Oftmals kommt diese Frage auf — Gedichte von Paul Celan gelten als ’schwer interpretierbar‘, als ‚hermetisch‘ oder als ‚besonders auslegungsbedürftig‘. Das stimmt zum Teil auch, einer der Celanforscher meinte einmal, Gedichte von Celan zu lesen bedeute, eine neue Sprache zu lernen. Das ist ein gutes Bild, denn es ist in der Tat so, dass man ein wenig Übung braucht. Das gilt aber für jede Gedichtinterpretation, daher sollte man sich vielleicht erst einmal ansehen, wie andere an Gedichte herangehen. Ich bin der Meinung, dass man zwar Gedichtsinterpretationen üben kann, aber man braucht eine Basis, eine Spur oder eine Idee, wie man überhaupt anfangen soll. Wenn man sich nun eine Anthologie mit Gedichtsinterpretationen zulegt, von denen es sehr viele gibt, wenn man einmal danach sucht, dann sollte man nicht mit dem Anspruch an sie herangehen, dort ‚endlich zu erfahren, was dieses oder jene Gedicht nun eigentlich zu bedeuten hat‘, sondern es bietet sich vielmehr eine Herangehensweise an, die sich sagt: ‚Welche Möglichkeiten gibt es eigentlich, dieses Gedicht zu verstehen und kann dies mir für meinen Zugang ein Beispiel sein?‘ Eines dieser Beispiele für einen eigenen Zugang für Paul Celans Gedichte könnte diese Annäherung an die Todesfuge sein. Wichtig finde ich zu verstehen, dass dies ein individueller Zugang ist, und keine ‚objektive Gültigkeit‘ beansprucht, die es in der Form auch gar nicht gibt. Es gibt so viele Zugänge zu einem Gedicht wie es LeserInnen gibt und keinem möchte ich einen Vorrang geben.

Ich denke, dieses Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein ist bereits eine wichtige Voraussetzung, um sich Gedichten von Paul Celan zu nähern. Denn die Gedichte von Paul Celan sprechen tatsächlich in einer anderen Sprache: Sie sind nicht leicht konsumierbar wie ein Werbespot, die Kulturindustrie kann nichts mit ihnen anfangen, die alles vereinahmt und alles verkaufen will. Daher sprechen die Gedichte Celans, vermutlich mehr als andere Gedichte, noch den Menschen in uns an, und nicht den Kunden. Und mir scheint, dass uns diese Ansprache fremd geworden ist in unserer postmodernen Konsumgesellschaft und wir daher irritiert sind. Und genau darin liegt aber das Besondere, wenn wir anfangen, Gedichte von Paul Celan verstehen zu wollen: Es besteht die Chance, dass wir wenigstens ein Stück weit immunisiert werden gegenüber den Zumutungen unserer Zeit und uns wieder ein klein wenig mehr als Mensch fühlen können. Doch dafür brauchen wir ein Grundvertrauen in uns selbst, dieses Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, dass wir noch in der Lage sind, die Gedichte von Paul Celan zu verstehen, ohne dass wir jemanden brauchen, der uns die Gedichte erklärt, der uns das Mensch-sein erklärt.

Wie gesagt, kann man an Beispielen lernen, etwa auch, wenn man andere Gedichtsinterpretationen von ‚hermetischen‘ Gedichten liest, wie etwa dieses Gedicht von Lajser Ajchenrand. Dann wird zum Beispiel deutlich, dass zwar jedes Wort wichtig ist, man aber für das Gesamtverständnis eines Gedichtes nicht jedes Wort erklären muss. Es muss allerdings in sich stimmig sein, eine Interpretation muss schlüssig sein und keine Elemente im Gedicht dürfen gegen eine Interpretation sprechen. Man kann auch aus gewissen Erfahrungswerten ableiten, etwa wenn man sagt, dass Steine in den Gedichten Celans oft die Steine sind, die man auf jüdische Gräber legt. Das muss man mitbedenken, auch wenn die Steine in dem jeweiligen Gedicht in einem völlig anderen Zusammenhang stehen, wie etwa in dem Gedicht In den Flüssen:

In den Flüssen nördlich der Zukunft
werf ich das Netz aus, das du
zögernd beschwerst
mit von Steinen geschriebenen
Schatten.

