Die Moleküle setzen sich in schwindelerregendem Tempo zu ständig neuen Variationen zusammen, so wie sich Buchstaben zu neuen Wörtern fügen, um dann zu Sätzen und am Ende zu ganzen Büchern zu werden. Stellt man sich die Wassermoleküle als Buchstaben vor, könnte man sagen, dass das Meer alle Bücher enthält, die jemals in bekannten oder unbekannten Sprachen geschrieben wurden. In den Meeren entstanden auch andere Sprachen und Alphabete, beispielsweise die RNA- und die DNA-Moleküle, die letztlich festlegen, ob am Ende eine Blume, ein Fisch, ein Seestern, ein Glühwürmchen oder ein Mensch entsteht.

Was kann schon schief gehen, wenn man auf Eishaijagd geht? Und kann man über einen Bootsausflug ein ganzes Buch schreiben? Offensichtlich ja, und  zwar ein sehr interessantes und unterhaltsames dazu. Also eben einmal einen Eishai an den norwegischen Fjorden, genauer zwischen Bodø und den Lofoten im Vestfjord, fangen, und das mit einer Angel und einem Angelhaken? Wohlgemerkt, ein Eishai kann bis zu 5 Meter lang werden und bis zu 2,5 Tonnen wiegen. Das braucht seine Zeit und vor allem Vorbereitung, denn man muss einen Lockköder beschaffen (zum Beispiel ein halb verfaultes und verwestes Schottisches Hochlandrind, das am anderen Ende der Insel verendet ist), ein passendes Boot auswählen und, das wichtigste, das richtige Wetter abwarten. Zwischendurch bietet es sich an, den Winterkabeljau zu fangen, die ehemalige Fischfabrik, in der Hugo wohnt und in der unsichtbare Uhren hängen, die alle falsch gehen, muss renoviert und ausgebaut werden, außerdem steht ein großes Fest bevor, damit Geld in die Kasse kommt und ganz nebenbei muss auch einem Brotverdienst nachgegangen werden. Hugo, mit dem der Ich-Erzähler gerne auf Eishaijagd geht, ist nicht nur Besitzer besagter halb umgebauter Fischfabrik, sondern auch noch Maler, der in Deutschland Kunst studiert hat. Und so ergeben sich beim Warten auf besseres Wetter Gespräche über die norwegischen Klassiker und, viel interessanter, ein Nachdenken über das Meer, seine Bedeutung für den Planeten und für uns Menschen. Und das funktioniert in verschiedene Richtungen: Einmal gibt es eine ungeheure Kulturgeschichte des Meeres, der Meeresbewohner, des Fischfangs, der Kartographie, des Leuchtturms, des Fischens, und der Sagas, und das von der Antike bis zur Frühen Neuzeit, von Vergil über Olaus Magnus zu Rimbaud, von Jona im Wal zu Moby Dick, von Dante über Edgar Allen Poe zu George Orwell. Zum anderen gibt es Erkenntnisse der neuesten Meeresforschung, die mit ihren Funden an bisher unbekannten Meeresbewohnern an vielen Stellen die Phantasiegestalten der mittelalterlichen Autoren noch übertreffen. All das ist hochinteressant und vor allem in einer flüssigen und leicht lesbaren Sprache geschrieben. Doch wird ein solches Nachdenken dem elementaren Erlebnis auf dem Meer gerecht?

Das tiefe, salzige, schwarze Meer brandet uns entgegen, kalt und gleichgültig, ohne jede Emphatie. Es ist sich selbst genug, es braucht uns nicht, es schert sich nicht um unsere Hoffnungen, unsere Ängste — und schon gar nicht um unsere Beschreibungen. Die dunkle Masse des Meeres ist von überlegender Kraft. Viele Menschen sind bereits in so eine Situation gekommen, seit ein paar übermütige Vorfahren von uns einen ausgehöhlten Baumstamm aufs Wasser gesetzt haben, auf schlummernden Wellen losgepaddelt sind und zu weit aufs Meer getrieben wurden, wo die Strömungen stärker waren als Arme und Paddel oder sie vielleicht von schlechtem Wetter überrascht wurden. Alle müssen denselben Kälteschauer gespürt haben, als ihnen aufging, dass das Meer wahrhaftig keine Sentimentalität kennt und kein Gedächtnis hat. Was es verschluckt, verschwindet, wird zu Nahrung für Fische, Krebse und Borstenwürmer, für Schleimaale, Plattwürmer, Ringelwürmer und all die Schmarotzer in der Tiefe. Versunken und umfangen vom ewigen Ganzen.

