Man könnte ja das Thema ‚Amerikabild in der deutschen Literatur und Kultur‘ mit einer Besprechung und Aufzählung von Büchern und Gedichten beginnen, die sich implizit oder explizit auf die Neue Welt oder die USA beziehen. Damit käme man schon ganz schön weit und es wäre eine Fleißarbeit, für die man ordentlich Fleißpunkte bekäme. Ich möchte jedoch einen anderen Weg gehen, nämlich von einer Art Vogelperspektive herab einmal darüber nachdenken, was diese ganz unterschiedlichen Bezugnahmen auf Amerika eigentlich zu bedeuten haben. Das fängt an mit einem Gedicht von Gottfried August Bürger, auf das ich nachher exemplarisch eingehen möchte, geht über die Amerikabegeisterung von Goethe (und Ablehnung von Tieck) über Schiller, Karl May, Ferdinand Kürnberger bis zu Kafka und Joseph Roth, den Western und der Popkultur, die heute maßgeblich ein ganz bestimmtes Amerikabild prägen.

Ich denke, das erste, was man sich bewusst machen muss, ist, dass diese Amerikabilder, wie sie in der Literatur und Popkultur gezeichnet werden, beinahe ausnahmslos eine Imago darstellen, also eher eine Art Wunschbild sind, die sehr viel über die Gesellschaft aussagen, aus der sie entsprungen sind. Einen anderen Schluss lässt die Feststellung nicht zu, dass etwa Ferdinand Kürnberger und Joseph Roth in ihrem Leben nicht in Amerika gewesen sind und Karl May lediglich eine kurze Rundreise unternahm, lange nachdem seine ersten Abenteuerromane populär geworden waren. Sie schrieben und schöpften aus einer bestimmten kollektiven Vorstellungswelt über Amerika und festigten damit gleichzeitig diese vielleicht vormals nur diffus vorhandene Vorstellungen. Und sie popularisierten damit ‚ihr‘ Amerikabild, das, vor allem in Bezug auf Karl May, beinahe stilprägend bis in die Gegenwart hinein geblieben ist.

Wer heute über die USA schreibt, so könnte man meinen, hat schon vorher einen Eindruck von dem, was er erleben möchte, wenn er denn endlich einmal dorthin kommt. Das geht so weit, dass wir in Europa und vor allem in Deutschland sehr weitgehende Vorstellungen von den USA haben, die meistens viel detaillierter sind als die Vorstellungen, die wir von anderen europäischen Staaten haben. Dass diese Vorstellungen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben müssen, oder, etwas deutlicher formuliert, in den wenigsten Fällen überhaupt einen Anknüpfungspunkt in der Realität haben, das ist vielen Menschen vermutlich nicht bewusst. Ein Beispiel: In den letzten Jahren sind überall in Deutschland amerikanische Restaurants populär geworden. Und manche von ihnen sind in einem Stil, wie man sich Restaurants in den USA vorstellt: Lederbänke oder Sitze in Rot, Weiß oder Türkis, dazu Holztische mit Plastiküberzug und verchromten Beinen und an den Wänden irgendwelche Dekoration aus der Popkultur – oder wahlweise ein Büffelschädel oder Cowboyhut.

Es gibt nun diese Restaurants in den USA so gut wie nicht. Gut, es gibt schon ein paar wenige, vor allem in Touristenhochburgen wie entlang der Route 66 (die außer von Touristen so gut wie nicht mehr genutzt wird), aber das ist ungefähr vergleichbar mit Restaurants in Deutschland, wo die weibliche Bedienungen in Dirndln und die männlichen in Lederhosen herumlaufen: Das ist Folklore und hat mit der Realität eigentlich nicht viel zu tun. Das erinnert doch sehr an den Ausspruch eines irischen Dramatikers, wonach ihm von allen westlichen Ländern Amerika am liebsten ist, da es am wenigsten amerikanisiert sei.

Aber noch einmal einen Schritt zurück, weg von der popkulturellen Zurichtung der Wirklichkeit: Die USA waren seit Beginn der ersten Berichte nach Europa ein Sehnsuchtsort, eine Wirklichkeit gewordene Utopie, und das lässt sich auch auf ganz handfeste Gründe zurückführen. Denn die USA, und vor den USA die Kolonien, waren in erster Linie auch Anlaufpunkt für in den europäischen Ländern religiös und politisch Verfolgte, für wirtschaftlich Benachteiligte und Abgehängte und für gescheiterte Existenzen, die in der Neuen Welt ihr (zweites) Glück suchten. Dieses Freiheitsversprechen, denn darauf läuft es hinaus, schwingt auch heute noch mit, wenn wir Emma Lazarus Gedicht lesen, das auf einer Bronzeplakette an der Freiheitsstatue angebracht ist:

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!

Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!