Wenn man dies über Celans Steine weiß, dann ist man schon ein gutes Stück weiter bei diesem Gedicht aus dem Zyklus Atemkristall (der wiederum in den Zyklus Atemwende aufgenommen wurde). Und die Formulierung nördlich der Zukunft erinnert nun an J.M Barries Peter Pan. Und das macht wiederum deutlich, dass man ein wenig mit intertextuellen Bezügen rechnen muss und ein wenig gedanklich flexibel sein sollte, um auch solche Dinge an ein Gedicht heranzutragen. Dabei ist die Frage, ob ein Autor diese Dinge tatsächlich beabsichtigt hat, eher zweitrangig. Das fragte man sich früher oft, aber mir scheint, viel wichtiger ist, was in einem Gedicht letztlich drinsteckt, Intention des Autors hin oder her. Nun, der fließende Fluß ist schon immer ein Symbol für die verrinnende Zeit gewesen und bei Schatten denkt man gleich an ‚Schatten der Vergangenheit‘, gerade auch, weil auf die Symbolik der verrinnenden Zeit angespielt und die Zukunft direkt angesprochen wird. Somit gibt es eine Art Spannungsbogen, der sozusagen rückwärts läuft: In Sorge um die Zukunft wird der Vergangenheit gedacht. Dieses Rückwärtslaufen ist nun auch ein interessantes Merkmal des Atemkristall-Zyklus insgesamt, das erste Gedicht beginnt mit einem Schrei, das letzte Gedicht endet im Verstummen. Dieses Rückwärtslaufen scheint also ein tragendes Element zu sein, sowohl in diesem Gedicht als auch in dem Zyklus insgesamt. Man kann dieses Rückwärtslaufen auch als einen Antiklimax verstehen, und wenn man diese Spur, diese Idee hat, dann kann man damit vielleicht auch an andere Gedichte in diesem Zyklus herangehen.

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Foto: Wolfgang Schnier

Und damit ist ein weiteres wichtige ‚Werkzeug‘ vorgestellt, um Celans Gedichte lesen zu können, nämlich ein Vorgehen, das sowohl genau liest, was da steht (und das ernst nimmt, was da steht), als auch Kontexte und intertextuelle Bezüge heranzuziehen. Man könnte das in einem Literaturseminar Hermeneutik nennen, aber das führt oft nur zu langweiligen Diskussionen, ob jetzt Gadamer oder Szondi gemeint ist. Aber gut, es schadet nicht, wenn man diese Namen auch einmal gehört hat. Wichtig ist aber, dass man gedanklich flexibel an ein Gedicht heran geht und bereit ist, verschiedene Nuancen wahrzunehmen, unterschiedliche Herangehensweisen zu entwickeln (und vielleicht das eine oder andere wieder zu verwerfen) und damit ein kritisches Verständnis entwickelt; kritisch in dem Sinne, dass wir uns aktiv mit dem Gedicht und seinen Bildern auseinandersetzen. Man sieht auch, wie dieser Anspruch ein wenig mit dem ersten Punkt zusammengeht.

Das wären meine drei Hinweise für das Lesen von Celans Gedichten: Beispiele von anderen Interpreten lesen, sich selbst eine eigene Interpretation zutrauen und dadurch ein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickeln sowie ein genaues, intertextuelles Lesen der Gedichte. Jedoch muss man sich bei all dem Zeit nehmen. Das eigentliche Lesen ist nur ein kleiner Teil der Gedichtsrezeption. Das Nachdenken über das Gedicht ist ebenso wichtig und kann Tage, manchmal Wochen dauern.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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