„Erste Vorsichtsmaßregel des Schriftstellers: jeden Text, jedes Stück, jeden Absatz daraufhin durchzusehen, ob das zentrale Motiv deutlich genug hervortritt. Wer etwas ausdrücken will, ist davon so bewegt, daß er sich treiben läßt, ohne darauf zu reflektieren. Man ist der Intention zu nah, ‚in Gedanken‘, und vergißt zu sagen, was man sagen will.

Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch erscheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen.

Nie darf man kleinlich sein beim Streichen. Länge ist gleichgültig und die Furcht, es stehe nicht genug da, kindisch. Man soll nichts darum schon für daseinswert halten, weil es einmal da ist, niedergeschrieben ward. Variieren mehrere Sätze scheinbar den gleichen Gedanken, so bezeichnen sie oft nur verschiedene Ansätze etwas zu fassen, dessen der Autor noch nicht mächtig ist. Dann soll man die beste Formulierung auswählen und an ihr weiter arbeiten. Es gehört zur schriftstellerischen Technik, selbst auf fruchtbare Gedanken verzichten zu können, wenn die Konstruktion es verlangt. Deren Fülle und Kraft kommen gerade unterdrückte Gedanken zugute. Wie bei Tisch soll man nicht den letzten Bissen essen, die Neige nicht trinken. Sonst macht man der Armut sich verdächtig. (…)

Hat man gegen eine abgeschlossene Arbeit, gleichgültig welcher Länge, auch nur die geringsten Einwände, so soll man diese ungemein ernst nehmen, außer allem Verhältnis zu der Relevanz, mit der sie sich anmelden. Die affektive Besetzung des Textes und die Eitelkeit tendiert dazu, jedes Bedenken zu verkleinern. Was nur als winziger Zweifel durchgelassen wird, mag die objektive Wertlosigkeit des Ganzen anzeigen. (…)

In seinem Text richtet der Schriftsteller häuslich sich ein. Wie er mit Papieren, Büchern, Bleistiften, Unterlagen, die er von einem Zimmer ins andere schleppt, Unordnung anrichtet, so benimmt er sich in seinen Gedanken. Sie werden ihm zu Möbelstücken, auf denen er sich niederläßt, wohlfühlt, ärgerlich wird. Er streichelt sie zärtlich, nutzt sie ab, bringt sie durcheinander, stellt sie um, verwüstet sie. Wer keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das Schreiben zum Wohnen. Und dabei produziert er, wie einst die Familie, unvermeidlicherweise auch Abfall und Bodenramsch. Aber er hat keinen Speicher mehr, und es ist überhaupt nicht leicht, vom Abhub sich zu trennen. So schiebt er ihn denn vor sich her und ist in Gefahr, am Ende seine Seiten damit auszufüllen. Die Forderung, sich hart zu machen gegens Mitleid mit sich selber, schließt die technische ein, mit äußerster Wachsamkeit dem Nachlassen der gedanklichen Spannkraft zu begegnen und alles zu eliminieren, was als Kruste der Arbeit sich ansetzt, was leer weiterläuft, was vielleicht in einem früheren Stadium als Geschwätz die warme Atmosphäre bewirkte, in der es wächst, jetzt aber muffig, schal zurückbleibt. Am Ende ist es dem Schriftsteller nicht einmal im Schreiben zu wohnen gestattet.“

Auszüge aus: Adorno: Hinter dem Spiegel. In: Gesammelte Schriften 4 (Minima Moralia), S. 95-98.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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6 Kommentare

  1. Philosophische Meta- Schriftstellerei, lieber Wolfgang, kann geniale literarische Werke verhindern…

    unnötiges Ängsteschüren durch Ober(be)lehrer-Gehabe…

    ich halte von all dem nicht besonders viel.

    Liebe Novembergrüße vom Lu

    1. Lieber Lu, das ist ja das Schöne: Man kann die Dinge begutachten und für sich entscheiden, was einen weiterbringt. Und dann seine beste Wahl treffen. Das muss man jedes Mal wieder von Neuem entscheiden. Daher ist es wichtig, sich diese Möglichkeit offen zu halten und zu bedenken, was einen eben weiterbringt und was nicht. Und das wird wohl so verschieden sein wie wir Menschen nun einmal sind. Und das ist doch das Schöne!

      1. Vollkommen richtig, lieber Wolfgang!

        (Sorry, aber ich las Adorno, und da geht mir immer gleich die Hutkrempe erst mal hoch! *g* )

        Abendgrüßle vom Lu

  2. Lieber Wolfgang,
    ich halte von dem sehr viel. Nicht nur bezüglich des nochmaligen Nachdenkens und Verstehens unseres letzten Austauschs, sondern auch aus einer eigenen, unmittelbaren Erfahrung: Mir fällt das Schreiben besonders schwer, wenn ich emotional aufgewühlt bin, mich etwas zornig, hilflos oder wütend macht – dann will ich besonders gut, besonders eloquent schreiben und meist geht dann gar nichts mehr bis es zum eruptiven Schreibanfall kommt. Da sind die Vorsichtsmaßregeln von Herrn Adorno doch sehr hilfreich.

    1. Das freut mich!

      Ich weiß gar nicht, wann ich am besten schreiben kann: Manchmal muss ich völlig übermüdet dafür sein, manchmal unter emotionalem Strom stehen, und manchmal klappt es nur völlig nüchtern ohne Frühstück beim ersten Kaffee am morgen. Aber vor allem, wenn ich emotional aufgewühlt geschrieben habe, aber auch bei den anderen Situationen, muss ich alles Geschriebene überarbeiten, überdenken, verfeinern, würzen, abschmecken, kürzen. Und das möglichst in einer anderen Situation, als die, in der ich den jeweiligen Text geschrieben habe.

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