Gedichten nähert man sich, in dem man sie liest. Gedichten von Celan kommt man näher, wenn man sie wieder und wieder liest. Aber schon beim ersten Lesen der Todesfuge fällt die Form auf. Die Form ist das, was Kunstwerke zu Kunstwerken macht, Kunst ist definiert durch ihre Form. Celans Todesfuge hat weder Satzzeichen, noch ein Reimschema oder ein durchgängiges Versmaß. Das Gedicht ist offen nach so vielen Seiten, aber doch auf sich selbst bezogen: Man erkennt es trotzdem als Gedicht. Wieso? Wegen der poetischen Sprache, den Motiven, den Bildern und der dichten Sprache. Auch diese gehören zur Form. Das Gedicht hat auch die Form einer Fuge: Motive wiederholen sich, steigern sich, bauen aufeinander auf. Andere können das besser erklären als ich, aber man verliert sich dabei leicht in den Details und der Frage, ob denn nun auch wirklich eine Fuge in sprachlicher Form nachgebaut wurde. Das war tatsächlich einige Zeit lang manchen Interpreten sehr wichtig. Dabei übersahen sie aber allzu leicht den Bezug zur Tradition der Fuge in der deutschen Kultur, allen voran Johann Sebastian Bach. Natürlich führte man ihn von Anfang an im Munde und machte sich auf, ihn in dem Fugenschema zu suchen. Aber selten im Meister aus Deutschland. Denn dort steckt er auch drin, mitgemeint mit den anderen Meistern aus Deutschland. Ein weiterer Meister ist Goethe, der in der Margarete steckt, weil das Gretel aus dem Faust ist. Nun, ihnen zur Seite steht fortan ein neuer Meister, und die Verkürzung dieses Fragmentes durch ein Herausreißen hat viel zu oft einem Verständnis der Todesfuge im Wege gestanden.

Schwarz ist die Farbe des Todes, der Nacht, des Endes, schwarz ist die Farbe der Trauer und der Melancholie. Die Milch ist lebensspendend und vor der Postmoderne die erste Nahrung der Kleinkinder gewesen. Und sie ist weiß. „Schwarze Milch“ ist ein Oxymoron und Celans Bild für die unbeschreiblichen Grauen der Konzentrationslager. A propos Bilder: zu der Zeile

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

schrieb Celan an Ingeborg Bachmann am 12.11.1959:

„Du weisst auch — oder vielmehr: Du wusstest es einmal —, was ich in der Todesfuge zu sagen versucht habe. Du weisst — nein, Du wusstest — und so muss ich Dich jetzt daran erinnern —, dass die Todesfuge auch dies für mich ist: eine Grabschrift und ein Grab. Wer über die Todesfuge das schreibt, was dieser Blöcker darüber geschrieben hat, der schändet die Gräber. Auch meine Mutter hat nur dieses Grab.“

Und in einem Brief an Walter Jens schrieb Celan am 19.5.1961: „Das ‚Grab in der Luft‘ — lieber Walter Jens, das ist, in diesem Gedicht, weiß Gott, weder Entlehnung noch Metapher.“

Man muss also vorsichtig sein und nicht zu vorschnell von Metaphern reden wo keine sind. Und zur Schwarzen Milch der Frühe notierte sich Celan in den Vorbereitungen zur Meridian-Rede: „‘Schwarze Milch der Frühe‘: Das ist keine jener Genetivmetaphern, wie (wir sie) von unseren sogenannten Kritikern vorgesetzt bekommen, damit wir nicht mehr zum Gedicht gehen; das ist keine Redefigur und kein Oxymoron mehr, das ist Wirklichkeit.“  Was die Seele erdulden musste, das erfährt sie in tausendfacher Wirklichkeit und Wiederholung.

bw
Denkmal KZ Buchenwald. Foto: Wolfgang Schnier

Es gibt einen einzigen Reim in dem Gedicht und man versteht ihn nur als Teil eines Klimax, und den wiederum versteht man nur, wenn man die Handlung in dem Gedicht erkennt. Dieser Meister aus Deutschland wird in dem Gedicht beschrieben: Er spielt mit den Schlangen und schreibt Liebesbriefe nach Deutschland. Er hetzt die Hunde auf die Juden und er befiehlt das Orchester zum Tanz aufzuspielen. In den Konzentrationslagern  gab es wirklich Orchester, die bei allen Gelegenheiten spielen mussten. Nun, während also dieser Meister seine Hunde auf die Juden hetzt, spielt das Orchester auf — vielleicht eine Fuge. Und während die einen die eigenen Gräber schaufeln, müssen die anderen dazu spielen. Der Meister ruft spielt süßer den Tod und er erfreut sich an der Musik. Und der Meister aus Deutschland spricht mit den Juden über ihren Tod, streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft. Und am Ende, wenn das Grab geschaufelt und der letzte Ton verklingt, schaut das lyrische Du nach oben, und schaut dem Meister ins Gesicht:

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

Wie die Kugel trifft der Reim genau. Der Meister geht zurück ins Haus und denkt an seine Geliebte. Nebenbei hetzt er seine Rüden auf die Juden und schenkt uns ein Grab in der Luft.

