dass alle Fauxpas und Fettnäpchen, in die man tritt, mit dem Hinweis auf das Touristen-Dasein entschuldigt werden können. Das Schlechte ist, dass man für gewöhnlich nicht sehr tief in die andere Kultur einsteigt. Das liegt an beidem, an der kurzen Zeit und an dem Touristen-Bonus. Ambitionierter stellt sich der Fall dar, wenn man trotz Touristen-Dasein etwas tiefer als die Oberfläche in eine andere Kultur einsteigen möchte. Und dann braucht man einen Angriffspunkt, eine Spur, mit der man Ideen bekommen kann, worüber man eigentlich mit den Eingeborenen reden könnte und welche Fallstricke man auf dem Weg dorthin umgehen sollte. Und so könnte dieses Buch nicht nur für den Austauschstudenten etwas sein, sondern auch für alle, die einfach ein Interesse an den USA haben. Und dafür ist ja jetzt auch wieder die richtige Jahreszeit dafür: Halloween, Thankgsgiving, und die Wahlen laden zu einem Blick über den großen Teich ein. Taugt das Buch vielleicht also auch für USA-Interessierte, die mal kurz mit einem Buch über den Ozean reisen möchten?

Man könnte jetzt an Sexualkundeunterricht in der Schule denken, noch bevor es richtig zur Sache gegangen ist in den Jugendzimmern. So ungefähr stellt sich das Verhältnis zwischen dem vermittelten Wissen aus diesem Buch und der Realität drüben dar. Aber auch irgendwie wieder nicht, denn in dem Buch werden Situationen beschrieben, die man zwar als typisch bezeichnen könnte, die man aber nicht so ohne Weiteres erleben wird. Was sind das für Situationen? Nun, man wird wohl kaum ein Eis bestellen mit den Worten „I have chocolate balls.“ Auch wenn man nicht gerade geübt in der englischen Sprache ist, kann ich mir kaum diesen Satz vorstellen. Aber gut, es mag ja doch Vieles möglich sein. Aber auch wenn mir das Beispiel etwas konstruiert vorkommt, so ist doch das eigentlich Interessante, wie die wahrscheinliche Reaktion des Eisverkäufers sein wird (und somit stellvertretend für die Dienstleistungsbranche), und wie man diese Reaktion aus der Mentalität heraus erklären könnte. Und darum geht es ja, weil man früher oder später eben an sprachliche Grenzen stoßen wird, egal wie viele Semester Anglistik man auf dem Buckel hat (und sei es nur, dass man einen Ausdruck für allgemein bekannt hält, es sich dabei aber bloß um einen regionalen Begriff handelt. Oder um etwas, was man im Internet witzig gefunden hat).  Da ist es dann gut zu wissen, was ungefähr auf einen zukommt.

Nun, das erst einmal zu der Frage, welche Beispiele man in dem Buch so findet. Der Aufbau ist auch ganz nett, denn es wird eine Rahmengeschichte drumherum erzählt. Das scheint übrigens bei anderen Büchern dieser Reihe ebenfalls so zu sein. Die Geschichte wirkt aber auch etwas an den Haaren herbei gezogen, aber gut, sie funktioniert für den Zweck: Der Erzähler findet auf einem Flughafen ein Tagebuch eines Touristenpärchens, die jedes, aber auch wirklich jedes erdenkliche und nicht erdenkliche Fettnäpchen bei ihrem USA-Aufenthalt mitgenommen haben. Und damit es dem Leser besser geht, kommentiert der kundige Erzähler dieses Fettnäpchen-Tagebuch. Das ist jetzt nicht besonders originell, aber es hilft ganz gut, in einer flüssigen Sprache die möglichen Untiefen unterhaltsam zu erzählen. Und davon gibt es einige.

Foto: Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Etwas zu kurz kommt ein Aspekt, den ich hier noch ansprechen möchte. Man sollte sich auf jeden Fall auf einen culture shock vorbereiten. Auch, ja, und gerade, wenn es um die USA geht. Der Kulturschock ist eine anerkannte psychologische Störung, die sich bis zum Stendhal-Syndrom steigern kann. Ein normaler culture shock dauert so im Mittel zwei bis drei Wochen, kann in Ausnahmefällen aber bis zu einem halben Jahr lang dauern. Wer so lange mit einem culture shock zu kämpfen hat, der sollte sich dann bei der Rückkehr auf den reverse culture shock gefasst machen. Dabei geht es, kurz gefasst, um ein Gefühl des Überwältigt-Seins, es wird einem schwindlig eine andere Kultur derart hautnah zu erfahren und in sie einzutauchen — und zwar gerade nicht als ein Tourist, sondern als aktiver Teilnehmer. Symptome sind etwa eine totale Überidentifikation mit der fremden Kultur, einer Überidealisierung der Eingeborenen und schockartiges Verliebtsein in jemanden, der oder die besonders typisch in diese phantasierte Überidealisierung hinein passt. Behandelt werden muss der culture shock nur in Extremfällen, wie beim Stendhal-Syndrom, was aber meist darin besteht, dem Betroffenen genügend Zeit zur Verarbeitung zu geben und die Reizüberflutung zu reduzieren. Es hilft schon sehr, wenn man über den culture shock Bescheid weiß und nicht rätseln muss, was da im Moment mit einem los ist. Ich erwähne das hier so ausführlich, da ich Deutsche, die für längere Zeit in die USA reisen, sehr anfällig für den culture shock halte. Das liegt daran, dass man in Deutschland das Gefühl hat, ein sehr genauer Kenner der amerikanischen Kultur zu sein, etwa weil man jeden Hollywoodfilm der letzten Jahre gesehen hat, ein Serienjunkie ist oder ein aufmerksamer Hörer der Popmusik. Oder alles zusammen. Dass man eigentlich sehr viel weniger weiß, als man denkt, wird einem schlagartig klar, wenn man sich einmal vor Augen hält, was man von amerikanischer Innenpolitik denn weiß und sein Alltagswissen über die deutsche Innenpolitik in all ihren Facetten dagegen hält. Ein gewaltiger Unterschied, nicht wahr? Und das ist nun lediglich ein weiteres Feld, das für die meisten Menschen in einer unterschiedlichen Intensität eine Relevanz in ihrem Leben hat. Wenn man sich dann noch überlegt, dass es ebenso regionale Bräuche, lokale Gepflogenheiten und eine unterschiedliche Mentalität gibt, je nachdem von welchem Landesteil man spricht, so sollte deutlich werden, dass unser Amerikabild, das wir durch die Popkultur vermittelt bekommen, nicht nur löchrig ist, sondern in manchen Aspekten uns geradezu in falsche Sicherheit wiegt: Denn wer ausgehend vom Oktoberfest in München oder der Lindenstraße auf „die deutsche Kultur“ schließen möchte, der, nun, der hat eben ein ebenso eingeschränktes Bild vor Augen. Anders gesagt: Das popkulturelle Bild ist ein Zerrbild, eine Karikatur, von dem man schwerlich auf die Realität schließen kann. Und so hilft dieses Buch, diese Vor-Urteile aufzubrechen und zu relativieren.