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Foto: Wolfgang Schnier

Und auch das erinnert noch an den Gründungsmythos der USA: We the people. Dass die Unabhängigkeitserklärung von aristokratischen männlichen weißen Sklavenhaltern verfasst wurde, störte damals niemanden, weder den kleinen Farmer, der kaum Lesen und Schreiben konnte und mit dieser Unabhängigkeitserklärung kaum etwas anfangen konnte, noch seine Frau, die erst mit dem 19. Zusatzartikel zur Verfassung im Jahre 1920 ein vollständiges Wahlrecht erhielt (in der Schweiz gibt es das Frauenwahlrecht übrigens erst seit 1971). Allerdings fand die Amerikanische Revolution, wie die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der darauffolgende Unabhängigkeitskrieg manchmal genannt wird, noch lange vor der großen Französischen Revolution statt. Und die Französische Revolultion wäre nicht denkbar gewesen ohne die Amerikanische. So waren viele französische Militärs, Gesandte und Freiwillige in den Kolonien, da Frankreich aktiv die Unabhängigkeitsbewegung unterstützte, um den Kolonialrivalen Großbritannien zu schwächen, und brachten dann die Ideen von Life, Liberty and the pursuit of Happiness wieder zurück nach Frankreich, wo die absolutistische Position noch weiter geschwächt wurde. Zusätzlich stürzte sich der französische Staat völlig in die Schulden hinein, da man sich etwas verhoben hatte mit der Unterstützung der Kolonisten: Der königliche Haushalt geriet darüber derart in völliges Ungleichgewicht, sodass dies als eine wichtige Voraussetzung für die Französische Revolution wurde. Somit trug die Neue Welt von Anfang an ideel wie materiell zur Demokratisierung der Alten Welt bei. Und dies prägte auch lange Zeit das Bild der USA als die Fackel der Freiheit, als Speerspitze der Demokratie — und das ist auch die Fallhöhe, an der die amerikanische Politik vor allem heute gemessen wird.

Ich möchte am Ende noch ein Gedicht von Gottfried August Bürger besprechen. Es gehört zu den bekannteren Gedichten von ihm und heißt Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen:

Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Roß?

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau’und Rachen hau’n?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß und Hund und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg‘ und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

Mir geht es um die ersten drei Strophen dieses sozialrevolutionären Gedichtes aus dem Jahre 1773, das schon oftmals als politisches Mustergedicht für die Periode des Sturm und Drangs angeführt wurde. Ich denke, hier findet sich ein Stück Zeitgeist von damals, das letztlich in der berühmten Formulierung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung mündete. Tritt man ein Stück zurück und versucht zu beschreiben, welchem Oberthema die einzelnen Strophen gewidmet sind, so kann man sagen, dass die erste Strophe vom Leben handelt, also wie der Fürst dem lyrischen Ich das Recht zu Leben abspricht oder zumindest in erheblichem Maße in Frage stellt. Die zweite Strophe handelt von der Freiheit, nämlich  dass der Fürst die Freiheit besitzt, ungezügelt über die Unfreiheit des lyrischen Ichs zu bestimmen. Und die dritte Strophe handelt von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, von der Teilhabe an Muße und Zerstreuung, am Streben nach Glück. Und genau das steht ja in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 drin: life, liberty and the pursuit of happiness. Ich meine, diese Idee lässt sich schon bei Bürger finden. Die Französische Revolution gilt gemeinhin als Geburtststunde der Moderne, manchmal werden die Amerikanische und Französische Revolution zusammengezogen zur Atlantischen Revolution. Nun, jedenfalls zeigt sich, dass damals Ideen virulent waren, die ihre Strahlkraft bis heute nicht völlig eingebüßt haben und bis heute unser Leben und unsere Ideen und Vorstellungen prägen. Und bei Bürger scheint sich etwas zu finden, was sich dann in den USA tatsächlich manifestierte: Eine wahrgewordene Utopie. Und genau dieses Bild haben wir heute noch oft von den USA, und wenn wir sie kritisieren, legen wir meist — und meist unbewusst — diesen hohen Anspruch an die USA heran, den wir kaum für uns selbst beanspruchen würden.
Und dazu passt auch das, was Adorno über die USA gesagt hat:

Wohl ist Amerika nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aber man hat noch immer das Gefühl, daß alles möglich wäre.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Einem Gefühl aus der Distanz heraus ist wohl nicht wirklich zu trauen, oder? Amerika ist (wie alle Länder, aber ein wenig intensiver) das Land der vielen Möglichkeiten und auch der absoluten Gegensätze. Wer nicht dort war, kann nicht wirklich mitsprechen, das tun aber viele. Intellektuell kommt man nicht an AMERIKA heran. AMERIKA ist ein Bauchgefühl. Ich liebe es. Ich verabscheue es. Ich mag es. Mal so, mal so. Oder alles zusammen. Könnte man situatives Imago nennen …

  2. Man muss es erlebt haben, ja richtig, als ich 2003 dort einmal beruflich hin musste, war da gerade Terrorwarnstufe Orange, keine Ahnung warum. Also, das bedeutete auch die Schuhe ausziehen in der Sicherheitskontrolle am Flughafen (ist mir nie wieder irgendwo anders so untergekommen), dumm nur dass dabei die Löcher in meinen Strümpfen das Tageslicht erblickten. Unbegrenzte Möglichkeiten eben … sorry, wenn ein bischen off-topic, aber das fällt mir immer als Erstes ein, wenn ich persönlich an die USA denke. Ansonsten war aber alles wirklich sehr unkompliziert und locker.

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