Am 9. November, diesem deutschen Schicksalstag, wie ihn manche nennen mögen, werden wieder allerlei Gedenkveranstaltungen im ganzen Lande abgehalten. Es ist ein beliebter Tag, um Gedenksteine einzuweihen oder Stolpersteine zu verlegen oder zu reinigen, oder einem Abend des Gedenkens in der Synagoge beizuwohnen. Und es gibt auch unglaublich viel Literatur zu dem Thema Reichspogromnacht am 9.11.1938 und man ist beinahe davon erschlagen und man weiß nicht, wo man anfangen soll. Also lässt man es meistens gleich bleiben, weil, wer mag schon entscheiden können, was nun relevant, interessant und besonders wichtig ist? Das schaffen nicht einmal die Historker mehr.

So möchte ich keine direkte Empfehlung für dieses oder jenes Buch aussprechen, sondern eine bestimmte Gattung an Literatur empfehlen: Nämlich die regionalgeschichtliche Literatur. Die große Politik fand nicht nur in Nürnberg, Berlin oder München statt, sondern überall in Deutschland — und könnte man dieses Postulat nicht besser bestätigt sehen als am 9. und 10. November, als im ganzen Deutschen Reich die Synagogen brannten, die jüdischen Geschäfte geplündert und die Menschen gedemütigt, geschlagen und ermordet wurden?

Regionalgeschichte Bücher
Foto: Wolfgang Schnier

Von einem Freund habe ich allerlei hochinteressante Literatur aus dem Ruhrgebiet bekommen. Aus anderer Quelle habe ich Literatur zu dem SS-Sonderlager Hinzert im Hunsrück. Und zum Beispiel gibt es von der Gedenkstätte Emsland zu dem sehr populären Moorsoldaten-Lied eine interessante Dokumentation. Ich bin mir  sicher, dass sich nahezu überall in Deutschland regionalgeschichtliche Literatur finden lässt, die manchmal von den parteinahen (Landes-)Stiftungen verlegt und herausgebracht werden, manchmal von einer Landeszentrale für politische Bildung und manchmal von Vereinen und privaten Initiativen getragen wird. Es lohnt sich also, zuhause vor der eigenen Haustür zu schauen, wo es interessante Literatur direkt vor Ort gibt. Denn das interessiert uns doch sehr: Wie verlief der Pogrom und die Ausgrenzung bei uns vor Ort, direkt vor der eigenen Haustür? Man kann nahezu an jeden beliebigen Ort in Deutschland gehen und Geschichte nachspüren. Und das zu bewahren und offen zu legen, das ist Aufgabe der Regionalgeschichte.

Es gibt jetzt aber doch ein Buch, das sozusagen überregionale Bedeutung hat, und zwar für die Regionalgeschichte in ganz Deutschland. Und das ist das Personenlexikon von Ernst Klee zum Konzentrationslager Auschwitz. Er hat alle Menschen recherchiert, die irgendwie mit Auschwitz recherchierbar gewesen sind: Täter, Gehilfen und Opfer. Und er hat in Kurzbiographien zusammengetragen, was aus ihnen wurde. Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Täterforschung, denn nicht nur die Opfer kamen aus den Dörfern im Hunsrück oder aus dem Schwarzwald und sonst überall aus Deutschland, sondern auch die Täter wohnten irgendwo in ihren sozialen Zusammenhängen, in den großen, scheinbar anonymen Städten ebenso wie in den kleinen Dörfern auf dem Land. Und so passierte es manchmal, dass sich Nachbarn in Auschwitz wieder sahen: Der eine als Opfer, der andere als Täter. Und das kann man an vielen Stellen in diesem Personenlexikon nachlesen. Die Täterforschung hat sich meistens auf spezielle Aspekte konzentriert und um bestimmte Personengruppen gekümmert. Ich meine, es ist Zeit, dass die Regionalgeschichte sich der Täter annimmt und sie vor Ort identifiziert und dadurch erfahrbar macht, wo der Terror der Nationalsozialisten stattfand und wo die Täter her kamen: Mal aus den nahen Stadtvierteln und mal aus verschlafenen Dörfern, aber immer aus der eigenen Nachbarschaft.

Personenlexikon Auschwitz
Foto: Wolfgang Schnier

Ernst Klee: Auschwitz: Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2003.
ISBN: 9783100393333

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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