Das Buch erscheint alle paar Jahre in einer neuen Auflage und reagiert somit auf aktuelle Entwicklungen, sodass ältere Ausgaben womöglich nicht immer empfehlenswert sind für eine aktuell bevorstehende Reise (auch wenn sie sehr günstig zu bekommen sind). Übrigens: Wer einmal den umgekehrten Weg gehen möchte, und die deutsche Kultur aus einem amerikanischen Blickwinkel betrachten möchte, dem würde ich das Buch Xenophobe’s Guide to the Germans empfehlen. Darin finden sich sehr tiefgehende kulturanthropologische Beobachtungen über die deutsche Kultur und Mentalität, die einem Eingeborenen hierzulande nicht unbedingt direkt zugänglich sind.

Foto: Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Kai Blum: Fettnäpchenführer USA. Mittendurch und Drumherum. 7. Auflage 2015, 256 Seiten, 10,95 €
ISBN: 9783943176162

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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11 Kommentare

  1. Das maile ich meinem Bruder, der im August mit Familie für zunächst drei Jahre in die USA gezogen ist. Wie die ersten Skype-Kontakte zu Nichte und Neffe (10 + 12 Jahre alt) zeigen: Die Kinder passen sich relativ schnell an, auch durch die Kontakte in der Schule. Bei meinem Bruder sitzt der Kulturschock tief – Kleinigkeiten im Alltag, aber auch das Miterleben der heißen Phase im Präsidentschaftswahlkampf.

    1. Schönen Gruß an den Bruder! In dem Falle würde ich den Xenophobe’s Guide to the Germans ebenfalls dringend empfehlen, weil darin klarer wird, wo es auf ‚unserer‘ Seite knirscht und stockt. Wenn man sich bewusst wird, was man selbst an kultureller ‚Vorbelastung‘ mitbringt, dann fällt es auch einfacher damit umzugehen.

      1. Wenn es noch einen Xenophobie-Führer für Germans, especially für Schwaben gäbe, wäre das noch perfekter – da bist Du als Einwanderer doppelt vorgeprägt 🙂

  2. Ich gehöre ja auch eher zu den Typen, die sich erstmal alles am liebsten erlesen, aber ich glaube, kein Buch kann einen wirklich auf den Kulturschock vorbereiten und das ist auch gut so. Sonst könnte man sich ja das Reisen oder einen längeren Auslandsaufenthalt sparen 😉

    1. Ich finde jetzt nicht, dass der Kulturschock das einzige ist, auf das man sich bei einem längeren Auslandsaufenthalt freuen kann. 😉 Aber Du hast Recht, es ist ein sehr wichtiger Teil, der einem, wenn man aufmerksam in sich hineinhört, sehr viel über sich selbst sagt. Man lernt sich in einer ganz neuen Art und Weise kennen.

      1. Ja, das stimmt. Es sollte nicht das Einzige sein. Aber wie Du ja auch sagst, ein Kulturschock ist etwas sehr Individuelles. Das merke ich auch immer wieder in der deutschen Community hier in England. Jeder trägt sein individuelles Gepäck aus Erfahrungen, Erwartungen und auch Vorurteilen mit sich herum, manche stellen sich flexibler auf die neue Umgebung ein als andere, was die einen als Problem betrachten, sehen andere als spannende Herausforderung. Es macht natürlich auch trotzdem Spaß, über die Erfahrungen anderer zu lesen, insbesondere, wenn man vor einem längeren Auslandsaufenthalt steht. Denn Vorbereitung und die persönliche Erwartungshaltung sind ganz wesentliche Einflussfaktoren für die Erfahrungen, die man am Ende macht. Herzliche Grüße aus London, Peggy

      2. Da hast Du vollkommen Recht! Vielen Dank für Deinen Eindruck aus England. Meine Zeit in Cambridge habe ich in guter Erinnerung, aber ich konnte mich – zum Beispiel – nie an den Linksverkehr gewöhnen. Noch fremdartiger war, dass dort Warnungen auf den Straßenkreuzungen geschrieben standen. Als ob es nicht einfacher gewesen wäre, wenn man einfach auf der richtigen Seite der Straße fahren würde!

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