Es gibt eine Eigenschaft von Büchern, die vor allen anderen Eigenschaften hervortritt und die eigentlich nur noch im Theater in einer ähnlichen Art erreicht wird. Ein Buch kann eine gute Unterhaltung sein — aber es kann auch mehr sein. Ein gutes Buch ist eine Erfahrung. Das ist der Unterschied zu anderen Medien und nur von einem gut inszenierten Theaterstück kann man ähnliches sagen. Der Unterschied zu einem guten Film ist, dass ein guter Film eine Erfahrung sein kann, aber nicht unbedingt sein muss. Ein gutes Buch ist ein gutes Buch, gerade weil es eine Erfahrung ist. Anders gesagt: Ein gutes Buch lässt uns nicht so zurück wie es uns vorgefunden hat, es bewegt etwas in uns und verändert uns. Es richtet uns auf, würden die Aufklärer sagen, wenn es solche denn noch geben würde. Nach einem guten Buch sind wir nicht mehr die selben wie zuvor — und das wirft die Frage auf, ob es eine permante Bewegung geben muss, ein ständiges ‚Vorwärts‘? Nun, ja und nein: Es gibt eine gewisse Anzahl an Büchern, die einen großen Einfluss auf uns haben. Diese Anzahl ist begrenzt, weil nicht jedes gute Buch den gleichen Einfluss auf uns haben kann, weil das auch mit unserer Persönlichkeit und unserer Sozialisation zu tun hat. Aber was wichtig ist: Wir wissen nicht, wann uns diese Bücher treffen und müssen offen sein, egal in welchem Lebensabschnitt wir uns befinden. Und vielleicht gibt es diese Bücher, die das Potential haben, einen anderen Menschen aus uns zu machen, in jedem Lebensabschnitt, in jedem Lebensalter. Ein Scrooge beeindruckt mich heute ganz anders als noch zu Kinderzeiten, und so manch anderes Buch gibt mir erst heute seine Geheimnisse preis, die vorher mit sieben Siegeln verschlossen waren.

Und das muss Konsequenzen haben. Wir müssen Bücher die Chance geben, eine Erfahrung zu werden. Und unsere Lebenszeit ist eigentlich zu kurz, um uns mit weniger zufrieden zu geben. Und das muss eigentlich auch Konsequenzen haben, wie wir Bücher sehen und auswählen, die wir zukünftig lesen werden. Wenn wir das ernst nehmen, dann können wir auch nicht ein Buch nach dem anderen lesen und eines betrachten wie das andere. Dann läuft etwas falsch, wie ich meine.

Was sagt das über einen Kanon aus? Nun, das sind die Bücher, die das Potential haben, eine Erfahrung zu sein. Das muss man weit fassen und doch streng sein: Man muss es weit fassen im sprachlichen und kulturellen Verständnis und man muss streng sein in dem Sinne, dass man zugestehen muss, dass nur wenige Bücher dieses Potential haben.

Wer das beurteilen kann — das steht auf einem anderen Blatt. Und letztgültig wird das auch nicht möglich sein, sondern muss permanent neu verhandelt werden.


Coverbild: Dan Smith (CC BY-SA 2.0)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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7 Kommentare

  1. Ich weiß nicht, ob es dafür einen Kanon braucht. Bislang habe ich vor allem die für mich wichtigen Bücher durch Zufälle gefunden. Nicht, weil es eine Empfehlung gab, geschweige denn einen Kanon. Wenn Lesen das Durchdringen von meinen Gedanken und denen der Autor/innen ist, sind Bücher selbst Stationen meines Lebens, das eben nur ich so führe. Meinetwegen Tipps, unbedingt Listen von Lieblingsbüchern (fast nichts, was ich lieber habe), aber nein, eher keinen Kanon.

    1. Es gibt natürlich unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema. Dein Vorschlag ist natürlich ebenso berechtigt wie jede andere Art und Weise auch! Und, ja, ich bekomme meine Bücher meist über Hinweise oder Rezensionen. Ich habe keine Kanonliste, die ich abarbeiten würde. Aber so ein bisschen orientiere ich mich schon an dieser Frage, muss ich sagen…

  2. Pro Kanon! Aber stetig überdenken, überarbeiten und gern auch thematisch/ nach Genre neu diskutieren!
    Einige Literaturwissenschaftsabteilungen (Uni Augsburg bspw.) haben Pflicht-Leselisten für Germanistikstudenten – finde ich sehr wichtig.
    Liebe Grüße

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