Ein Ausflug in die amerikanische Literatur gefällig? Nachdem ich mich ein wenig mit dem Kulturschock und einer möglichen USA-Reise beschäftigt habe, möchte ich im  zweiten Teil beim Blick auf die USA ein Buch von Philip Roth vorstellen, das mir besonders gut gefallen hat. Das Besondere an ihm: Es ist ein historischer Roman und erzählt einen Teil der unmittelbaren amerikanischen Vergangenheit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Roman ist daher bestens dazu geeignet, ein Stück weit das amerikanische Lebensgefühl der 1950er Jahre zu vermitteln, genau das Richtige also für einen ersten Blick über den großen Teich vom heimischen Lesesessel aus.

Einer der heißen Kandidaten auf einen Literaturnobelpreis ist seit Jahren der amerikanische Erzähler und große Romancier Philip Roth. Seine Sprache wird oftmals als klar und unscheinbar beschrieben, was aber bestens dazu geeignet ist,  eine genaue Beobachtungsgabe und einen subtilen Unterton miteinander zu verbinden. Und genau das ist ja auch notwendig, um sich in die Erzählungen einzufinden und das Erzählte aufs eigene Gemüt wirken zu lassen.

Philip Roth hat über Jahrzehnte in vielen seiner Büchern einen fiktionalen Charakter entwickelt, der entweder als Erzähler oder als Protagonist auftritt. Man sollte sich also nicht wundern, wenn dieser Charakter, den man als Alter Ego von Roth lesen kann, einem öfters über den Weg läuft. Als Erzähler bekommt dieser Charakter, Nathan Zuckerman, eine seltsame Mischung aus Teilnahme und Teilnahmslosigkeit gegenüber dem erzählten Gegenstand — ich fand diesen Charakterzug stärker ausgeprägt als in anderen Büchern, wo doch meist entweder eine Distanz oder eine  Distanzlosigkeit des Erzählers vorherrscht. Wenn man beim Lesen dieser Spur folgt, dann kommt man vermutlich zu einer interessanten Charakterisierung von Nathan Zuckerman auf einer Metaebene.

Innerhalb dieser Zuckerman-Bücher gibt es nun eine Trilogie von historischen Romanen: American Pastoral (1997), I Married a Communist (1998) und The Human Stain (2000). Sie decken eine Zeitspanne zwischen den Sixties und den 1990ern Jahren ab und werfen in einer interessanten Weise Schlaglichter auf die jüngste amerikanische Geschichte. Mir hat dabei I Married a Communist am besten gefallen, da die Zeit der modernen Hexenverfolgungen in der McCarthy-Ära wichtig für das Verständnis des amerikanischen Selbstbewusstseins heute ist.

Foto: Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Das interessante nun an dem Roman ist, dass er hautnah aus der Perspektive von Betroffenen erzählt, und das aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Es ist also keine nüchterne Schau von oben, sondern erzählt direkt aus dem Leben der Menschen heraus. Nun, das ist schon fast eine Binsenweisheit, die man wohl über die meisten historischen Romane sagen kann, aber ich finde es wichtig zu erwähnen, da in anderen Romanen, die in der amerikanischen Kultur spielen, manchmal eine Vogelperspektive oder etwas Oberflächliches mitschwingt. Ein Beispiel dafür ist etwa Joseph Roths Hiob-Roman (zu dem Amerikabild in der deutschsprachigen Literatur wird es noch einen eigenen Beitrag geben). Bei Philip Roth ist man nun mittendrin in der amerikanischen Geschichte, die plastisch vor Augen tritt und greifbar wird.

Die McCarthy-Ära ist wichtig für das Verständnis der heutigen USA, sowohl für das Selbstverständnis als auch für das politische System. Die Ära  zeigt auf der einen Seite die Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung, abstrakter formuliert: Eine Angst vor dem Fremden, vor dem Unbekannten, dem ‚Un-Amerikanischen‘. Dieser Zug sitzt heute noch tief in Teilen der amerikanischen Gesellschaft und taucht in manchen Reflexen der politischen Debatte wieder auf. Man hat in den USA vielfach einen viel positiveren und affirmativen Bezug zum Kapitalismus, und Manöverkritik innerhalb des Systems wird oftmals gelesen als ein Generalangriff. Und genau das ist in der McCarthy-Ära passiert: Man sah in jedem kritischen Intellektuellen einen russischen Spion, in jedem klugen Text ein kommunistisches Pamphlet. Vielleicht kommt aus dieser Zeit das Sprichwort: „Ein kluges Wort, schon ist man Kommunist!“ Dass ein konservativer Politiker wie Ole von Beust mit einem bekennenden Kommunisten wie Hermann Gremliza offen und freundschaftlich diskutiert, das ist beinahe undenkbar in den USA. Auf der anderen Seite zeigte die McCarthy-Ära aber auch, dass die demokratischen Selbstheilungskräfte der amerikanischen Gesellschaft funktionieren. Die Auseinandersetzung mit den Vorgängen und die Aufarbeitung von den von der Hexenverfolgung Betroffenenen halfen in vielen Fällen mit, die amerikanische Gesellschaft zu liberalisieren und zu öffnen. Natürlich muss man das in dem Gesamtkontext der 1960er Jahre sehen, mit Hippie-Bewegung und der Bürgerrechtsbewegung um Malcom X und Martin Luther King, als die kulturelle und zivilgesellschaftliche Aufarbeitung der McCarthy-Ära vorgenommen wurde. Aber vermutlich stimmt die alte Vermutung, dass in den westlichen Demokratien auf eine Phase des rigiden Konservatismus eine liberale Phase folgt, und auf diese liberale Phase wieder eine Generation nach vorne strebt, die versucht, sich davon abzusetzen. Und so weiter. Wenn man also weiß, in welcher ‚Welle‘ man sich gerade befindet, dann ist man schon ein ganzes Stück weiter. Und im Falle der USA fängt man am besten mit der McCarthy-Ära an zu zählen.

Nun, das war jetzt ein Beispiel für die oben erwähnte Vogelperspektive. Das ist nicht die Perspektive des Romans, aber er kann uns dabei helfen, zu dieser Vogelperspektive zu kommen. Am besten gefielen mir übrigens die Figurenkonstellationen: Sie sind dicht und eng miteinander verwoben und sehr schön aufeinander abgestimmt. Wer also einmal mit amerikanischer Literatur beginnen möchte, womöglich mit einem zukünftigen Literaturnobelpreisträger, der wird mit diesem Buch nicht daneben greifen!


Philip Roth: I Married a Communist. Published by Vintage 1999.
ISBN: 0099288672

Philip Roth: Mein Mann, der Kommunist. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag 1999.
ISBN: 3446197850

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Dankeschön, lieber Wolfgang, für diese hochinteressante Buchvorstellung!

    Wiiiie hätte ich mich gefreut, wenn Roth endlich heuer den noblen Preis erhalten hätte!!
    Aber es hat halt einfach nicht sollen sein…

    Mir hat aus dieser historischen Trilogie von Roth der menschliche Makel am besten gefallen, unglaublich faszinierend…

    Hab einen schönen Tag, liebe Herbstgrüße vom Lu

    1. Ja, es wäre wirklich toll gewesen, er wäre bedacht worden dieses Jahr. Aber vermutlich ist das Kontingent an nordamerikanischen Nobelpreisträger nun auf absehbare Zeit ausgeschöpft.

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