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Foto: Wolfgang Schnier

Das Buch ist eine Hommage an das Meer und seine Bewohner und reiht sich im Grunde ein in die Literatur über das Meer, die alle Jahrzehnte oder Jahrhunderte aus dem besonderen Blickwinkel der jeweiligen Zeitumstände auf das größte Ökosystem auf unserem Planeten schaut. Und es könnte sein, dass diese Hommage eine der letzten sein wird, die das Meer in der Art noch beschreiben kann: Klimawandel und Umweltverschmutzung greifen so rapide um sich, dass es scheint, dass die Tage des Meeres, wie wir es kennen, gezählt sind. Denn das Meer hat eine Reaktionszeit von rund 30 Jahren, so habe ich es jetzt gelernt, und die ersten zaghaften Bemühungen, dem Klimawandel entgegen zu treten, sind noch viel jünger — und noch nicht wirklich weit voran geschritten. Aber das erfährt man wie nebenbei in diesem Buch, da das zwar schon thematisiert wird, aber im Vordergrund stehen eigentlich die Beschreibungen des Meeres und seiner Geschichte, der Landschaft im Vestfjord und das Leben in Nordnorwegen. Und, ach ja, es geht ja eigentlich darum einen Eishai zu fangen.

Wespen sind für Menschen viel gefährlicher als Haie. Über den ganzen Erdball verstreut töten Haie zehn oder zwanzig Menschen im Jahr. Im selben Zeitraum töten wir ungefähr dreiundsiebzig Millionen Haie. Trotzdem sehen wir in ihm ein gefährliches Raubtier. Dieses Paradox entgeht weder Hugo noch mir.
Haie werden nie einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen. Pandabären, Katzen, Hundewelpen, Delfine und Schimpansenbabys befinden sich am oberen Ende der Skala, Haie hingegen am unteren. Wenn Menschen heute von Haien angegriffen werden, hallt in uns ein Echo aus ferner Urzeit nach, als wir die Welt noch nicht mit unserer überlegenen Technologie beherrschten. Für ein paar Sekunden verlieren wir die Kontrolle: Plötzlich sind wir nicht der Jäger, sondern die Beute.

Leider habe ich bisher wenige Bücher über das Meer gelesen (oder, ehrlicherweise: vermutlich überhaupt keines), sodass ich dieses Buch nicht so recht vergleichen kann mit anderen Zugängen zu diesem Thema. Allerdings, das weiß ich jetzt, wenn ich zukünftig ein ähnliches Buch in die Hand nehmen werde, werden die Erwartungen ganz schön hoch sein. Das Buch ist nicht nur hochinteressant, sondern auch unwahrscheinlich unterhaltsam zu lesen.

Und wie ist das jetzt einen 2,5 Tonnen schweren Eishai mit einer Angel zu fischen? Es ist ein Abenteuer, über das sich das Lesen lohnt!


Morten A. Strøksens: Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen. DVA-Belletristik 2016, 368 Seiten, 19,99 €.
ISBN: 9783421047397

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Komisch, ich fand das Buch ziemlich „dünn“. Seitenweise sind nur Fakten zusammengetragen, minimal zusammengehalten durch einen oft ziemlich hölzernen Dialog, die „Story“ selbst kommt kaum zum Leben, und als endlich Streit in der Luft liegt, ist das Buch auch schon am Ende. Nö. Hat mich nicht überzeugt. Obwohl mir die Idee wirklich gut gefiel.

    1. Nun, es ist auch kein Roman und wird auch nicht als ein solcher beworben. Wenn man das im Hinterkopf behält und die hochinteressanten Zusammenhänge aus der Kulturgeschichte des Meeres zu schätzen weiß, dann ist es schon eine sehr kurzweilige Lektüre, wie ich finde.

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