Was nervt beim Lesen mehr, als ein zu langsames Lesetempo, das einem meist immer dann auffällt, wenn es spannend wird? Es gibt sehr viele Schnelllese-Ratgeber, manche sind ziemlich esoterisch (Stichwort Flächenlesen) und manche helfen nicht wirklich. Das Problem bei vielen Methoden ist, dass meist wesentliche Informationen verloren gehen oder gar nicht erst aufgenommen werden, weil sie eben überlesen werden. Eigentlich hat man ja auch den Ehrgeiz, wirklich jedes Wort eines Textes zu lesen, zu erfassen und  zu verstehen. Und das dauert eben seine Zeit. Verliert man also beim Schnellerlesen immer ein wenig vom Verständnis des Textes? Gibt es denn keinen Kompromiss, den man vielleicht als Effektives Lesen umschreiben könnte, also schon das Tempo erhöhen, aber gleichzeitig nichts verpasst?

Es gibt nun dieses Buch von Wolfgang Schmitz, das mir sehr geholfen hat. Mit dieser Technik habe ich schon Romane an einem Tag gelesen. Es half mir, den Finger in die Wunde zu legen: Wieso lese ich eigentlich so langsam? Doch wohl auch, um dies als Beispiel aus dem Buch herauszugreifen, weil ich beim Lesen immer wieder kurz in der Zeile zurückspringe. Ich glaube, das passiert sehr vielen Menschen und das nimmt einen komplett aus dem Lesefluss. Und genau hier ist das Buch hilfreich: Es kann einem zeigen, wie man eben den Lesefluss effektiver gestaltet, sodass man nicht mehr so viel Zeit beim regulären Lesen verliert.

Schneller Lesen
Foto: Wolfgang Schnier

Man muss allerdings noch etwas anderes bedenken: Wenn man einen Roman an einem Tag liest, dann bleibt auf lange Sicht nicht viel davon hängen, egal ob man nun jedes Wort gelesen, wertgeschätzt und verstanden hat oder nicht. Die Prozesse des Memorierens und des Verstehens sind ja unabhängig vom eigentlichen Leseprozess und brauchen ihre Zeit. Daher schreibt man sich ja auch Dinge heraus oder macht sich Lesezeichen, damit man später wieder über bestimmte Passagen nachdenken kann. Und manchmal will man gar nicht schnell lesen, weil man die Sprache genießt — so geht es mir bei Thomas Mann, dessen Bücher ich manchmal über Jahre verteilt lese (was aber auch nur funktioniert, weil ich ohne Probleme mehrere Bücher gleichzeitig lesen kann).

Muss man viel Text bewältigen, etwa im Studium oder im Beruf, dann ist dieses Buch und die Methoden, die es erklärt, schon hilfreich. Aber man muss eben darauf achten, dass das Lesen nur die halbe Miete ist. Für das Studium benötigt man noch weitere Fähigkeiten der ‚Textverarbeitung‘, und im Beruf muss man auch das Gelesene irgendwie in einen Output verwandeln. Daher würde ich das Buch schon empfehlen, es ist eine großartige Hilfe und ein Augenöffner für das eigene Leseverhalten, aber mit der Einschränkung, dass es keine Wunder versprechen, sondern dabei helfen kann, das eigene Lesen effektiver zu gestalten. Das Buch ist lediglich eine technische Hilfestellung für den Prozess des Lesens selbst: Man muss sich also selbst auch Zeit zum Nachdenken geben, um eigene Gedanken zu dem Gelesenen zu entwickeln und zuzulassen. Und manchmal braucht man einfach Zeit für das Verständnis, denn manche Bücher kann man nicht schneller lesen. Aber man kann sie immerhin effektiver lesen.

Übrigens: Das Buch sollte man nicht weitergeben, wenn man damit fertig ist. Das eigene Leseverhalten fällt viel zu schnell wieder in alte Gewohnheiten zurück, wenn man nicht regelmäßig ein wenig trainiert. Daher lohnt es sich, das Buch nach einer Zeit aus der zweiten Reihe wieder in die Hand zu nehmen.


Wolfgang Schmitz: Schneller lesen. Besser verstehen. Rowohlt Taschenbuch Verlag (4. erw. Neuausgabe 2013), 304 Seiten, 9,99 €
ISBN: 9783499630453

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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11 Kommentare

  1. Warum sollte man schneller lesen können?
    Schneller schlafen.
    Schneller essen.
    Schneller atmen.
    Schneller sterben.

    Warum wollen alle das es noch schneller geht?

    Eine eher fatale Entwicklung wie ich finde.

    Ich nehme mal die Schnecke zum Gegensymbol.