Manche wollten dem Gedicht noch Gewalt antun und in den Schlusszeilen eine Versöhnung hineininterpretieren. Das ist falsch. Sulamith aus dem Hohelied Salmons ist verbrannt, ihr Haar ist nur noch Asche. Sie steht pars pro toto für das jüdische Schicksal. Gretel, deutsches Sehnsuchtsideal, hat goldenes Haar und bekommt Liebesbriefe. Der Celan-Biograph John Felstiner schreibt dazu: „Deutsches und jüdisches Ideal werden nicht nebeneinander existieren.“ Der Parallelismus stiftet keine Übereinstimmung, er unterstreicht den Gegensatz.

Infolge der Goll-Affaire kam es zu schweren Angriffen gegenüber Celan. Man hat ihm unter anderem vorgeworfen, er würde den Massenmord in zu schönen Worte fassen, er würde noch Genuss aus dem Leid Anderer pressen. Im Januar 1965 schrieb Reinhard Baumgart noch im Merkur zur Todesfuge: „alles das durchkomponiert in raffinierter Partitur — bewies es nicht schon zuviel Genuß an Kunst, an der durch sie wieder ‚schön‘ gewordenen Verzweiflung?“ Dem widersprach Walter Müller-Seidel noch im gleichen Jahr: „Denen, die Celans Gedicht zu schön finden, darf man antworten, ein Gedicht — auch ein modernes — kann gar nicht schön genug sein, wenn es nur nichts beschönigt.“

Dies soll eine knappe Handreichung sein für einen ersten Zugang zu dem wohl berühmtesten Gedicht der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es entbindet nicht vom eigenen Entdecken, vom eigenen Lesen und wieder Lesen. Celan gab einem Fragenden den Rat, wie seine Gedichte zu verstehen seien: „Lesen Sie! Immerzu nur lesen, das Verständnis kommt von selbst.“ Dieser Rat gilt ganz besonders für Celans Gedichte, aber er ist auch für andere Gedichte gültig. Celan war später mit dem Gedicht übrigens nicht mehr glücklich. Er sprach vom „Metaphergestöber“, das man in das Gedicht hinein zwängen wollte, und in einem Gespräch mit Hugo Hupperts bezeichnete er betrübt, die Todesfuge sei „mittlerweile lesebuchreif gedroschen“. Daher wurde manchmal das Gedicht Engführung als eine Aktualisierung des Themas gelesen, das sich nicht mehr so einfach vereinnahmen ließ.

Die Todesfuge ist in dem Gedichtband Mohn und Gedächtnis erschienen. Heute gibt es eine Ausgabe im Rimbaud-Verlag, die nicht nur den Gedichttext enthält, sondern die Musterinterpretation von Theo Buck sowie allerhand zeitgenössische Dokumente und Kommentare von Schriftstellern und Kritikern.


Paul Celan: Todesfuge. Mit einem Kommentar von Theo Buck. Rimbaud Verlag 1999.
ISBN: 3890867952

Coverfoto: Sunset falls on at Auschwitz II – Birkenau Concentration Camp. Foto: UN Photo/Evan Schneider (CC BY-NC-ND 2.0

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Celans Gedichte mag ich und hätte sie ohne Uni wohl nie kennengelernt. Die Todesfuge habe ich im Unterricht genutzt, um zu zeigen, wie viel Dichtung leisten kann. Und Eden, um die Studenten diskutieren zu lassen, was das Gedicht aussagen will. In dem einen Kurs war einer dann über die Auflösung entsetzt. Er hatte im Master immer noch nicht verstanden, worum es bei Texten geht.
    Es waren fast die einzigen Seminarsitzungen aller Studierenden, in denen sie tatsächlich eng und direkt mit Literatur arbeiteten, in denen jeder etwas beitragen musste und zum Denken gezwungen wurde. Und das in Fachdidaktik …

    1. Der BA ist das neue Reifezeugnis… Aber gut, man sollte nicht zu hart sein, ich kann mich auch noch daran erinnern, wie man mir damals im Grundstudium versuchte vernünftig lesen und schreiben beizubringen.

      Dank meiner engagierten Deutschlehrerin lernte ich Celan schon in der Schule kennen. Aber damals verstand ich noch nicht viel, das kam bei mir auch erst an der Uni.

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