In dem berühmt gewordenen Aufsatz zu Nikolaj Leskow unterscheidet Walter Benjamin zwischen zwei Idealtypen des Erzählers: Der eine ist verwurzelt auf seiner Scholle und kann von den längst vergessenen Geheimnissen und Wunder vor Ort erzählen. Der andere ist weit durch die Welt gereist und sammelt die Eindrücke und das Wissen aus fernen Ländern und kann davon berichten, sobald er wieder nach Hause kommt. Mir scheint, beide Idealtypen bedingen einander: Ohne die Reise in die Welt fällt es schwer, das Besondere der eigenen Scholle zu erkennen, und ohne die Geheimnisse zuhause zu kennen fällt es schwer, diejenigen in der weiten Welt wertzuschätzen.

Früher sammelten die fahrenden Handwerksgesellen bei fremden Meistern ihre Erfahrungen, bevor sie sich selbst als Meister in einer Stadt niederließen und ihr Wissen sodann an andere reisende Handwerksburschen weitergaben.

Wenn man das Reisen nicht so sehr schätzt, vielleicht weil es unbequem ist oder die Gedanken zerreißt, in die man gerade verwoben ist, fällt es schwer, sich nicht hinter einem Buch zu verstecken, das von der Ferne berichtet. Vermutlich ist das Reisen aber alternativlos. Wen das Reisefieber nicht packt, der mag sich mitreißen lassen. Man kann dann den umgekehrten Weg gehen: Man liest sein Buch in der Ferne und wenn man dann das Salz der fremden Luft nicht mehr auf der Zunge spürt, hört man doch noch das Meer zwischen den Zeilen rauschen, wenn man längst wieder zuhause angekommen ist.

Den Gedanken, aus denen man herausgerissen wurde, wird ein wenig Rauschen und die frische Brise guttun.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Hmm … es gibt vielleicht noch den dritten Typ: Den des verhinderten Reisenden, der mangels Gelegenheit eher zuhause bleibt – für diesen ist vielleicht sogar Reiseliteratur geschaffen (oder wie geschaffen).

      1. „Die Reise um mein Zimmer“ (siehe hier eine Besprechung: https://phileablog.wordpress.com/2013/12/18/reise-um-mein-zimmer/) trifft es zwar nicht ganz, aber so könnte man sich das vorstellen. Allerdings dachte ich mehr an den verhinderten Leser, der die Reisen der Erzähler ersatzweise für eigene mitvollzieht. So wie ich, immer dann, wenn ich Fernweh hätte, aber keine Zeit oder andere Umstände mich hindern. Augenblicklich lese ich den Atlas eines ängstlichen Mannes von Ransmayr.

      2. Ja, ein verhinderter Reisender findet Trost in den Büchern. So sehr ich das unterstreiche, so muss ich doch sagen, dass man vielleicht doch ab und zu aus seiner Lesehöhle hinaus muss. Nicht immer und schön dosiert, das stimmt.

  2. Danke für diese dialektische Betrachtung. Abzuwägen ist zwischen Fernweh und Heimathafen, wie es die „Träumothek“ tut, von der ich kürzlich schrieb.
    In unserem philosophischen Lesekreis lasen wir gerade in Michel de Montaignes Essay-Ausgabe, „Von der Kunst, das Leben zu lieben“, Übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, Eichborn Verlag Berlin, Frankfurt am Main 2005, das 5. Kapitel: Reisen. Dem ist das Motto vorangestellt: „Ich bin unterwegs, um unterwegs zu sein.“ Darin habe ich mir den Satz angestrichen:
    „Die Einteilung meines Reiseplans läßt sich jederzeit und allerorts ändern. Er gründet auf keinen großen Erwartungen, jede Tagesetappe ist mir Ziel genug (und mit meiner Lebensreise halte ich es genauso). Indes habe ich viele ferne Orte gesehn, an denen ich mir gewünscht hätte, bleiben zu können. …“ (Seite 95)
    Gute Reise und gute Heimkehr!

  3. Ich denke, dass der Vorteil des Reisens ist, dass man seine Blase verlässt. Man wird mit so vielen Dingen konfrontiert, die man von zuhause oder aus Büchern nur erahnen kann. Es macht einfach einen qualitativen Unterschied, ob man nur über andere Orte liest oder sie erlebt. Das ganze funktioniert natürlich auch in die andere Richtung. Herbert Marcuse meinte einmal, dass er das Wichtige an Deutschland, die Kultur, mit in die USA genommen hat. Trotzdem kam er hin und wieder gerne nach Deutschland zurück, um die Natur zu erleben. Da haben ihm die literarischen Beschreibungen nicht gereicht.

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