    1. Ich verstehe nicht nur Deine Kritik, sondern teile sie auch. Ich mag Slow Food, ich mag meinen langsamen, ruhigen Spaziergang jeden Tag ohne Lärm und Eile. Und doch habe ich nichts dagegen, effektiver zu lesen, wenn ich es denn benötige. Das heißt nicht, dass ich meinen Thomas Mann und die anderen Bücher nicht mehr genießen würde. 😉

      1. Dies erfreut mich / sagt der dem es früher nie schnell genug ging und heute freund ist mit der Schnecke.
        L.

  2. Effektiver lesen? Da wären wir ja schnell auch beim effektiver atmen oder schlafen. Verstehe ich nicht. Ich lese leider sowieso schon viel zu schnell, und müsste eigentlich ein Buch mit umgekehrten Titel im Bücherschrank haben. Mittlerweile – also lange nach dem Studium – gestehe ich es mir zu, für die Arbeit wichtige Bücher nur in Teilen zu lesen. Aber dafür genauer. Wenn auf den ersten Seiten eh nix drin steht, was ich gebrauchen kann oder suche, kommt es sowieso wieder weg. Literatur möchte ich nicht effektiv lesen. Auch als Rezensentin nehme ich mir mehr Zeit raus, als meist zugestanden. Doch es gibt so wenig gute Literaturkritiker/innen, die nach einer schnellen Lektüre schon den Nagel auf den Kopf treffen, dass ich mir erst recht eine ausgiebige Lektüre zugestehe. Und auch hier gilt zur Not: eher weniger, aber dafür genau lesen, statt alles.

    1. In der Tat gibt es Bestrebungen für einen effektiveren Schlaf. Einige Unternehmen erproben gerade mit einigen ihrer Angestellten eine Totalüberwachung von deren Leben, angefangen von einer gesunden Lebensweise bis hin zu genügend Schlaf, damit die Angestellten auch am nächsten Tag wirklich effektiv arbeiten können. Das ist eine erschreckende Entwicklung, die aber schon vor ein paar Jahren zum Beispiel von Jonathan Crary diskutiert wurde.

      Ich denke aber, man kann das nicht unbedingt miteinander vergleichen. Ich habe ja auch darauf hingewiesen, dass man diese Techniken nicht anwenden muss, wenn man also etwas langsamer lesen möchte. Ich finde es aber hilfreich, wenn ich Texte schnell erfassen möchte, dass ich das dann auch kann. Wenn ich spazieren gehe, kann ich ja auch entscheiden, ob ich langsamer oder schneller gehe – je nach Wunsch: Beim langsamen Gehen kann ich besser nachdenken, beim schnelleren ‚Power Walk‘ verbrenne ich ein paar Kalorien zusätzlich. Und wenn ich eben nur wissen will oder muss, was in einem Buch drinsteht, etwa aus beruflichen Gründen oder weil ich im Studium (oder sonstwie) unter Zeitdruck stehe – warum dann eigentlich nicht? Wie gesagt, man muss ja nicht gleich jedes Buch so lesen (und das mache ich auch nicht).

  3. Das Buch habe ich ja auch, irgendwo, dritte oder fünfte Reihe mittlerweile, oder sogar ganz verlassen in irgendeinem Bananenkarton. Aber ich nahm es mal zur Hand, Bleistift in der rechten und machte die Übungen. Tatsächlich verbesserte sich die Geschwindigkeit, tatsächlicher aber bin auch ich ein Flaneur, Typ Hund, der immer wieder an den unmöglichsten Stellen schnüffeln muss. Das braucht Zeit, lenkt ab, ist schön. Derweil stapeln sich die Bücher. In gewisser Weise wollen diese Bücher doch, dass man zu keinem Ende kommt. Wieso sollte man also schneller zu keinem Ende kommen wollen.

    Echtes Lesen (sofern es um diese Art von Lektüre geht) braucht geradezu die Ausschweifung, dieses ewige Darüberhinaus- und Fortlesen. Meine Meinung (um 7 Uhr).

    Thomas Mann-Leidenschaft….psssst….bei mir auch. Wenn ich dazu komme.

    Freundlichst
    Herr Hund

    1. Ja, das sehe ich ähnlich. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich stärker hätte betonen müssen, dass es mir nicht darum geht, Bücher wie am Fließband zu lesen, schon gar nicht Romane, die man aus Genuß liest. Aber es gibt ja tatsächlich Menschen, die müssen viel Literatur in ihrem Beruf oder Studium bewältigen, die sie nicht unbedingt aus Vergnügen lesen. Darum ging es mir eigentlich.

  4. Es gibt Bücher, die ich genieße und bewusst langsam lese. Andere stapeln sich, weil ich sie für eine Arbeit lesen muss und will und nicht weiß, wie ich das schaffen soll. Deshalb freue ich mich über deinen Tipp. Meine Genussbücher lasse ich weiterhin wie Schokolade auf der Zunge zergehen.

      1. So scheint mir das auch am sinnvollsten : )
        Ich lese auch eher schnell. Als ich den Titel deines Beitrags las, musste ich sofort – natürlich – an dieses recht bekannte Zitat von Woody Allen (angeblich) denken: „Ich habe einen Kurs im Schnellesen gemacht und habe Krieg und Frieden in zwanzig Minuten gelesen. Es handelt von Russland.“

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